Politik
Pfarrer Janosz K. freut sich, dass er die Waffen der Bundeswehr heutzutage nicht mehr segnen muss.
Pfarrer Janosz K. freut sich, dass er die Waffen der Bundeswehr heutzutage nicht mehr segnen muss.(Foto: Issio Ehrich)
Montag, 30. Oktober 2017

Militärpfarrer und ewiges Leben: Vor Libyens Küste ertönt das Wort Gottes

Von Issio Ehrich

Die beiden vom Seebataillon testen ihr neues Material. Spezialwesten aus "Hybridlaminat", die im "Lasercutverfahren" gefertigt wurden. Ich habe keine Ahnung, was das genau bedeutet, aber die Dinger sind "State of the Art" - der letzte Stand der Technik, wie man mir später versichert. Natürlich sehen die beiden Soldaten auch zum Fürchten aus, wenn sie darin durch die Gänge der Bundeswehr-Fregatte Mecklenburg-Vorpommern jagen.

Das Reporter-Tagebuch

Unser Reporter Issio Ehrich ist mit der Bundeswehr vor der Küste Libyens im Einsatz. In seinem Tagebuch berichtet er regelmäßig über seine Erlebnisse auf der Fregatte "Mecklenburg-Vorpommern".

Das Kriegsschiff ist im Rahmen der EU-Operation "Sophia" vor Ort. Die Mission: Schleusernetzwerke auf der sogenannten zentralen Mittelmeerroute aufspüren, gegen den illegalen Waffenhandel vorgehen und Flüchtlinge aus Seenot retten.

Aber als sie auf das Flugdeck treten, sind es dennoch sie, die zurückweichen. "Oh!", und plötzlich verunsicherte Trippelschritte. Auf dem Platz, auf dem normalerweise Militärhubschrauber landen, stehen Dekan Janusz K. und ein Dutzend weitere Besatzungsmitglieder - und feiern ihren Gottesdienst. Das tun sie jeden Sonntag, auch im Einsatz vor der Küste Libyens.

Es ist eine paradoxe Szene. Nicht nur, weil da zwei hochgerüstete Soldaten in die Predigt platzen, die zumindest äußerlich aus einer US-amerikanischen Spionage-Serie entsprungen sein könnten - sondern auch, weil auf der anderen Seite des Geistlichen ein großkalibriges Maschinengewehr über die Reling ragt.

Das Flugdeck als Kirche.
Das Flugdeck als Kirche.(Foto: Issio Ehrich)

Der Bedarf an Leuten wie Militärdekan K. ist vielleicht auch deshalb so groß. Welcher Geistliche verbringt schon freiwillig Tage und Wochen in Militärcamps oder, wie in diesem Fall, auf einem Kriegsschiff? "Wir müssen die Waffen heutzutage zum Glück ja nicht mehr segnen", sagt Pfarrer K. und schmunzelt. Der 57-Jährige ist seit fast acht Jahren im geistlichen Dienst der Bundeswehr. Anfangs wollte er vor allem "etwas Neues" ausprobieren. Heute ist ihm mehr denn je bewusst, wie groß der Bedarf an seinen Diensten ist.

Die weiche Seite der Stacheldrahtfresser

In der Predigt geht es heute auch um ein Thema, das für Soldaten naheliegt. Zwei Mal in zwei Tagen, die das Schiff nun im Mittelmeer unterwegs ist, sei er auf das Leben nach dem Tod angesprochen worden, sagt Dekan Janusz K. Dann zitiert er selbstverständlich gern die Bibel: "Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt."                                                              

Aufmerksam gemacht auf den Gottesdienst hat mich der Kommandant der Mecklenburg-Vorpommern, Christian Schultze. "Unsere Jungs fressen Stacheldrahtzaun und pissen Napalm, aber gucken Sie sich das auch mal an", hatte Schultze am Vorabend gesagt. Schon allein, um das Stacheldrahtfresser-Zitat unterzubringen, war das Ganze beschlossene Sache.

Natürlich sind die Gäste des Gottesdienstes aber nicht nur knallharte Kerle, die einmal die Woche ihre weiche Seite zeigen. Ein Großteil gehört dem Sanitätsdienst an - Männer und Frauen also, die im Zweifelsfall eher Leute zusammenflicken.

Eine Gelegenheit, um bei all den Übungen, Befehlen und der Dauerbelastung auch mal zur Ruhe zu kommen, ist der Sonntagsgottesdienst offensichtlich auch. Oberbootsmann Nancy H. stuft ihre eigene Religiosität auf einer Skala von eins bis zehn auf fünf ein. "Zuhause spielen Gottesdienstbesuche nicht so eine große Rolle", sagt sie. "Aber ich finde, hier an Bord ist das ein guter Ausgleich."

Was an Tag 1 passierte, lesen Sie hier.

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen