Politik

"Neue Frisur, neuer Schwung" Wenn es kracht, will die CSU nicht schuld sein

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Alexander Dobrindt (mit neuer Frisur) und Markus Söder (r.) vor dem Kloster Seeon.

imago/Ernst Wukits

Bei Forelle und Tafelspitz tagen die Bundestagsabgeordneten der CSU mit dem jetzigen und dem künftigen Parteichef. Der eine hat nostalgische Anwandlungen, der andere blickt in die Zukunft. Harmonisch soll es werden - was Ärger mit den Sozialdemokraten nicht ausschließt.

Wer auf leichten Lederschuhen gut gelaunt das Kopfsteinpflaster zum Kloster Seeon hochspaziert, den schaudert schon nach wenigen Minuten. Der eiskalte Wind pfeift über die Halbinsel im Klostersee, der Boden ist gefroren. Dabei will die CSU doch Wärme vermitteln. Es soll sogar um menschliche Wärme zwischen zwei Parteien gehen.

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Idyllisch ist es am Klostersee von Seeon, aber auch sehr kalt.

(Foto: dpa)

Alexander Dobrindt, Chef der CSU-Landesgruppe im Bundestag, wartet vor einem großen Plakat mit dem social-media-kompatiblen Schlagwort #seeon2019 auf seinen künftigen Chef. Kurz vor 12 Uhr läuft Markus Söder im braunen Ledermantel mit schwarzen Lederschuhen auf ihn zu. Die Kameras filmen, die Fotoapparate klicken, die Herren lächeln sich an. Dobrindt begrüßt den baldigen CSU-Vorsitzenden herzlich, tritt vor die Mikrofone und spricht. Söder steht neben ihm in der oberbayerischen Kälte und schaut sich um. So langsam scheint ihm kalt zu werden. Auch den Journalisten zieht der Frost durch die Schuhsohlen die Beine hoch. Immer wieder blickt Söder zu Dobrindt rüber. Vielleicht wundert er sich auch über den neuen Look des Landesgruppenchefs. Denn der trägt neuerdings eine Kurzhaarfrisur, die man in den 80er-Jahren als Mecki-Schnitt bezeichnet hätte.

Dobrindt ist Gastgeber in Seeon, doch die größeren Redeanteile beim Auftritt vor der Presse hat Söder. Der Ministerpräsident, der in zweieinhalb Wochen auch den CSU-Vorsitz übernimmt, lässt keinen Zweifel daran, dass die Zeit der Konflikte zwischen CDU und CSU vorbei ist. Regiert werde künftig gut und souverän, Probleme würden gelöst, Streit werde es nicht mehr geben. Als ein Journalist fragt, ob Söder das Profil der CSU schärfen oder einen Kuschelkurs mit der SPD fahren wolle, reagiert der kurz gereizt. Die Frage sei "mal wieder typisch", "einfach nur negativ". Dann kriegt er die Kurve: Der Fragesteller solle das neue Jahr doch "so optimistisch wie der Alexander und ich" beginnen, "mit neuer Frisur, neuem Schwung". "Die Frisur war ein Unfall", merkt Dobrindt an, er könne gern mehr darüber erzählen. "Aber es sieht gar nicht einmal so viel schlechter aus", witzelt Söder. "Sieht gut aus." Es wirkt wie harmloses Sticheln unter Männern. "Wenn du das sagst, heißt das natürlich was", meint Dobrindt. Das sei "höchstes Lob", bestätigt Söder, dessen Haare seit der Landtagswahl kein nennenswertes Umstyling erfahren haben.

Als Söder das Innere des Tagungszentrums Kloster Seeon betritt, fehlt nur noch Horst Seehofer. Der Bundesinnenminister und scheidende CSU-Chef verspätet sich. Gegen 13 Uhr tritt er, wiederum mit Dobrindt, ebenfalls vor die Journalisten. Auch er spricht über die Zukunftsfähigkeit der CSU und die gewünschte konfliktfreie Zusammenarbeit mit der Schwesterpartei. Die wird allerdings nicht er organisieren.

