Politik

"Leichen lagen auf der Straße" Videos zeigen Verwüstung in Mariupol

Seit Wochen kesseln russische Truppen Mariupol ein. Die ständigen Bombardements haben ihre Spuren in der südukrainischen Hafenstadt hinterlassen. Einige Videos zeigen eindrücklich, wie wenig übrig geblieben ist.

Dort, wo früher Autos gefahren sind, liegt nun mitten auf der Straße ein Strommast. Ein Twittervideo zeigt die Spuren, die die ersten vier Wochen der russischen Invasion in der südukrainischen Hafenstadt Mariupol hinterlassen haben. Gefilmt wurde eine Autofahrt, die vorbei an einem mehrstöckigen Wohnhaus am Stadtrand führt. Durch die Häuserruinen kann man inzwischen hindurchblicken und die Bauwerke dahinter sehen. Auf der anderen Seite der Straße ist die oberirdische Stromleitung völlig zerstört, Bäume drumherum sind abgeknickt. Das Video endet vor einem flachen Gebäude, das komplett ausgebrannt ist. Nichts lässt mehr erahnen, dass in dem einstigen Fitnessstudio noch vor wenigen Wochen Menschen trainiert haben.

Ein weiteres Video, das vom Verifizierungsteam von RTL und ntv ebenfalls als authentisch eingeschätzt wurde, zeigt eine Fahrt durch den Stadtkern. Die Aufnahme beginnt vor einer ehemaligen Discothek, außen ist der Schriftzug "Vintage" noch erhalten. Gegenüber, mitten auf einer großen Kreuzung, liegt eine Leiche. Nur vereinzelt sind Menschen auf den Straßen unterwegs, im Hintergrund sind Gefechte zu hören. Im Anschluss beschleunigt das Auto auf einer großen Straße. Es fährt an zerbombten Häusern und ausgebrannten Fahrzeugen vorbei.

Mariupol ist zu einem Symbol für den Kriegshorror in der Ukraine geworden. Bereits seit Beginn der Invasion vor vier Wochen kesseln russische Truppen und prorussische Separatisten die Stadt ein. Ein vom Asow-Bataillon veröffentlichtes Video, das den Angaben zufolge vom Dienstag ist, offenbart die Verwüstung aus der Vogelperspektive. Ganze Wohnkomplexe sind ausgebrannt, einige qualmen noch. In der Ferne ist eine riesige Rauchsäule zu erkennen. Auch auf Satellitenbildern wurde in den vergangenen Tagen sichtbar, welche Folgen die russischen Luftangriffe haben.

Vor dem Krieg lebten in der südukrainischen Hafenstadt etwa 430.000 Menschen, nach russischen Angaben befanden sich am Wochenende noch 130.000 Zivilisten dort. Ihre humanitäre Lage ist unterdessen dramatisch. Seit Beginn des russischen Angriffskriegs ist die Stadt von der Außenwelt abgeschnitten, es gibt fast keinen Strom und kaum Trinkwasser. Immer wieder wird von schweren Kämpfen berichtet, den örtlichen Behörden zufolge sollen bislang mehr als 3000 Menschen gestorben sein. Die wirkliche Opferzahl ist vermutlich höher.

Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen hat bereits vor Wochen vor "katastrophalen" humanitären Zuständen gewarnt. Zuletzt sprach sie davon, dass eine "unvorstellbare Tragödie" drohe, das Internationale Komitee des Roten Kreuzes (IKRK) äußerte sich ähnlich besorgt. Weshalb die Organisationen alarmiert sind, zeigen die Reportagen zweier AP-Journalisten. Sie berichten von getöteten und schwer verletzten Kindern und dem Leid der Menschen. Nach eigenen Angaben waren die beiden die letzten Journalisten in der Stadt. Am Wochenende wurden sie von ukrainischen Einsatzkräften evakuiert.

"Hunderte Leichen auf der Straße"

Dennoch gibt es noch Berichte über die Stadt. Dass es Mariupol nicht mehr gebe, erzählte eine Augenzeugin der dpa über einen Messengerdienst. "Hunderte Leichen lagen auf der Straße", schreibt sie. In einem Massengrab seien sowohl Zivilisten als auch Militärs beigesetzt worden. Sie habe unterirdisch in einem Keller insgesamt 20 Tage Schutz vor den russischen Luftangriffen gesucht. Überlebt habe sie nur dank des Regenwassers, geschmolzenen Schnees und Heizungswassers. Mittlerweile ist sie durch Hilfe in ein nahegelegenes Dorf geflohen.

Für das russische Militär ist Mariupol ein wichtiges strategisches Ziel, dafür ist die geografische Lage verantwortlich. Russland kündigte am Mittwoch an, mithilfe der Stadt eine sichere Landverbindung zur Krim schaffen zu wollen, die der Kreml vor acht Jahren völkerrechtswidrig annektiert hatte. Ziel sei es, die Kontrolle über die Fernstraße M14 zu bekommen, hatte der stellvertretende Beauftragte von Präsident Wladimir Putin für den Föderationskreis Südrussland, Kirill Stepanow, am Mittwoch der Staatsagentur Ria Nowosti gesagt.

Zudem sei es Teil der russischen Militärtaktik, möglichst viel von einer Stadt zu zerstören, um den Widerstand dort zu brechen, wie Russland- und Militärexperte Gustav Gressel vom European Council on Foreign Relations gegenüber ntv.de erklärte. Das trifft dann auch zivile Infrastruktur wie Krankenhäuser oder Wohnkomplexe. Dieses Schicksal ereilte bereits das tschetschenische Grosny 1999 und das syrische Aleppo 2016 - und nun das südukrainische Mariupol.

Quelle: ntv.de, ses

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