Politik

"Ich bin kein Rassist, aber" Was ist los mit den Italienern?

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Fremdenfeindlicher Lautsprecher: Innenminister Matteo Salvini.

(Foto: dpa)

Immer mehr Italiener stimmen der fremdenfeindlichen Politik von Innenminister Salvini zu. Sie sind deswegen aber keine Rassisten, sagt der Soziologe Luigi Manconi. Jedenfalls noch nicht.

"Um gleich jeden Verdacht vom Tisch zu räumen: Ich habe nichts mit Salvini am Hut und bin sicher keine Rassistin", sagt Carmela, eine zierliche Sizilianerin Mitte Fünfzig. "Aber ich habe Augen im Kopf. Und Fakt ist, dass er ein paar Dinge richtig macht. Zum Beispiel, was die Migranten angeht. Endlich ist da einer, der nicht nur droht, sondern auch Fakten schafft."

Carmela, die sich so zufrieden über den italienischen Innenminister Matteo Salvini äußert, ist eine kultivierte Frau. Im sizilianischen Catania führt sie eine Pension, die einem kleinen Museum gleicht. An den Decken sind Fresken, die Wände hängen voller Gemälde, auf dem altehrwürdigen Mobiliar stehen Keramikwerke sizilianischer Manufakturen. Sie arbeitet ehrenamtlich bei einem Hilfswerk für Migranten. "Jetzt sind es aber zu viele", sagt sie.

Stefano, ein 35 Jahre alter Verkehrspolizist in Genua, will von Migranten überhaupt nichts mehr wissen: "Hier, diese kollabierte Brücke, was sagt die uns? Dass dieses Land den Bach runter geht. Wir brauchen wieder Ordnung in diesem Land, jemanden, der zuerst an die Italiener denkt. Mussolini hat doch nicht nur Mist gebaut."

Ganz so weit geht Lucia, die in Mailand einen Zeitungskiosk betreibt, nicht. "Mussolini? Nein danke, das ist idiotisches Gelaber", sagt sie. Doch dass die Politik "endlich handeln" müsse, und zwar in erster Linie zum Wohle der Italiener, damit ist sie einverstanden. Natürlich dürften nicht hundert Menschen tagelang unter sengender Hitze auf einem Schiff festgehalten werden. Salvinis Haltung gegenüber den Migranten auf dem Küstenwache-Schiff "Diciotti" sei in keiner Weise zu rechtfertigen. Andererseits könne Italien nicht alle Migranten dieser Welt aufnehmen. Womit solle man das bezahlen? "Da war gerade ein Bericht im Fernsehen über Italiens Schulbauten. 50 Prozent davon sind nicht normgerecht, weil das Geld fehlt", fährt Lucia fort.

"Ich bin sicher keine Rassistin", sagt auch sie, "aber ich habe das Wegsehen unserer Politiker satt." In Mailand mache sich tagtäglich eine Gruppe Migranten auf den Weg, um vor Supermärkten und Cafés zu betteln. "Jeder hat mittlerweile sein Stammlokal oder festen Supermarkt." Lucia glaubt, dass "eine kriminelle Organisation" dahinterstecke. "Nur unsere Stadträte scheinen blind zu sein, denn von Ermittlungen weiß man nichts."

Wie konnte das passieren?

Das ist die Stimmung, in der Salvinis Lega auf einer Welle des Erfolgs reitet. Bei rund 30 Prozent sehen die Umfragen die fremdenfeindliche Partei mittlerweile, die bei der Wahl im März noch auf 17,4 Prozent gekommen war. Aus einem Volk, das immer für seine ungezwungene Gastfreundschaft bekannt war, ist eine verängstige, zum Teil aggressive Gesellschaft geworden. Was ist los mit den Italienern, wie konnte das passieren? Mit dieser Frage hat sich auch der Soziologe Luigi Manconi, der bis März für die Sozialdemokraten im italienischen Senat saß, beschäftigt. Zusammen mit der Rechtsanwältin Federica Resta hat er ein Buch mit dem programmatischen Titel "Ich bin kein Rassist, aber" herausgegeben.

"Warum die Gesellschaft hierzulande zunehmend verbissener ist? Natürlich trägt auch die vorige Mitte-Links-Regierung Verantwortung dafür", sagt er im Gespräch mit n-tv.de. "Aber wenn man die Frage genau beantworten will, dann hat alles eigentlich schon in den 90er-Jahren begonnen. Und zwar in unserer zivilisierten Wirtschaftsmetropole Mailand."

Manconi erinnert an die frühen Erfolge der 1991 gegründete Lega Nord vor allem in Mailand. Im Buch widmet der Soziologe dem Lega-Politiker Roberto Calderoli ein Kapitel. Dieser war unter den Regierungen von Silvio Berlusconi zwei Mal Minister und wurde weit über Italiens Grenzen hinaus für seine rassistischen und homophoben Bemerkungen bekannt. Am Ende musste er deswegen auch abtreten. Doch seine Rhetorik hat Wurzeln geschlagen, mit seinen Tabubrüchen hat er dazu beigetragen, die Grenzen des Sag- und Denkbaren zu verschieben. Was früher ein Tabu war, ist heute salonfähig. Zum Beispiel, wenn Salvini sagt: "Für die Migranten ist es jetzt aus mit der pacchia", mit dem schönen Leben.