Für Seehofer ist diese Klausur auch eine emotionale Angelegenheit. "Danke für eine wunderschöne Zeit", sagt er - so ist zu hören - den Bundestagsabgeordneten, nachdem die Türen zu sind. Zum letzten Mal ist er als CSU-Chef hier. Nicht ganz aus freien Stücken übergibt er diesen Posten am 19. Januar an Söder, der ihn schon in der Staatskanzlei in München ablöste. "Ihr seid als Landesgruppe die Speerspitze der CSU. Ihr steht in der höchsten Verantwortung in unserer Partei, in einer doppelten Verantwortung, für Bayern und unseren bundespolitischen Anspruch." Seehofer selbst hat kein Bundestagsmandat. Als Parteichef konnte er an den Sitzungen der Landesgruppe teilnehmen. Dobrindt habe ihn aufgeklärt, dass er das auch als Innenminister weiterhin tun könne. "Ich finde das eine gute satzungsmäßige Bestimmung."

Zurück in die Zukunft - mit AKK

Nicht alles ändert sich also, aber doch einiges. Auf der Speisekarte etwa stehen Forelle und Tafelspitz mit leichten Beilagen. Keine deftige bayerische Kost, wie man sie sonst von den Jahresauftaktklausuren der CSU gewohnt war. Dann erfahren die CSU-Abgeordneten, wie sich die Partei in Zukunft aufstellen will. Söder hatte schon angekündigt, dass seine Partei "jünger, weiblicher, offener" werden solle. Richtig "durchlüften" will er, sich mehr um Umweltthemen kümmern und gleichzeitig die Wirtschaft pflegen. Und noch etwas soll anders werden: Spitzentreffen der Koalition sollen künftig keine Krisen-Gipfel mehr sein. Die CSU will thematisch liefern und nicht rückwärtsgewandt über die Vergangenheit streiten. Also zurück in die Zukunft - gemeinsam mit Annegret Kramp-Karrenbauer, der neuen CDU-Chefin. Söder bringt es so auf den Punkt: "Streit lähmt, Streit langweilt und Streit nervt."

Dass die CSU allerdings auch darauf verzichten wird, die Sozialdemokraten zu ärgern, ist nicht zu erwarten. "Das gehört doch dazu", sagt ein Klausurteilnehmer n-tv.de. Potenzial zum Ärgern hat etwa das CSU-Papier zum Thema Grundsteuer. Bundesfinanzminister Olaf Scholz von der SPD will die Abgabe reformieren, was viele in der Union als versuchte Steuererhöhung interpretieren. Die CSU will auf jeden Fall dagegenhalten.

Kramp-Karrenbauer, kurz AKK, kommt am Freitagabend als Gast ins Kloster Seeon und wird sicher herzlich willkommen geheißen. Im Kloster-Innenhof ist ein "Rauhnachtsmarkt" aufgebaut mit kleinen Holzhütten und Heizstrahlern. Unter freiem Himmel will man bei heißen Getränken mit AKK offen über alles sprechen. Am Samstag schließlich möchte die CSU ihrem Spitzenkandidaten für die Europawahl, Manfred Weber, noch ordentlich Rückenwind mitgeben, damit er am Ende Jean-Claude Junker als Chef der EU-Kommission ablösen kann. Auch da wird AKK dabei sein und Weber die volle Unterstützung der CDU mit auf den Weg geben.

2019 sei ein Schicksalsjahr, verkündet Alexander Dobrindt zu Beginn der Klausur. Das sehen viele in der Union so. Auch politische Karrieren könnten in diesem Jahr an Fahrt gewinnen oder abgebremst werden, je nachdem. Vier Landtagswahlen stehen an, in Bremen, Sachsen, Brandenburg und Thüringen. Die Europawahl im Mai wird mehr Aufmerksamkeit denn je bekommen und im Spätsommer will die SPD Bilanz ziehen und überlegen, ob sie die Große Koalition fortsetzt. Es könnte also krachen. Da könne es nicht schaden, wenn zumindest CDU und CSU einer Meinung seien, sagt ein CSU-Abgeordneter und kann sich ein Grinsen nicht verkneifen.

Und Dobrindts Frisur? Aufklärung gibt es nach seinem Auftritt mit Söder. Bei einem Kurzurlaub in Italien hatte sich der Landesgruppenchef in die Hände eines einheimischen Friseurs begeben. Und - so berichten Eingeweihte - dabei gab es gewisse Verständigungsschwierigkeiten, was die gewünschte Länge der Haare anging. Zu Hause war Dobrindt noch mal zur Korrektur des verunglückten Schnitts. Beim Eiswind von Seeon hilft da wohl nur eine Mütze.

Quelle: n-tv.de

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