Politik

"Die Unfähigkeit zur gemeinsamen Trauer" Warum die Deutschen den Ersten Weltkrieg vergaßen

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Auf dem Soldatenfriedhof in Thiepval in Nordfrankreich. Hier tobte 1916 die Schlacht an der Somme, die verlustreichste Schlacht des Ersten Weltkriegs.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Den Deutschen war der Erste Weltkrieg immer fremd, das war schon während des Krieges so. Anders als in Frankreich hat es gemeinsames Trauern um die Toten in Deutschland nie gegeben. Der Historiker Gerd Krumeich erklärt den Grund.

n-tv.de: In Großbritannien streiten Regierung und Opposition darüber, ob der Erste Weltkrieg "gerecht" war oder nicht, in Deutschland dagegen ist der Krieg praktisch vergessen. Warum spielt der Erste Weltkrieg in der deutschen Erinnerungskultur so gut wie keine Rolle mehr?

Gerd Krumeich: Weil die Deutschen nie richtig des Krieges gedenken konnten. Zunächst einmal rein praktisch nicht: Die Schlachtfelder des Ersten Weltkriegs lagen außerhalb der deutschen Grenzen, und den Deutschen war bis 1925 der Besuch der Soldatenfriedhöfe in Frankreich und Belgien in der Regel verboten. Außerdem gab es in Deutschland, anders als in Frankreich oder Großbritannien, keinen von allen Deutschen gemeinsam begangenen Totenkult, kein Ruhen des Parteienstreits im gemeinsamen Gedächtnis der Gefallenen.

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Gerd Krumeich ist einer der Gründer des Museums "Historial de la Grande Guerre" in Péronne an der Somme. Bis zu seiner Emeritierung 2010 lehrte er zudem Geschichte an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf.

(Foto: picture alliance / dpa)

Warum nicht?

In Deutschland war das Gedenken an den Ersten Weltkrieg von Streit und Schuldzuweisungen überlagert. Vor allem die Frage der Kriegsschuld, die Deutschland im Friedensvertrag von Versailles hatte zugeben müssen, spaltete das Land. Denn sie verband sich mit der Frage des Dolchstoßes: Die Rechte behauptete, dass erst durch die Revolution und die "kommunistischen" oder "jüdischen" Umtriebe der deutsche Widerstandswille erlahmt sei und dem bis dahin "siegreichen" Heer der Dolch in den Rücken gestoßen worden sei.

Die sogenannte Dolchstoßlegende.

Sie sorgte dafür, dass es nicht ein einziges Mal gelang, die Deutschen zum Gedenken an ihre Toten zusammenzubringen. Ich halte das für eine ganz wichtige schwarze Seite der Weimarer Republik, auf die viel zu selten hingewiesen wird: die Unfähigkeit zum gemeinsamen Trauern und zur gemeinsamen Trauma-Lösung. Das ist der Grund, warum es in Deutschland kein Grabmal des unbekannten Soldaten gibt. Nur sehr wenige Gefallene wurden nach Deutschland zurückgeholt. Man war zu sehr damit beschäftigt zu streiten.

Das war in Frankreich anders?

Auch in Frankreich gab es Streit um das Gedenken, aber am 11. November, am Jahrestag des Waffenstillstands von Compiègne, zog man gemeinsam zum Denkmal für die Gefallenen, das nach dem Krieg per Gesetz in jeder Kommune errichtet wurde. Schon 1920 wurde unter dem Triumphbogen in Paris das Grabmal des unbekannten Soldaten eingeweiht. Dieses Gedenken findet - wie ja auch in Großbritannien und den Commonwealth-Staaten - bis heute statt. Bis heute pilgern die Franzosen am 11. November zu ihrem örtlichen Denkmal für die Gefallenen. Die Honoratioren tragen die Schärpe in den Farben der Republik, es werden Reden gehalten, die Flagge wird gehisst, am Ende gibt es einen Wein. Die Denkmäler zum Ersten Weltkrieg hingegen, die es in den deutschen Gemeinden auch manchmal noch gibt, haben längst Moos angesetzt.

Sie haben schon darauf hingewiesen: Der Krieg fand praktisch nur außerhalb der deutschen Grenzen statt. Wurde das Gedenken davon beeinflusst?

Es hat eine emotionale Fremdheit bewirkt. In Deutschland hatte man den Krieg schon 1917 leid. In der "Kölnischen Zeitung" schrieb Georg Wegener, der damals Korrespondent an der Westfront war: Der Krieg werde in Deutschland betrachtet wie eine "Affäre der auswärtigen Angelegenheiten". Genau das war es. Man hatte Hunger, es gab Zehntausende Hungertote. Aber das Gefühl, dass das alles nötig sei für die nationale Verteidigung, war nur schwer aufrechtzuerhalten. In Frankreich war das ganz anders. Dort war man natürlich auch unzufrieden mit dem Krieg, aber da musste doch erst einmal der Deutsche aus dem Lande vertrieben werden.

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Ein 70-jähriger Freiwilliger steht im August 1914 in Leipzig neben einem Zug, der Truppen an die Westfront bringen soll.

(Foto: picture-alliance / dpa/dpaweb)

Und das sorgt bis heute für eine größere Nähe beim Gedenken in Frankreich?

