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Dienstag, 12. Juni 2018

Trump und Kim plötzlich Freunde: Und was ist jetzt konkret passiert?

Von Benjamin Konietzny

Ein historisches Gipfeltreffen, Bilder, die Geschichte schreiben werden: Das Treffen zwischen US-Präsident Trump und Nordkoreas Diktator Kim Jong Un gilt als Sensation. Das Ergebnis ist dürftig und dennoch ein Erfolg.

"Aus Feinden können Freunde werden", sagt US-Präsident Donald Trump bei der Pressekonferenz nach dem Treffen mit Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un. Und glaubt man den Bildern, die auf dem Gipfel in Singapur entstanden sind, hat er Recht. Kim und Trump reichen sich die Hände, lächeln sich an, essen gemeinsam zu Mittag, gehen spazieren, laden sich gegenseitig in ihre Hauptstädte ein und – daran wird sich das Treffen messen lassen müssen – unterzeichnen eine gemeinsame Erklärung.

Der 34-jährige Kim wartet zu Beginn des Treffens auf den US-Präsidenten. Er ist sieben Minuten früher am Hotel Cappela als Trump, so gehört sich das in Korea für den Jüngeren. Dann erscheint Trump, Kim sagt "Nice to meet you, Mr. President". Noch vor Monaten hatten die beiden sich mit Drohungen übertrumpft. Trump nannte Kim ein "armes Hündchen", Kim Trump einen "Wahnsinnigen". Nun sollen die Gegner plötzlich Partner sein, Freunde gar. "Einige Leute werden denken, das ist ein Science-Fiction-Film", fasst Kim das surreal wirkende Treffen zusammen. Trump glaubt, dass es eine "tolle Beziehung" werden wird. Der US-Präsident zeigt dem nordkoreanischen Diktator seine gepanzerte Limousine und erkundigt sich beim gemeinsamen Mittagessen bei den Fotografen, ob auf den Bildern alle "gut, hübsch, dünn und perfekt" aussehen.

Das Treffen soll Harmonie ausstrahlen, allein das ist in der feindseligen Geschichte der nordkoreanisch-amerikanischen Beziehungen einen Eintrag in den Geschichtsbüchern wert. Doch mit welchen Erwartungen sind die Delegationen beider Staaten angereist, was wurde erreicht? US-Außenminister Mike Pompeo hatte vor dem Gipfel definiert, was aus seiner Sicht erreicht werden müsse: Die nukleare Abrüstung Nordkoreas müsse vollständig, verifizierbar und unumkehrbar sein.

Hochhäuser und neue Autobahnen für Nordkorea

Und für Nordkorea? Kim sitzt mit dem mächtigsten Mann der Welt am Verhandlungstisch, wird umgarnt. Trump zeigt ihm ein Video, das er hat produzieren lassen. Das zeigt, wie er sich die Zukunft Nordkoreas vorstellt: mit Hochhäusern, modernen Autobahnen, und blühenden Landschaften gewissermaßen. Allein die Tatsache, dass sich Trump mit ihm trifft, ist für Kim Jong Un ein riesiger Erfolg. Er hat sich mit seinen Atomwaffen Gehör verschafft, hat die Angst vor einem Krieg geschürt und sich dann nach einer anschließenden Phase der Harmonie in eine Position manövriert, in der er als brutaler Diktator legitimiert wird, so wie irgendein anderer Staatschef dieser Welt. Kim ist auf Augenhöhe mit dem US-Präsidenten, da wollte er hin.

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Das greifbare Ergebnis des Gipfels schließlich ist ein Dokument, das beide während einer großen Zeremonie an einem schweren, flaggengesäumten Holztisch unterzeichnen. Trump hält das Papier anschließend in die Kamera, so wie er es in der Vergangenheit mit seinen Dekreten getan hat. Kim unterschreibt, will die Mappe mit dem Dokument zuklappen, zögert kurz, schaut sich das Papier noch einmal an und lächelt.

