US-Regierung spricht von NotwehrVideobilder zeigen: Alex Pretti war keine Gefahr für ICE-Kräfte

Hart ja, aber notwendig und gerechtfertigt. So stellen Mitglieder der US-Regierung die Tötung von Alex Pretti durch ICE-Kräfte dar. Der 37-Jährige habe eine Bedrohung dargestellt, so die Behauptung. Videobilder zeigen jedoch etwas ganz anderes.
Nach der Tötung des 37-jährigen US-Bürgers Alex Pretti durch Einsatzkräfte der Einwanderungsbehörde in Minneapolis geht der Kampf um die Deutungshoheit über die Geschehnisse weiter. Zahlreiche Vertreter der US-Regierung, darunter Heimatschutzministerin Kristi Noem und Vizepräsident JD Vance behaupten, der erschossene Krankenpfleger sei eine Bedrohung für die ICE-Kräfte gewesen und diese hätten aus Notwehr gehandelt. Der stellvertretende Stabschef des Weißen Hauses, Stephen Miller, bezeichnete Pretti auf X gar als "Attentäter". Videos der Tat ließen frühzeitig Zweifel an dieser Darstellung aufkommen. Eine detaillierte Analyse der "New York Times" nährt diese.
Die Zeitung beschreibt die letzten 48 Sekunden von Prettis Leben. Sie tut das mithilfe von Screenshots aus einem Video, das die Tat zeigt. Auf den Bildern ist zunächst zu sehen, wie sich zwei Frauen einem ICE-Beamten nähern, der an einem in zweiter Reihe geparkten Fahrzeug steht. Unklar ist dabei, ob es sich um ein Fahrzeug der Einwanderungsbehörde handelt oder um eines, das deren Einsatzkräfte gestoppt oder durchsucht haben. Alex Pretti ist einige Meter entfernt, nähert sich jedoch den Frauen und dem Beamten. In einer Hand hält er sein Smartphone, mit der anderen gibt er einem Autofahrer ein Handzeichen, er solle an ihm vorbeifahren.
Die ICE-Kraft, dem sich die beiden Frauen genähert haben, beginnt, sie auf die andere Seite der Straße zu drängen. Er schubst eine der Frauen, sodass sie zu Boden geht. Alex Pretti steht zu diesem Zeitpunkt direkt neben ihm. Er hält weiterhin lediglich sein Smartphone in der Hand. Den anderen Arm hat er um die zweite Frau gelegt, die er offenbar zu schützen versucht.
Pretti versucht mit seiner freien Hand kurz den ICE-Beamten zu blockieren. Pretti hebt seine Hand jedoch sofort deutlich sichtbar in die Höhe - wie um zu signalisieren, dass von ihm keine Gefahr ausgeht. Zudem dreht sich Pretti von dem Mann weg. Der greift wiederum zum Pfefferspray und sprüht mehrfach in Richtung von Prettis Kopf. Pretti steckt sein Smartphone in seine rechte Jackentasche und wird zunächst von der Einsatzkraft gestoßen und dann weggezerrt. Weitere ICE-Beamte kommen hinzu. Mindestens drei von ihnen ringen Pretti zu Boden. Einer von ihnen schlägt mit seiner Pfefferspraydose mehrfach auf Prettis Kopf ein.
Das ist die Situation, in der die Einsatzkräfte erstmals die Waffe zu Gesicht bekommen, die in Prettis hinterem Hosenbund steckte. Zuvor hatte Prettis Jacke dessen Hüftpartie und damit die Waffe verdeckt. Da ein ICE-Beamter Pretti umklammert, hätte der kaum nach seiner Waffe greifen können. Im Gegenteil: Eine weitere Einsatzkraft kommt hinzu und zieht die Waffe aus Prettis Hosenbund. Parallel zur Abnahme der Waffe zieht ein weiterer ICE-Beamter seine eigene aus dem Holster. Eine Sekunde später schießt er - laut "New York Times" viermal.
Pretti bedrohte ICE-Kräfte nicht
Pretti sackt zusammen, die ICE-Kräfte entfernen sich von ihm. Ein weiterer Beamter zieht ebenfalls seine Waffe und gibt, wie der andere, Schüsse auf Pretti ab. Mindestens zehn Schüsse feuern die beiden insgesamt ab. Es wird aus den Bildern nicht ersichtlich, warum die erste ICE-Kraft überhaupt ihre Waffe zog und schoss. Pretti war die gesamte Zeit über am Boden, die Waffe wurde ihm abgenommen. Der Getötete machte zudem keinerlei aggressive Bewegungen in Richtung der ICE-Beamten.
Fakt ist, Pretti hat die ICE-Kräfte zu keiner Zeit mit seiner Waffe bedroht. Er hat diese zu keinem Zeitpunkt überhaupt nur in der Hand. Der einzige Gegenstand, den er in der Hand hielt, war sein Smartphone. Die Einsatzkräfte können die Waffe maximal wenige Sekunden gesehen haben, bevor die ersten Schüsse fielen. Die Waffe wurde erst entdeckt, als bereits drei von ihnen Pretti am Boden fixiert hatten und weitere fünf um ihn herum standen. Sekunden später fielen die ersten Schüsse auf den bewegungsunfähigen Mann.