Politik

Fragen und Antworten Wie gefährlich Russlands leise U-Boote sind

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170 Meter lang und mit Atomantrieb an Bord: Die "Juri Dolgoruki", hier auf der Fahrt Richtung Nordmeer, ist das Typschiff der "Borei"-Klasse.

(Foto: imago/ITAR-TASS)

Die Nato beobachtet so viele russische U-Boote wie noch nie seit dem Ende des Kalten Krieges. Die neuen Modelle sind so leise, dass das Bündnis Probleme hat, sie aufzuspüren. Wie gefährlich sind sie?

Im Film "Jagd auf Roter Oktober" spielt Sean Connery einen sowjetischen Kapitän, der ein so leises U-Boot steuert, dass die US-Amerikaner dieses nicht hören können - in einer legendären Szene vernehmen sie über ihre Unterwassermikrofone lediglich die Gesänge der sowjetischen Seeleute. Diese Hollywood-Fantasie scheint nun der Realität ein wenig nähergekommen zu sein. Neue russische U-Boote sind so geräuscharm, dass die Nato Schwierigkeiten hat, sie aufzuspüren. Das Bündnis meldete auf Anfrage des Redaktionsnetzwerks Deutschland, dass sie im zu Ende gehenden Jahr so viele Hinweise auf Bewegungen russischer U-Boote wie noch nie seit dem Ende des Kalten Krieges verzeichnet hat. Allein bei einer Operation rund um Norwegen im Oktober seien es zehn Boote gleichzeitig gewesen, heißt es. Was bedeutet das für die Sicherheit Europas? Fragen und Antworten dazu.

Warum schickt Russland so viele U-Boote los?

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Sean Connery im Spielfilm "Jagd auf Roter Oktober" - darin steuerte er als Kapitän Ramius ein U-Boot mit lautlosem Antrieb.

(Foto: imago stock&people)

"Das ist eine reine Machtdemonstration", sagt Carlo Masala n-tv.de. Der renommierte Sicherheitsexperte ist Professor für internationale Politik an der Universität der Bundeswehr in München. Russland wolle der Nato zeigen, dass die eigene Flotte völlige Bewegungsfreiheit hat. "Es ist die Nadelstichpolitik, die die russische Föderation mit Blick auf ihre Luftfähigkeiten schon seit einiger Zeit betreibt und jetzt fühlen sie sich stark genug, das auch mit Blick auf ihre U-Boote zu betreiben." Mit dem Hinweis auf die russischen "Luftfähigkeiten" spielt Masala auf die zahlreichen Sichtungen russischer Kampfjets und Bomber etwa im Baltikum oder über der Nordsee an.

Warum ist das gefährlich für Deutschland und Europa?

U-Boote stellen in den Überlegungen der Strategen eine grundsätzliche Bedrohung dar - klassischerweise greifen sie Nachschubfrachter oder Großkampfschiffe der gegnerischen Seestreitkräfte an. Im Kalten Krieg kamen die Atom-U-Boote hinzu, die in den Weiten der Ozeane als mobile Abschussrampen für Nuklearraketen dienen und damit die sogenannten Erst- und Zweitschlagfähigkeiten erweitern. "Das ist jetzt aber nur ein Randaspekt", sagt Masala. Diesmal geht es um etwas anderes: um die Kommunikationsleitungen, die am Grund des Atlantiks Europa und Nordeuropa verbinden. Denn diese Seekabel seien der verwundbare Punkt, betont der Wissenschaftler. Die Botschaft sei: Wir sind in der Lage, die vitale Kommunikation der nordatlantischen Staaten jederzeit erheblich zu stören. "Das würde disruptive Effekte auslösen", so Masala.

Warum ist es ein Problem, dass die U-Boote so leise sind?

Die nahezu geräuschlose Fortbewegung unter Wasser verschafft den russischen Einheiten einen entscheidenden Vorteil. Wenn sie abseits flacher Küstengewässer operieren, sind sie für herkömmliche Sensorsysteme kaum noch zu erfassen. Die Schleichfahrt in der Tiefe ermöglicht es den Russen also theoretisch, die Tausende Seemeilen langen Tiefseekabel an beinahe beliebiger Stelle unbeobachtet anzugreifen. Dabei besteht immer die Gefahr, dass die russischen Streitkräfte schon jetzt über so leise Antriebe verfügen, dass die Nato-Horchposten gar nicht mehr mitbekommen, wie viele Boote tatsächlich unterwegs sind. "Ich sage es mal so: Es gibt Gerüchte, dass es schon russische U-Boote gegeben hat, die man lange nicht gehört hat", sagt Masala.

