Politik

Hunderte Nägel mit enormer Wucht Was der NSU in der Keupstraße anrichtete

6512686.jpg

Das Bild aus der Überwachungskamera der Keupstraße. mit dem die Polizei nach dem Täter suchte.

(Foto: picture-alliance / dpa/dpaweb)

Bis zu 5,5 Kilogramm Sprengstoff in einer Gasflasche und mindestens 702 Zimmermannsnägel: Die Bombe, die im Juni 2004 in der Kölner Keupstraße explodierte, hatte eine zerstörerische Kraft. Erstmals geht es im Münchner NSU-Prozess nun ausführlich um diesen Anschlag.

"Ein Bild der Verwüstung", sagt einer der Ermittler irgendwann - und fasst damit die Fotos in Worte, die im Münchner NSU-Prozess an die Leinwände geworfen werden. Unzählige Fensterscheiben sind geborsten, Leuchtreklamen zerfetzt, Nägel und Splitter stecken in Autos und Fassaden. Wenn man die Aufnahmen sieht, muss man es als Wunder bezeichnen, dass damals, am 9. Juni 2004, in der Kölner Keupstraße niemand ums Leben gekommen ist. 22 Menschen wurden aber verletzt, einige von ihnen lebensgefährlich. Sie mussten vielfach operiert werden, weil sich Nägel und andere Splitter in ihre Körper gebohrt hatten. Unter den Folgen leiden viele bis heute.

Zum ersten Mal geht es im NSU-Prozess nun ausführlich um den sogenannten "Nagelbombenanschlag", der - neben zehn Morden und einem weiteren Bombenanschlag - dem "Nationalsozialistischen Untergrund" angelastet wird. Die beiden mutmaßlichem NSU-Terroristen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt sollen die Bombe damals dort platziert haben. Bevor in der kommenden die Opfer von damals und ihre behandelnden Ärzte zu Wort kommen, müssen Ermittler des nordrhein-westfälischen Landeskriminalamts als Zeugen aussagen. Die Experten schildern ausführlich, wie es damals am Tatort aussah, als die Verletzten schon in diversen Krankenhäusern waren und die Polizeiarbeit begann.

Auf den vielen Aufnahmen sind die grausigen Details zu erkennen: Zimmermannsnägel, zehn Zentimeter lang und fünf Millimeter dick, die in Gebäudefassaden, in Autos und Holzsäulen stecken. Wie Geschosse müssen sie damals durch die Luft gezischt sein - und sich auch tief in die Haut der Verletzten gebohrt haben. Sogar in Hinterhöfen finden die Ermittler solche Nägel, insgesamt sind es am Ende genau 702. Die Wucht der Detonation war also demnach so enorm, dass die Nägel über die dreigeschossige Häuserzeile hinweg geschleudert wurden. Die zerstörerische Kraft der Bombe lässt sich auch erahnen, wenn man die unzähligen geborstenen Fensterscheiben auf den Fotos sieht. Weiter unten in der Straße fehlen Ziegel, Leuchtreklamen sind kaputt, Lampen zerrissen. An mehreren Geschäften sind Holzverkleidungen beschädigt, eine Säule wurde ein Stück ganzes weggedrückt.

Totale Zerstörung

Und dann der Friseursalon, vor dem die Bombe stand. "Da ist quasi gar kein Glas mehr vorhanden", sagt einer der LKA-Beamten. Eine gelbe Markise hängt in Fetzen über den Gehweg. Das Auto davor ist komplett demoliert. Die Stichflamme des Sprengsatzes hat die Türrahmen verrußt. Im Ladeninneren ist rein gar nichts mehr, wie es vorher war. Draußen, ein paar Meter weiter, liegt ein völlig demoliertes Fahrrad. Die Ermittler nehmen jeden noch so kleinen Splitter unter die Lupe, um zu rekonstruieren, wie die Bombe ausgesehen hat. Daraus ergibt sich am Ende folgendes Bild: Der Sprengsatz, alles in allem rund 20 Kilogramm schwer, war auf dem dort gefundenen Fahrrad montiert: In einem Motorrad-Hartschalenkoffer auf dem Gepäckträger befanden sich eine Campinggasflasche mit bis zu 5,5 Kilogramm Schwarzpulver - und ringsherum die mindestens 700 Zimmermannsnägel. Die elektronischen Bauteile, mit der die Bombe ferngezündet wurden, waren in einer Fahrradseitentasche verpackt. Damit das Fahrrad nicht umkippte, hatten die Täter extra einen stabilen, zweibeinigen Ständer montiert.

Das Fahrrad sollen Mundlos und Böhnhardt direkt vor dem Friseurladen abgestellt haben - mit dem Ziel, so viele Kunden und Passanten wie möglich in der von türkischen Migranten geprägten Straße zu töten oder zu verletzen. Die beiden Männer sind nach Überzeugung der Anklage auf Videoaufnahmen einer Überwachungskamera zu erkennen. Für die Opfer, die lange selbst zu Tätern gemacht wurden, dürfte es eine späte Genugtuung sein, dass am Montag bereits eine erste Ermittlungspanne zur Sprache kommt: Einer der Beamten räumt - wie schon bei seiner Befragung im Bundestags-Untersuchungsausschuss - ein, dass eine Sprengstoffdatei des Bundeskriminalamts unzureichend genutzt wurde. Und auch einen Zusammenhang mit dem Anschlag auf ein iranisches Lebensmittelgeschäft drei Jahre zuvor sah damals keiner.

Dass für beide Taten der NSU verantwortlich sein dürfte, darauf kamen die Ermittler erst nach dem Auffliegen der Terrorgruppe Ende 2011. Beate Zschäpe, die einzige Überlebende des Trios, steht nun in München vor Gericht. Sie muss sich dort als Mittäterin verantworten.

Quelle: n-tv.de, Christoph Trost, dpa

Mehr zum Thema