Ich gebe Ihnen ein Beispiel, das ich vor drei Wochen in unserem Museum an der Somme erlebt habe, im "Historial". Es gab dort eine Sonderausstellung, und da liefen, wie so oft, ganze Schulklassen von Sieben- und Achtjährigen durchs Museum. Der pädagogische Dienst hatte die Idee, die Kinder einen Brief an einen "Poilu" schreiben zu lassen, also an einen französischen Soldaten, der im Ersten Weltkrieg in einem Schützengraben liegt und kämpft. Die Kinder haben diese Briefe ohne jedes Problem geschrieben. "Lieber Poilu, ich höre, du bist da draußen in einem Graben voller Ratten und Mäuse und hast nichts zu trinken. Das muss ja schlimm sein, aber ich danke dir sehr, dass du Frankreich für uns verteidigst." So ungefähr klingen diese Briefe. Stellen Sie sich mal vor, ein Sieben- oder Achtjähriger in Deutschland sollte einen Brief an einen Soldaten des Ersten Weltkriegs schreiben! Ich glaube, besser kann man die Differenz nicht fassen.

Ein deutsches Kind könnte schlecht schreiben, dass die "Feldgrauen" in ihren Schützengräben in Nordfrankreich oder Belgien Deutschland verteidigen.

Das war tatsächlich ein Wunder, dass die Deutschen den Krieg mit der Begründung geführt haben, sie verteidigten sich. Ungefähr drei Jahre lang herrschte in Deutschland die Überzeugung vor, der Krieg diene der Verteidigung.

Aber?

Sie meinen, wer schuld war am Ersten Weltkrieg? Das ist sehr komplex. Man muss langfristige Ursachen und kurzfristige Gründe unterscheiden. Langfristig waren alle am Krieg schuld, langfristig war der Imperialismus schuld. Davon betroffen waren vor allem die Deutschen, weil sie kaum Kolonien hatten, aber unbedingt welche haben wollten. Daher haben die Deutschen auch ein bisschen zu viel auf die Tube gedrückt mit ihrem etwas ungestümen Kaiser Wilhelm II. und dieser merkwürdigen Politik von Reichskanzler Bernhard von Bülow. Er war der Meinung, man könne die Freundschaft anderer Mächten durch Erpressung und Drohung gewinnen. Bülow sagte das wörtlich: Wenn die Engländer Angst vor uns haben, werden sie freundlicher werden. Aber auf lange Sicht waren sich die Mächte sehr ähnlich: Sie alle wollten ihre Empires vergrößern oder stabilisieren, sie alle haben zu diesem Zweck aufgerüstet.

Und kurzfristig?

Es ist doch sehr eindeutig so, dass Frankreich von den Deutschen zuerst angegriffen wurde. Durch das Buch von Christopher Clark, "Die Schlafwandler", ist das zuletzt ein wenig in Abrede gestellt worden. Clark spricht Deutschland geradezu von jeder Verantwortung für diesen Krieg frei, indem er wichtige Fakten weglässt. Er suggeriert, dass alle europäischen Mächte gleich viel, oder besser: gleich wenig Verantwortung für den Ausbruch des Kriegs haben, dass sie gleichsam unabsichtlich, wie "Schlafwandler" in den Krieg gestolpert seien. So war es aber nicht.

Wie dann?

Den unmittelbaren Ausbruch des Ersten Weltkriegs haben allein die Österreicher und Deutschen zu verantworten. Sie waren in diesem Moment die einzigen, die den Frieden nicht wahren wollten. Die Russen, die Briten und Franzosen fragten noch am 30. Juli nach, was man tun könne, um den Krieg zu vermeiden. Die Deutschen und die Österreicher wollten diesen kleinen Krieg gegen Serbien.

Als Regionalkrieg.

Und sie wollten herausfinden, ob die Russen bereit waren, die Serben zu unterstützen. Das deutsche Kalkül war: Wenn die Russen den Serben beistehen, dann zeigt das, dass sie auf jeden Fall Krieg wollen, und dann ist es besser, ihn jetzt zu haben als in zwei Jahren, wenn Russland stärker gerüstet ist. Das war ein wirklich schreckliches Kalkül. Das einzige, was ich zur Entschuldigung der deutschen Regierung und Militärs sagen kann, ist, dass sie nicht wussten, dass Verdun und die Somme kommen würden. Keiner hat damals an zehn Millionen Tote gedacht.

Die meisten Zeitgenossen glaubten, der Krieg sei nach wenigen Monaten vorbei.

Dieses Schlagwort "Weihnachten zuhause", das war nicht nur eine Idee der Soldaten und der Bevölkerung, das dachten auch die Generale. Und dann passierte, was häufig in Kriegen passiert: Ein Krieg entwickelt sich immer weiter. Ursprünglich hatten die Deutschen Vorräte und Munition für drei Monate. Als sie im September merkten, dass es knapp wurde, stellten sie ihre Organisation um. Erst da erkannte man, was für eine unglaubliche Produktionsmaschinerie man zur Verfügung hatte. Statt 2000 Gewehren im Monat wurden plötzlich 200.000 Gewehre pro Monat fabriziert. Vorher hatte man gar nicht gewusst, dass das geht. Von da an wurde der Krieg richtig groß, ein industrialisierter Volkskrieg.

Mit Gerd Krumeich sprach Hubertus Volmer

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Quelle: ntv.de