Wie sollte die Nato darauf reagieren?

Nun gehe es für die Nato darum, den technischen Vorsprung der Russen wieder auszugleichen, so Masala. "Wir müssen in die U-Boot-Aufklärung investieren." Die Detektion, also die Erkennung von U-Boot-Aktivitäten, müsse besser werden. Dazu gehören neben elektronischen Mitteln aus der Luft - wie etwa ausdauernden Propellermaschinen oder reichweitenstarken Hubschraubern - auch die sogenannten Sensorketten. Dabei handelt es sich gewissermaßen um Radarfallen für U-Boote, die während des Kalten Krieges im Nordatlantik und an der Einfahrt zum Mittelmeer installiert wurden. "Die müssen jetzt modernisiert werden", sagt Masala. Die Nato kündigte bereits an, verstärkt in die moderne U-Boot-Bekämpfung aus der Luft zu investieren. Außerdem soll es mehr Überwachungsflüge und Patrouillenfahrten geben.

Wie schnell könnte die Nato aufholen?

Masala zufolge könnte der Westen in ein bis zwei Jahren aufholen, "wenn man die notwendigen Ressourcen in die Hand nimmt." Ein Problem dabei sei, dass viele Nato-Staaten in den vergangenen 20 Jahren ihre Fähigkeiten zur U-Boot-Verfolgung abgebaut haben. Es handelte sich dabei um ein typisches Kalter-Krieg-Szenario, das in Zeiten von Terrorismus, Bürgerkriegen und Stabilisierungsmissionen keine Priorität mehr hatte. Deutschland könnte Masala zufolge dabei einen Beitrag zur Aufklärung leisten. Es gibt bereits ein deutsch-französisches Vorhaben, gemeinsam eine Luftflotte an Seefernaufklärern zu beschaffen.

Wie weit würde Russland gehen? Wo ist die Grenze?

"Das Ziel ist es, als Großmacht zu agieren", sagt Masala. Dieser Anspruch gehe auch über Osteuropa hinaus. "Wenn es Ihnen nur um Osteuropa geht, brauchten Sie keine U-Boote in den Atlantik zu schicken", sagt er. Es gehe Moskau darum, zu zeigen, dass das Land in der Lage ist, in jeder Domäne zu eskalieren, egal ob im Cyberspace, in der Luft, im Wasser, im Weltraum oder zum Teil auch durch Operationen an Land. Das Signal sei: "Wenn wir wollen, können wir agieren, ohne dass ihr es verhindern könnt." Masala sieht aber auch eine klare Grenze - und die betrifft Artikel 5 des Nato-Vertrags. Dabei geht es um den Verteidigungsfall, also das Versprechen aller Mitglieder, jedes Mitglied zu verteidigen, wenn es angegriffen wird.

Ist das nun endgültig der neue Kalte Krieg?

Der Begriff "Kalter Krieg" erlebt schon seit Jahren eine Renaissance. Spätestens seit der Annexion der Krim durch Russland hört und liest man ihn wieder häufiger. Masala spricht lieber von einer "machtpolitischen Auseinandersetzung", da zum Kalten Krieg auch der Wettbewerb zwischen Demokratie und Kapitalismus auf der einen Seite und Kommunismus auf der anderen Seite gehört habe. "Eine solche ideologische Auseinandersetzung erleben wir zurzeit aber nicht." Russland wolle als Großmacht anerkannt werden, auch weil es sich von der Nato bedroht fühle. "Da will man zeigen, was man kann." Andererseits fühlten sich auch einige Nato-Staaten von Russland bedroht. "Wir sind also in einem klassischen Macht- und Sicherheitsdilemma." Was die Gegenseite mache, werde als Bedrohung angesehen. "Und dann reagiert man entsprechend."

Quelle: ntv.de