Auf die Frage ob die Italiener zu Rassisten mutieren, antwortet Manconi mit einem klaren "Nein". Sicher, die neofaschistische Bewegung "Casa Pound" drängt sich immer dreister in den Vordergrund. Als die einhundert Flüchtlinge von der "Diciotti" endlich in Rocca di Papa südlich von Rom ankamen, stand ein Trupp von ihnen parat, um lauthals gegen ihre Anwesenheit zu protestieren. Dass der Großteil dieser Menschen völlig erschöpft war, nachdem sie zehn Tage auf dem Schiff hatten ausharren müssen, weil Salvini ihnen die Einfahrt in den Hafen von Catania verweigert hatte, war den Rechtsextremen völlig egal.

Noch ist "Rassist" in Italien eine Beleidigung

"Bekloppte finden sich überall, nicht nur in Italien oder in Deutschland", sagt Maconi dazu. Doch deswegen alle Italiener oder Deutschen in den Rassismus-Topf zu stecken, sei genauso verrückt. "Man muss zwischen Xenophobie und Rassismus unterscheiden. Das sind keine Synonyme." Phobie habe mit Angst oder mit einem starken Unbehagen in einer gewissen Situation zu tun. "Nehmen wir dieses Beispiel: Sie als Frau steigen zu später Stunde in einen Bus, in dem 80 Prozent der Mitfahrer Ausländer sind. Es könnte sei, dass Sie eine gewisse Beklommenheit erfasst. Aber sind Sie deswegen eine Rassistin?"

Dasselbe gelte für Menschen, die von einem Tag auf den anderen in ihrem Viertel eine große Anzahl Fremder sehen. Aufgabe der Politik wäre es, sich auf intelligente Weise einzuschalten. Zum Beispiel mit einem Wohnungsbauprogramm. So würden zugleich Arbeitsplätze entstehen, der chronische Mangel an Wohnungen für Einkommensschwache gemindert und auch Unterkünfte für die Migranten geschaffen. "Das wäre doch eine Idee, um Konflikte zu entschärfen", meint Manconi.

Doch während sich die einen Politiker auf Lippenbekenntnisse beschränken, haben die anderen das Handwerk des Angstmachens perfektioniert. Was beide eint, ist ihre Taubheit gegenüber den Erwartungen der Bevölkerung. Mit diesem "aber", das häufig auf "Ich bin kein Rassist" folgt, wollen Manconi zufolge viele ihrer Frustration Luft machen. "Der eine verwendet es, weil er sein Recht auf eine andere Meinung behaupten will", sagt Manconi. "Ein anderer, weil er befürchtet, dass seine Angst, seine mehr oder weniger stark ausgeprägte Xenophobie, in Aggressivität, also in Rassismus ausarten könnte, wenn nicht endlich etwas unternommen wird." Eine ganz ähnliche Beobachtung hatte der US-Politologe Justin Gest bei Gesprächen mit Trump-Wählern gemacht. Häufig sei "Ich bin kein Rassist" die Einleitung für rassistische Bemerkungen, sagte er vor einem Jahr im Interview mit n-tv.de. In vielen anderen Fällen stellte er jedoch fest, dass dann völlig banale Sätze kamen. In solchen Fälle sei diese Einleitung eine Bitte um Aufmerksamkeit. "Sie wollen gehört und nicht abgewertet werden", so Gest. "Das bedeutet nicht, dass das, was sie sagen, nicht oder nie rassistisch ist. Es bedeutet, dass es um etwas anderes geht."

Auch Manconi warnt davor, den Teufel an die Wand zu malen und ein ganzes Volk in Sippenhaft zu nehmen. Noch immer sei "Rassist" in Italien eine schwerwiegende Beleidigung. Und es ganz Italien an den Kopf zu werfen, werde dazu führen, dass noch mehr Italiener trotzig darauf reagierten. Es könnte dann noch mehr Menschen geben, die sich dagegen wehren und nicht mehr sagen: "Ich bin kein Rassist, aber", sondern "Ich bin Rassist, na und?"

Die italienische Regierung tut allerdings viel dafür, Ressentiments zu schüren. "Das große Glück für die Lega und die mit ihr regierende Fünf-Sterne-Bewegung ist, dass sie angesichts der jetzigen inneren und internationalen Lage drei Themen gleichzeitig bedienen können: neben dem Thema der Migranten auch eine Anti-EU- und eine Anti-Eliten-Rhetorik", sagt Manconi. Und genau damit ist sie derzeit so erfolgreich.

Quelle: n-tv.de

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