Wer darf in Pufferzone bleiben?Israel will im Südlibanon offenbar die Schiiten vertreiben

Die israelische Armee bereitet eine längere Besetzung des Südlibanons vor. Hunderttausende Menschen können auf absehbare Zeit nicht mehr in ihre Heimatdörfer zurück. Einem Bericht zufolge arbeitet Israel sogar an einer demografischen Neuordnung der Region.
Israel dringt bei seinem Vorgehen im Südlibanon offenbar auf die Vertreibung der schiitischen Bevölkerung der Region, während sich andere Religionsgemeinschaften Hoffnungen auf einen Verbleib machen dürfen. Wie die "New York Times" berichtet, haben israelische Militärvertreter lokalen Führern mehrerer christlicher und drusischer Gemeinden im Südlibanon versichert, dass sie in der von Israel ausgerufenen Evakuierungszone bleiben können. In den vertraulichen Gesprächen seien die Gemeindevorsteher jedoch dazu gedrängt worden, alle Libanesen aus benachbarten schiitischen Gemeinden, die bei ihnen Zuflucht gesucht haben, zu vertreiben.
"Israel will eine neue Pufferzone schaffen, es will, dass wir verschwinden - was können wir tun?" zitiert die Zeitung einen 26-jährigen Schiiten aus einem Dorf nahe der israelischen Grenze. Die Schiiten stellen die Mehrheit der Bevölkerung im Südlibanon dar. Israel bekämpft im Libanon die schiitische Hisbollah.
Israel will nach den Worten von Verteidigungsminister Israel Katz nach dem Ende des Krieges gegen die vom Iran unterstützte Hisbollah-Miliz einen Teil des Südlibanon besetzen. "Nach dem Ende des Einsatzes wird sich die IDF [israelische Armee] in einer Sicherheitszone im Libanon niederlassen, an einer Verteidigungslinie gegen Panzerabwehrraketen, und die Sicherheitskontrolle über das gesamte Gebiet bis zum Litani aufrechterhalten", erklärte Katz am Dienstag mit Blick auf den Fluss Litani, der etwa 30 Kilometer von der Grenze entfernt verläuft.
Weiter erklärte Katz, die Rückkehr Hunderttausender vertriebener Libanesen werde verhindert werden, bis die Sicherheit im Norden Israels wieder gewährleistet sei. Der rechtsextreme israelische Finanzminister Bezalel Smotrich forderte zuletzt gar, der Fluss müsse Israels neue Grenze zum Libanon darstellen. In Kombination mit den Botschaften an die lokalen Gemeindeführer deute dieses Vorgehen darauf hin, dass Israel darauf aus sei, "nicht nur die geografische, sondern auch die demografische Landkarte des Südlibanon neu zu gestalten", schreibt die "New York Times".
Terrorattacken nach israelischer Invasion
Menschenrechtler reagierten alarmiert: "Das israelische Militär kann nicht behaupten, die Zivilbevölkerung aus zwingenden militärischen Gründen sicher zu evakuieren, wenn seine Vertreibungen in einigen Gebieten auf der Religionszugehörigkeit beruhen und ausschließlich schiitische Zivilisten zum Verlassen der Gebiete gezwungen werden", sagte Nadia Hardman von Human Rights Watch der Zeitung.
Bereits 1982 marschierte das israelische Militär in den Libanon ein. Ziel Israels war es, eine 40 Kilometer breite Pufferzone gegen Terrorattacken auf Israel zu schaffen und die Kämpfer der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) weiter nach Norden zu verdrängen. Als Reaktion darauf gründete sich im Libanon mit Unterstützung des Irans die Hisbollah. Sie sieht sich als Widerstandsbewegung gegen Israel und als Schutzmacht vor allem für die schiitische Bevölkerung.
Der Libanon ist geprägt durch das Nebeneinander verschiedener Religionen. In dem Land leben Muslime - Sunniten und Schiiten - und Christen sowie weitere Religionsgemeinschaften wie etwa Drusen.