Politik

Kampfpanzer mit Tücken Warum die USA keine Abrams an die Ukraine liefern

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Kampfpanzer des Typs "M1 Abrams" sind sehr schwer und haben einen hohen Treibstoffverbrauch.

(Foto: REUTERS)

In der Panzerfrage will Deutschland keine Alleingänge machen. "Leopard"-Lieferungen an die Ukraine soll es nur geben, sofern die USA eigene Abrams-Kampfpanzer abgeben. Doch Washington winkt ab - und das hat gute Gründe.

Die Ukraine braucht Kampfpanzer. Daraus macht Kiew seit Monaten keinen Hehl. Doch die Debatte, ob und - wenn überhaupt - welche Panzer an das kriegsgeschundene Land übergeben werden sollen, lähmt die westlichen Verbündeten. Während Bundeskanzler Olaf Scholz eine Lieferung von deutschen "Leopard"-Panzern an die Bedingung geknüpft haben soll, dass die USA ihrerseits Kampfpanzer des Typs Abrams bereitstellen, wächst in der Ukraine die Ungeduld. Bidens Zögern, Scholz' Vorschlag zu folgen, ist ein Rückschlag für die Kiewer Regierung, die zuletzt offen für den US-Kampfpanzer geworben hatte.

"Westliche Länder sind so besorgt wegen der Lieferung von Panzern an die Ukraine, dass sie darüber streiten, was ein Panzer ist und was nicht", twitterte das ukrainische Verteidigungsministerium vor einer Woche. "Wir hätten da einen bescheidenen Vorschlag." Dazu postete das Ministerium ein im 1990er-Jahre-Stil gehaltenes Werbevideo für den Abrams - unterlegt mit Bob Segers Schnulze "Like a Rock", die auch der Autobauer Chevrolet jahrelang für seine Werbespots nutzte.

Fakt ist, dass der Abrams recht schnell verfügbar wäre. Laut Informationen des "Wall Street Journal" haben die Panzerbataillone der US-Marine ihre Bestände erst kürzlich ausgetauscht. Um auf dem Schlachtfeld einen substanziellen Unterschied zu machen, wären laut Schätzungen von Militäranalysten etwa 100 solcher Kampfpanzer notwendig. Trotzdem lehnen die USA Abrams-Lieferungen bisher ab. Aus dem Pentagon heißt es zur Erklärung, dieser Kampfpanzer sei ein "sehr kompliziertes" Rüstungsgut. Der Betrieb sei teuer, die Wartung aufwendig. Konkret sprechen vier Punkte gegen ihn:

Argument 1: das Gewicht

Mit 67 Tonnen Gewicht ist der Abrams zwar nicht ganz so schwer wie der britische Kampfpanzer Challenger 2 (75 Tonnen), allerdings muss letzterer auch nicht zuerst aufwendig auf einen anderen Kontinent überführt werden. "Die Amerikaner haben begrenzte Transportkapazitäten - mit derselben Transportkapazität können sie auf ihren Schiffen oder in ihren Transportflugzeugen drei HIMARS liefern", sagte der CDU-Außenpolitiker Roderich Kiesewetter in einem früheren Interview mit ntv.de.

Auch im Kampfgebiet kann das Gewicht zum Problem werden. Etwa dann, wenn der Panzer teils beschädigte oder sehr alte Brücken überqueren soll, wie es sie gerade in Osteuropa häufig gibt. Auch eine Bergung beschädigter Panzer würde durch das enorme Gewicht erschwert. Wohl auch deshalb planen die USA, statt der Abrams weitere Schützenpanzer des Typs Bradley zu liefern, die mit gut 27 Tonnen Gewicht wesentlich leichter sind. Der deutsche "Leopard 2" in der Variante A6 hat übrigens ein Gewicht von 62 Tonnen.

Argument 2: der Verbrauch

Der Abrams-Kampfpanzer ist ein wahrer Spritfresser: Gerechnet auf einen Kilometer verbraucht er vier Liter Treibstoff. Das ist selbst für einen Panzer viel. Zum Vergleich: Ein "Leopard 2" aus deutscher Produktion kommt nur auf die Hälfte dieses Verbrauchs. Den Unterschied macht der Antrieb: Während der Abrams von einer Gasturbine angetrieben und in der Regel mit Kerosin betankt wird, fährt der "Leopard" mit einem Dieselmotor. Im schlimmsten Fall, so fürchten Kritiker, könnte der enorme Spritverbrauch des Abrams bei Versorgungsproblemen an der Front die Mobilität gefährden.

Argument 3: die Reparatur

Werden Reparaturen fällig, müssten Ersatzteile aufwendig aus den USA beschafft werden, denn bislang besitzt Polen als einziges europäisches Land überhaupt Abrams. "Für den 'Abrams' müssten eigene Logistikketten aufgebaut werden", so Kiesewetter. "Beim 'Leopard' wäre das anders, weil er von 13 europäischen Ländern genutzt wird." Zwar hat Polen zuletzt 250 Abrams M1A2 und 116 gebrauchte Abrams M1A1 für die eigenen Streitkräfte gekauft, doch auch beim europäischen Nachbarn hat die Ausbildung der Besatzungen an den ersten ausgelieferten US-Panzern gerade erst begonnen.

Argument 4: die Ausbildung

Nachdem Großbritannien der Ukraine bereits 14 Kampfpanzer des Typs Challenger 2 zugesagt hat, wären die ukrainischen Soldatinnen und Soldaten im Falle von Abrams- und "Leopard"-Lieferungen gleich mit vier unterschiedlichen Panzertypen konfrontiert. Denn auch die sowjetischen T-72 sind in der Ukraine nach wie vor im Einsatz. Diese unterschiedlichen Panzertypen "gleichzeitig im Feld zu operieren, bedarf einer logistischen Meisterleistung", schreibt der Militärexperte Franz-Stefan Gady vom International Institute for Strategic Studies (IISS) auf Twitter. Es würde "die Massierung von Kräften für offensive Operationen sehr schwierig machen."

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Würde auch Frankreich seinen Kampfpanzer Leclerc bereitstellen, wären es sogar fünf unterschiedliche Panzertypen. Allein die Ausbildung an den Systemen, aber auch die Bereitstellung des erforderlichen Materials zum Betrieb der verschiedenen Panzer würden demnach enorme Kapazitäten der ukrainischen Streitkräfte binden, die womöglich anderswo sinnvoller eingesetzt werden könnten.

Die USA wollten der Ukraine keine Waffen liefern, die am Ende nicht hilfreich seien, erklärte US-Verteidigungsminister Lloyd Austin bereits am Mittwoch. Statt Abrams-Kampfpanzer zu liefern, erwägt Washington nun offenbar die Bereitstellung weiterer Bradley-Schützenpanzer und Panzerfahrzeuge des Typs Stryker: Sie sind zwar leichter und wendiger als Kampfpanzer, verfügen aber meist nicht über eine leistungsfähige Kanone und sind deshalb weniger schlagkräftig. Geht es aber um Kampfpanzer für die Ukraine, läuft weiter alles auf den "Leopard" hinaus.

Quelle: ntv.de

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