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Equal Pay Day Was soll das eigentlich?

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Der DGB, der Deutsche Frauenrat, der Sozialverband Deutschland und die SPD demonstrierten heute am Brandenburger Tor für gleiche Löhne.

(Foto: imago images / IPON)

Der Verdienstunterschied zwischen Frauen und Männern ("Gender Pay Gap") beträgt in Deutschland 21 Prozent. Vor allem Männer wenden gern ein, dass Frauen ja häufiger in Teilzeit arbeiten würden. Stimmt. Aber ganz so einfach ist es auch nicht.

Was ist der Equal Pay Day?

Die deutsche Übersetzung des Begriffs - Tag für gleiche Bezahlung - erklärt, worum es geht: um die gleiche Bezahlung von Frauen und Männern. Angestoßen wurde die Idee vom Verband "Business and Professional Women" (BPW), einem Netzwerk, das 1919 in den USA gegründet wurde und heute nach eigenen Angaben in mehr als 100 Ländern vertreten ist. Die Idee des Equal Pay Day entstand in den 1960er-Jahren in den USA. Dort findet der Equal Pay Day seit 1996 statt. In Deutschland gibt es den Equal Pay Day seit 2008, initiiert von BPW Germany.

Warum heute?

Laut Statistischem Bundesamt beträgt der Verdienstunterschied zwischen Frauen und Männern ("Gender Pay Gap") in Deutschland 21 Prozent. Rechnet man diese Lücke in Arbeitsstunden um, dann arbeiten Frauen bis zum 18. März gewissermaßen umsonst.

Vor allem Männer wenden an dieser Stelle gern ein, dass Frauen ja häufiger in Teilzeit arbeiten würden und "Frauenjobs" hätten, die halt schlechter bezahlt seien. Das stimmt. Aber auch der sogenannte bereinigte Gender Pay Gap, der solche Faktoren herausrechnet, beträgt noch immer sechs Prozent. Und natürlich kann man argumentieren, dass schon die Tatsache, dass Teilzeitarbeit in Deutschland vorwiegend weiblich ist, ein Problem darstellt.

Übrigens liegt Deutschland im europäischen Vergleich mit Blick auf den Verdienstunterschied zwischen Männern und Frauen deutlich oberhalb des Mittelfeldes. In der EU ist die Lücke bei 16 Prozent. Größer als in der Bundesrepublik ist der Abstand nur in Estland und Tschechien.

Sehen Frauen und Männer Ungleichheit bei der Bezahlung überhaupt als Problem?

Ja, wobei das vom Geschlecht, vom Alter und vom politischen Standort abhängt. Eine Forsa-Umfrage im Auftrag der IG Metall ergab kürzlich, dass nur 25 Prozent der Deutschen glauben, Frauen seien Männern hierzulande voll und ganz gleichgestellt. 72 Prozent der Bundesbürger gehen davon aus, dass es Bereiche gibt, in denen Frauen benachteiligt sind. Von den Männern sagen das 63 Prozent, bei den Frauen sind es 81 Prozent.

Grob lässt sich sagen, dass Jüngere eher davon ausgehen, dass Frauen gleichgestellt sind. Unter den Anhängern der Linken ist der Anteil derer, die nicht an eine Gleichstellung der Frauen glauben, mit 88 Prozent besonders hoch. Die AfD ist die einzige Partei, deren Anhänger mehrheitlich davon ausgehen, Frauen seien Männern gleichgestellt (48 zu 46 Prozent).

Unter jenen, die von einer Benachteiligung der Frauen ausgehen, sagen 76 Prozent, dies geschehe in erster Linie bei der Bezahlung und Entlohnung von Arbeit (Männer: 72 Prozent; Frauen: 78 Prozent).

Wird sich das Problem nicht von alleine lösen?

Es ist kompliziert. Zunächst: Ja, der Abstand wird geringer. "Frauen gehören zu den Aufsteigern der letzten vierzig Jahre", sagt die Arbeitsmarktexpertin Manuela Barišić n-tv. "Sie sind besser ausgebildet, sie arbeiten mehr, sie sichern auch zunehmend das Haushaltseinkommen ab und verfügen im Vergleich zu den 1970er-Jahren über höhere Einkommen." Barišić hat für die Bertelsmann-Stiftung eine Langzeitstudie über Frauen auf dem deutschen Arbeitsmarkt begleitet.

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Die gute Nachricht schränkt sie jedoch ein: "Der direkte Vergleich zu Männern zeigt, sie arbeiten häufiger in Teilzeit, sie arbeiten häufiger in Jobs, für die sie formal überqualifiziert sind und haben über alle Qualifikationsniveaus hinweg damals wie heute weniger als die Hälfte der Einkommen der Männer zur Verfügung." Barišić bezieht sich dabei auf das verfügbare durchschnittliche Einkommen. Anders als beim Gender Pay Gap geht es hier also um den Nettolohn (so dass Frauen wegen des Ehegattensplittings schlechter abschneiden) einschließlich der Einkünfte aus Kapitalvermögen oder Vermietung (über die vor allem Männer verfügen).

Kurzum: Der Verdienstunterschied schließt sich nur sehr langsam. 2006 betrug er laut Statistischem Bundesamt 23 Prozent. Die Untersuchung der Bertelsmann-Stiftung trägt daher den Titel: "Aufholen, ohne einzuholen".

Ist der Abstand in einzelnen Berufsgruppen besonders groß?

