Politik
Sonntag, 01. März 2015

Nemzow sah Tod kommen: War der Mord Rache für eine Beleidigung?

Russland-Experte Boris Reitschuster nimmt an, dass Boris Nemzow aus Rache getötet wurde - weil er den russischen Präsidenten Wladimir Putin beleidigt hatte.

Boris Nemzow
Boris Nemzow(Foto: dpa)

Russische Medien verbreiten eine ganze Reihe von Theorien über den Mord an Boris Nemzow - dass Präsident Wladimir Putin verantwortlich für die Schüsse auf den russischen Oppositionellen sein könnte, gehört nicht dazu. Nemzow selbst scheint diese Version allerdings für wahrscheinlich gehalten zu haben.

In der "Bild am Sonntag" schreibt der Journalist und Russland-Kenner Boris Reitschuster über seine letzte Begegnung mit Nemzow im Juli in der russischen Hauptstadt. Damals habe Nemzow ihm ein Handy-Video gezeigt, in dem er vor laufender TV-Kamera den Satz sagt: "Putin ist gefickt", was im Russischen heißt, Putin sei verrückt. Nemzow habe zu Reitschuster gesagt: "Was meinst du, war das zu viel? Werden sie mich dafür umbringen?" Reitschuster berichtet, er habe geantwortet: "Dich? Nein, du bist zu bekannt, an dich trauen sie sich nicht ran." Nemzows Reaktion: "Ich fürchte, du irrst dich. Damit habe ich mein Urteil selbst unterzeichnet."

Reitschuster meint, Putin gehe es um den Machterhalt, er sei mehr Geschäftsmann als Politiker. Trotz der hohen Zustimmungsraten wisse Putin, dass seine Chancen gering seien, "den Kreml als freier, lebendiger und reicher Mann zu verlassen". Dafür habe er sich zu viele Feinde gemacht. "Also muss er da bleiben", so Reitschuster. "Um jeden Preis."

Reitschuster vergleicht den Mord an Nemzow mit der Ermordung des Stalin-Gefolgsmanns Sergej Kirow 1934. Dieser Mord, der bis heute nicht aufgeklärt ist, gehörte zu den Anlässe für die stalinistischen Säuberungen, denen Millionen Menschen zum Opfer fielen. Einen solchen Terror habe Putin nicht nötig: Heute reiche es, "mit dem Zaunpfahl des Gulag zu winken". "Die Furcht ist das Lebenselexier von Putin und seinem System", zitiert Reitschuster Nemzow. "Die Leute schweigen, weil sie sich fürchten."

Reitschuster räumt ein, dass der Auftrag für den Mord nicht von "ganz oben" gekommen sein muss, sondern auch von den zahlreichen Feinden gekommen sein könnte, die Nemzow sich mit seinem Kampf gegen die Korruption gemacht hatte. Die politische Verantwortung liege dennoch bei Putin: Er habe ein Klima des Hasses geschaffen.

Diese Ansicht teilen auch russische Bürgerrechtler. Alexei Makarkin, der stellvertretende Direktor einer unabhängigen Denkfabrik in Russland, sagte der "Moscow Times", die staatliche Propaganda habe den "gegenseitigen Hass" in der russischen Gesellschaft verstärkt. "Wir haben eine Situation, die jeden Moment detonieren kann."

Quelle: n-tv.de