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Cyberarmee geht in Dienst Was man über die neue Truppe wissen muss

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(Foto: picture alliance / Lino Mirgeler)

Die Bundesrepublik hat jetzt eine Cyberarmee. Verteidigungsministerin von der Leyen spricht von einem "Meilenstein deutscher Sicherheitspolitik". Was hat es mit der Truppe auf sich? Was kann und was darf sie?

Kurz vor seinem Tod prophezeite der bekannte russische Computerexperte Kris Kaspersky einen verheerenden Angriff. "Jeder Hacker weiß, dass ein digitales 9/11 kommt", sagte er der "Süddeutschen Zeitung". Er sprach von Hunderttausenden Autos, die per Fernsteuerung in Unfälle verwickelt werden. Er sprach von forcierten Pipeline-Explosionen. Und es sind noch furchterregendere Szenarien denkbar: Attacken auf die Steuerungsanlagen von Atomkraftwerken zum Beispiel. Was in Tschernobyl 1986 durch Fahrlässigkeit verursacht wurde, könnte sich in einem gezielten Akt wiederholen. Ein weiteres Szenario: Die Bundeswehr betreibt eines der größten IT-Systeme Deutschlands. Allein in den ersten Wochen dieses Jahres gab es 280.000 Attacken auf Bundeswehr-Rechner. Was ein erfolgreicher Angriff alles bedeuten könnte, lässt sich kaum ausmalen.

Die Frage, warum das Verteidigungsministerium jetzt eine Cyberarmee aufbaut, dürfte angesichts dieser vielfältigen Bedrohungen in einer Welt, in der fast alles digital ist, jedem einleuchten. Doch die Truppe, die Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen nun ins Leben gerufen hat, wirft viele weitere Fragen auf.

Wie groß wird die neue Cyberarmee?

Neben Heer, Marine und Luftwaffe wird die Cyberarmee praktisch eine neue Teilstreitkraft. Angeführt wird sie von Generalleutnant Ludwig Leinhos. Zunächst sollen ihm 260 Soldaten unterstehen. Bis 2021 sollen es weitere 13.500 Soldaten und 1500 zivile Mitarbeiter sein.

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Am Vormittag bei der Kabinettssitzung in Berlin, am Nachmittag stellte Verteidigungsministerin von der Leyen in Bonn die Cyberarmee in Dienst.

(Foto: imago/CommonLens)

Bei diesen handelt es sich nicht zwingend um Neuanstellungen. Bereits jetzt sind mehr als 20.000 Soldaten und Zivilisten in der Bundeswehr mit dem Thema Cybersicherheit beschäftigt - allerdings über Dutzende Referate und Dienststellen verteilt. Der Aufbau der neuen Truppe ist ein großes Umstrukturierungsprogramm. Nichtsdestotrotz wird der Personalbedarf an neuen Kräften gewaltig sein. Das Verteidigungsministerium denkt deshalb bereits darüber nach, auch Studienabbrecher anzuheuern und bei den für die Bundeswehr eigentlich üblichen Fitnesstests nicht ganz so genau hinzugucken. Mausklicks sind nun mal kaum mit einem Marsch in einer kugelsicheren Weste zu vergleichen. Zudem will die Bundeswehr selbst IT-Kräfte ausbilden.

Wer sind die Cybersoldaten?

Um sich von den anderen Teilstreitkräften auch optisch abzuheben, bekommen die Mitglieder der Cyberarmee ein marineblaues Barett. Wer glaubt, dass Deutschland bald über eine Armee aus 15.000 Super-Hackern verfügt, irrt aber. Hauptaufgabe der Kräfte wird es sein, die Computersysteme der Bundeswehr zu schützen. Allerdings gibt es auch die Einheit Computer-Netzwerk-Operationen (CNO). Derzeit hat sie 60 Mitarbeiter, künftig sollen es 80 sein. Die Experten der CNO sollen in der Lage sein, selbst Angriffe auszuführen.

Was darf die neue Cyberarmee?

Verteidigungsministerin von der Leyen sagte bei der feierlichen Einrichtung der neuen Teilstreitkraft: "Sobald ein Angriff die Funktions- und Einsatzfähigkeit der Streitkräfte gefährdet, dürfen wir uns auch offensiv verteidigen." Die CDU-Politikerin fügte hinzu: "In den Auslandseinsätzen ist die Lage klar. Hier bestimmen die Bundestagsmandate die Möglichkeiten - und Grenzen. Das gilt selbstverständlich auch für den Cyberraum."

Wann herrscht im Internet Krieg?

Die Frage, was die Cyberarmee wann und wo darf, dürfte noch so manche Debatte bestimmen. Denn anders als in der konventionellen Kriegsführung sind Angriffe im Internet der Normalzustand. Sobald ein Rechner am Netz ist, betritt er ein Schlachtfeld, auf dem nie ganz klar ist, wer eigentlich gegen wen kämpft. Denn selbstredend versuchen private, aber auch staatliche Hacker, ihre Spuren zu verwischen. Zugleich gilt: Nur wer weiß, wie der Gegner arbeitet, kann sich effektiv schützen. Das kann letztlich auf ein ständiges gegenseitiges Ausspionieren hinauslaufen. Die Grenzen zwischen Freund und Feind, Frieden und Krieg drohen im Netz genauso wie in der Geheimdiensttätigkeit zu verwischen.

Die Nato erklärte den Cyberraum im vergangenen Jahr bereits zu einem eigenständigen Operationsgebiet. Hacker-Attacken auf ein Mitglied können seither theoretisch den Bündnisfall nach Artikel 5 des Nordatlantikvertrags auslösen. Die USA sind gewissermaßen Vorreiter und stufen Cyberangriffe auf vitale Infrastruktur schon länger als feindlichen Akt ein, der auch mit konventionellen Waffen vergolten werden darf. Praktisch passierte das bisher aber nicht.

Wie effektiv wird die Truppe sein?

Bisher gilt: Deutschland hechelt Staaten wie den USA, Russland oder China hinterher, wenn es um die militärischen Möglichkeiten im Internet geht. Jetzt macht sich die Bundeswehr daran, aufzuholen. Absolute Sicherheit ist aber eine Illusion. Der Reporter für Nationale Sicherheit der "Washington Post", Joby Warrick, sagte n-tv.de kürzlich in einem Interview: "Ich weiß, dass unsere Leute das sehr ernst nehmen. Wenn wir zu Beamten und Experten sprechen, die sich damit auskennen, sagen sie: 'Wir glauben, wir können grundlegende Infrastrukturen sichern. Aber der Rest der Internet-Community, die auch Banken einschließt, könnte zusammenbrechen.'" Das ist natürlich kein Grund, zu kapitulieren, zeigt aber die Grenzen auf. Dass die neue Cyberarmee in Dienst gestellt wurde, nannte Verteidigungsministerin von der Leyen einen "Meilenstein deutscher Sicherheits- und Verteidigungspolitik".

Quelle: n-tv.de, mit dpa/rts

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