Politik

Rostock ist Corona-frei "Wie haben Sie das geschafft, Herr Madsen?"

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"Jetzt müssen die Bürger die Verantwortung übernehmen", sagt Claus Ruhe Madsen.

(Foto: picture alliance/dpa)

Als vermutlich erste deutsche Großstadt erklärt sich Rostock für Corona-frei. Oberbürgermeister Madsen sieht vor allem die schnell getroffenen Maßnahmen als ein Erfolgsrezept. Im Interview erklärt er, wie die Stadt vorgegangen ist.

ntv.de: Sie haben heute verkündet, dass Rostock Corona-frei ist. Was bedeutet das?

Claus Ruhe Madsen: Ich habe gestern Abend mit dem Gesundheitsamt telefoniert und das hat mir gemeldet, dass der letzte an Covid-19 erkrankte Rostocker aus der Quarantäne entlassen wurde. Damit sind alle Betroffenen bei uns - wir hatten 75 Fälle insgesamt - genesen.

Was hat Ihre Stadt unternommen, um diesen Zustand zu erreichen?

Wir hatten unsere ersten Fälle am 12. März in der Uniklinik Rostock. Das waren Ärzte, die zuvor im Skiurlaub waren. Dadurch war auch ein Kind betroffen, das in eine Schule mit über 1000 Schülern geht. Ich habe daraufhin alle Schulen und Kitas schließen lassen. Dann haben wir die Verwaltung und die ganze Stadt heruntergefahren. Von meinen 2400 Mitarbeitern habe ich mehr als 2000 sofort nach Hause geschickt. Gegen die Empfehlung des Robert-Koch-Instituts haben wir außerdem auch Menschen getestet, die keine Symptome hatten. Durch die Rostocker Firma Centogene konnten wir viele Tests durchführen. Wir haben vorsorglich die Mitarbeiter in den Kliniken, Pflegeeinrichtungen sowie Polizisten und Feuerwehrleute getestet.

Hat das etwas gebracht?

Bei einer Pflegerin, die keine Symptome hatte, war der Test positiv. Sie ist dann sofort in Quarantäne gegangen. So konnten wir wahrscheinlich einen größeren Ausbruch in dem Pflegeheim verhindern. Und wir haben uns nach langer Überlegung dazu entschlossen, das Konzert von Johannes Oerding am 11. März in der Stadthalle abzusagen. Da wären 5500 Zuschauer gewesen. Wir haben uns damit vermutlich nicht beliebt gemacht. Viele Menschen und auch der Künstler haben sich darauf gefreut. Aber wenn wir Pech gehabt hätten, hätten wir sonst vielleicht ein zweites Heinsberg erlebt. Ich habe außerdem sehr schnell das Personal im Gesundheitsamt aufgestockt. Wir wollten sicherstellen, dass wir die Infektionsketten nachvollziehen und schließen können. Bei dem Konzert wäre das im Nachhinein, wenn sich dort vielleicht 10 bis 15 Personen angesteckt hätten, nicht mehr möglich gewesen. Unser großer Vorteil war es, dass wir immer wussten, wer Kontakt zu Infizierten hatte.

Gab es auch Gegenwind für diese Maßnahmen?

Die meisten haben verstanden, dass wir so handeln. Man muss klar und deutlich verkünden, was und wann man etwas vorhat. Ein Konzert oder ein Basketballspiel kann man jederzeit nachholen. Es geht darum, nicht am Ende des Tages ein Familienmitglied beerdigen zu müssen.

Wie soll es nun in Ihrer Stadt weitergehen?

Es war extrem wichtig, dass wir als Stadt die Verantwortung übernommen und Auflagen gemacht haben. Jetzt müssen die Bürger die Verantwortung übernehmen. Bislang waren die Rostocker superdiszipliniert. Wichtig ist es, dass der Abstand weiter eingehalten wird, dass sich alle die Hände waschen. Der Staat darf nicht dauerhaft in die Freiheit der Bürger eingreifen. Es geht um Respekt und Eigenverantwortung. Eine Lockerung darf nicht verstanden werden als Geschenk, von wegen: So, das war's. Sondern das ist mit viel Verantwortung verbunden. Damit viel mehr Menschen als jetzt schon ihre Freiheit genießen können, muss jeder einen gewissen Preis zahlen und sich respektvoll verhalten. Es wird auch wieder zu einem Ausbruch in Mecklenburg-Vorpommern und Rostock kommen. Dann müssen wir konsequent gegensteuern. Ich bin ein Freund von: testen, testen, testen.

Bedeutet das, dass sich Rostock, um die gegenwärtige Situation aufrechtzuerhalten, von der Außenwelt abschotten muss?

Rostock und Mecklenburg-Vorpommern sind Urlaubsland Nummer eins in Deutschland. Ich freue mich wieder auf Gäste. Aber jetzt sind die Reiseaktivitäten auf ein Minimum heruntergefahren, was gut ist.

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Die bedeutende Hanse Sail im August mussten Sie bereits absagen. Wie wirkt sich die Krise auf die Wirtschaft der Hansestadt aus?

Wir erleben harte Einbußen. Die maritime Wirtschaft, der Tourismus und die Kreuzfahrtschifffahrt leiden gerade besonders unter der Krise. Das spüren wir. Ein Verlust lässt sich derzeit nicht beziffern. Keiner weiß, wie lange das alles noch geht. Wir nehmen jährlich mehr als 100 Millionen Euro Gewerbesteuer ein. Ich rechne derzeit damit, dass in diesem Jahr 30 Prozent davon wegfallen. Wir konzentrieren uns im Moment darauf, die Innenstadt attraktiver zu machen. Wir wollen kleine Kulturveranstaltungen wieder ermöglichen und so Fotografen, Bühnenbauern, Künstlern und so weiter helfen. Sitzmöblierungen sollen geschaffen und das Zentrum grüner werden. Es soll einen Ort zum Verweilen geben. Damit stärken wir den Menschen und den Handel. Am Ende des Tages ist die Stadtkasse leer und wir müssen kreativ sein, wie wir damit umgehen. Wir können nicht alles absagen. Manche freiwillige Leistung müssen wir aber vielleicht einstellen.

Als ein Mittel zur Eindämmung des Virus wurde in allen Bundesländern nun eine Maskenpflicht beschlossen. Finden Sie den Schritt richtig?

Wenn das dazu beiträgt, dass mehr Sicherheit vermittelt wird und wir in einer neuen Normalität leben können, unterstütze ich das. Vor allem, weil es ja reicht, einen Schal zu nehmen. Nicht alle haben Zugang zu Masken. Menschen mit geringem Einkommen können sich die nicht leisten. Aber jeder hat ein Kleidungsstück, das er als Nasen-Mund-Schutz nehmen kann. Es geht um den Respekt vor anderen und darum, sie zu schützen, nicht einen selbst. Deswegen begrüße ich das. Wir dürfen nicht in eine Gesellschaft zurückkehren, die von Angst und Panik getrieben ist. Wir brauchen Respekt, Vernunft und Mitmenschlichkeit. Die Sorge war am Anfang der Pandemie gut, aber das ist kein Dauerzustand.

Mit Claus Ruhe Madsen sprach Friederike Zörner

Quelle: ntv.de