Ja. Eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) zeigt, dass der Verdienstunterschied nicht in allen Berufen gleich groß ist. Besonders gering ist er in Berufen mit einem hohen Frauenanteil, etwa in der Krankenpflege oder in der Sozialarbeit. Für Sprechstundenhelferinnen läge der Equal Pay Day am 4. Januar.

"Die Lohnlücke ist in den Berufen besonders hoch, wo lange Arbeitszeiten einen hohen Stellenwert haben und wo der Stundenlohn überproportional mit den Arbeitsstunden steigt", fasst DIW-Ökonomin Aline Zucco das zentrale Ergebnis ihrer Studie zusammen. Im Bereich der Unternehmensorganisation, also etwa in Unternehmensberatungen oder beim Controlling, erhielten Vollzeitbeschäftigte nicht nur monatlich, sondern auch auf die Stunde gerechnet mehr Lohn als Teilzeitbeschäftigte.

Gibt es regionale Unterschiede?

Sogar deutliche. Auch dazu gibt es eine Studie: Die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung hat herausgefunden, dass der Gehaltsrückstand in Süddeutschland besonders groß ist. In Baden-Württemberg verdienen Frauen demnach durchschnittlich 22,7 Prozent weniger als Männer, in Bayern sind es 21,9 Prozent. Weniger groß ist die Verdienstlücke in Ostdeutschland. In Brandenburg beispielsweise sind es 14,9 Prozent.

Anders als das Statistische Bundesamt, dessen Zahlen auf einer Betriebsumfrage aus dem Jahr 2014 basieren, hat die Böckler-Stiftung Angaben von mehr als 300.000 Beschäftigten auf der Seite Lohnspiegel.de ausgewertet. So erklären sich auch die Unterschiede. "Die Tendenz ist die gleiche", sagt der Einkommensanalyst der Stiftung, Malte Lübker. "Wir sagen, es gibt große Unterschiede zwischen Ost und West, das Statistische Bundesamt sagt, es gibt sehr große Unterschiede."

Die niedrigeren Werte bei der Lohndifferenz in Ostdeutschland lassen sich allerdings nicht mit besonders guten Frauen-Löhnen dort erklären, "sondern mit dem großen Abstand der ostdeutschen Männer gegenüber den Männern im Westen", wie die Böckler-Stiftung schreibt. In Bayern und Baden-Württemberg dagegen sei das verarbeitende Gewerbe, insbesondere die Automobilindustrie, stark verankert und biete gut bezahlte Jobs, "in denen ganz überwiegend Männer arbeiten".

Fazit: Woran liegt's?

Manuela Barišić von der Bertelsmann-Stiftung nennt drei Gründe: "Erstens arbeiten Frauen häufiger in Teilzeit und in Mini-Jobs. Darüber hinaus sind sie häufiger überqualifiziert für das, was sie tun, als Männer. Und sie arbeiten häufiger in Jobs, die geringer entlohnt werden." Aber es ist nicht nur das. Frauen seien in Deutschland auf dem Arbeitsmarkt strukturell benachteiligt. Das Ehegattensplitting beispielsweise belaste Zweitverdienerinnen immer noch stärker. Soweit die strukturellen Gründe.

Als Ursache, warum diese Strukturen so stabil sind, nennt Elke Holst vom DIW gesellschaftliche Konventionen, Unternehmenskulturen und Geschlechterstereotype. "Sie halten Frauen - aber nicht Männer - oft genug davon ab, ganz selbstverständlich eine gut bezahlte (Führungs-)Position anzustreben, Erwerbsunterbrechungen möglich kurz zu halten oder Vollzeit zu arbeiten - und Männer davon, mehr Teilzeit zu arbeiten und Familienarbeit zu leisten."

Was also tun?

Wer die Verdienstlücke als Problem ansieht, sollte, wie DIW-Expertin Elke Holst, für "mehr Frauen auf allen Hierarchieebenen und insbesondere in gut bezahlten hohen Positionen als Vorbilder" plädieren. Ihre Kollegin Aline Zucco schlägt als Maßnahme unter anderem "Top-Sharing" vor. Dabei teilen sich mehrere Führungskräfte eine Position. "Vor allem aber muss man sich, als Chef und als Angestellte, von der Vorstellung befreien, dass nur jene, die viel und lange arbeiten, gute Arbeit leisten."

Die Böckler-Stiftung spricht sich für eine Familienpolitik aus, die "die partnerschaftliche Arbeitsteilung" fördert, etwa durch eine Verlängerung der Partnermonate bei der Elternzeit. "Auch das Ehegattensplitting, das für verheiratete Frauen den Fehlanreiz schafft, auf eine Vollzeitstelle zu verzichten, solle überdacht werden."

Christiane Benner, die zweite Vorsitzende der IG Metall, sieht Tarifverträge und Mitbestimmung als besten Schutz vor ungleicher Bezahlung an. Tatsächlich zeigt auch die Untersuchung des DIW, dass Tarifverträge die Lohnlücke verkleinern. Benner fordert außerdem verbindliche Quoten auf allen Ebenen. "In Deutschland tragen mehr Chefs die Vornamen Michael, Thomas, Andreas, Peter und Christian, als es überhaupt Frauen an der Spitze von Unternehmen gibt." Das ist der sogenannte Thomas-Kreislauf: In den Vorständen wächst die Zahl der Thomasse und Michaels stärker als die Anzahl der Frauen.

Quelle: n-tv.de

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