Ihre Unterschrift haben die beiden Staatschefs unter eine Vereinbarung gesetzt, die vor allem unkonkret ist. Beide Staaten verpflichten sich darin, neue, friedliche Beziehungen zu schaffen und sich um ein "stabiles Friedensregime" auf der koreanischen Halbinsel zu "bemühen". Nordkorea will auf eine "vollständige Entnuklearisierung" hinarbeiten. Das erinnert stark an Vereinbarungen, die bereits in der Vergangenheit getroffen wurden. Etwa 1993, als Nordkorea und die USA sich schon einmal darauf einigten, ein atomwaffenfreies Korea und friedlichere Beziehungen anzustreben. Nachhaltig verbessert haben sich die Beziehungen damals nicht – im Gegenteil.

Warum sollte Nordkorea seine Atomwaffen abgeben?

Die USA ihrerseits verpflichten sich in dem Dokument von Singapur zu "Sicherheitsgarantien", wie es in dem Text heißt. Bei einer Pressekonferenz nach dem Treffen mit Kim kündigt Trump außerdem an, dass die gemeinsamen Großmanöver mit Südkorea in der Region gestoppt werden sollen. Dabei geht es dem US-Präsidenten jedoch nicht nur um den Weltfrieden, sondern auch um die Kosten. Die Manöver mit Südkorea nennt er "Kriegsspiele", die "extrem teuer" gewesen seien. Und die Sanktionen gegen das isolierte Land? Sie sollen erst gelockert werden, wenn klar sei, dass Nordkorea mit der Abrüstung begonnen habe. Das werde aber "sehr, sehr schnell passieren", gibt sich der US-Präsident optimistisch.

Allerdings räumt er auch ein, dass er und Kim "keine Zeit" gehabt hätten, über Details der Denuklearisierung zu sprechen. Einen Zeitrahmen gibt es für die Abrüstung nicht, auch kein konkretes Versprechen und auch die Frage nach den Kontrollmechanismen bleibt ungeklärt.

"Vollständig, verifizierbar und unumkehrbar", so wie Außenminister Pompeo die Ziele formuliert hatte, ist das Ergebnis des Gipfels also nicht. Als Trump in der Pressekonferenz darauf angesprochen wird, entgegnet er, dass dies noch passieren werde. "Es wird verifiziert werden." Daran würden "viele Leute" beteiligt. Er bleibt vage. Als er gefragt wird, wie er sicherstellen könne, dass es von nordkoreanischer Seite nicht bloß bei Worten bleibe, sagt er: "Kann ich für irgendetwas garantieren? Mein Leben ist ein Leben voller großartiger Deals. Gute Deals sind großartig für die Welt. Kann man sich über irgendetwas sicher sein?" Trump versucht, es so wie Kim zu sehen: Allein, dass das Treffen stattgefunden hat, soll also ein Erfolg sein.

Vielleicht wird Nordkorea seine Atomwaffen vernichten. Vielleicht aber auch nicht. Denn sie sind für den Diktator und seine mächtige Clique eine Lebensversicherung und ein Druckmittel. Eines, das zuletzt Erfolge gebracht hat. Hätte Donald Trump dem Lenker eines wirtschaftlich nahezu unbedeutenden Staates eine derartige Bühne bereitet, wenn zuvor nicht das Szenario eines Atomkrieges durch die Welt gegeistert wäre? Vermutlich nicht.

Doch bei allen Unwägbarkeiten, bei der vagen Formulierung des Dokuments, ist der Gipfel dennoch ein Erfolg. Denn unterm Strich sind sich die USA und Nordkorea an diesem Tag so nahe gekommen, wie sie es seit 70 Jahren nicht waren. Die Gefahr eines Krieges auf der koreanischen Halbinsel, möglicherweise eines globalen nuklearen Konfliktes, ist fürs Erste gebannt. Nicht weniger ist auf dem Gipfel herumgekommen. Aber auch nicht mehr.

Quelle: n-tv.de