Politik

Merkel im Hansapark Wie heißt noch mal der CDU-Kandidat?

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Kanzlerin Merkel und links neben ihr der Spitzenkandidat. Daniel Günther heißt er übrigens.

(Foto: dpa)

Am 7. Mai wird in Schleswig-Holstein ein neuer Landtag gewählt. Die Laune der Christdemokraten im Küsten-Bundesland ist ausgezeichnet: Zwei Umfragen sehen sie als Wahlsieger.

Eine Torte anschneiden, sich im größten Strandkorb der Welt fotografieren lassen, eine Achterbahn eröffnen - als Bundeskanzlerin hat man es auch nicht immer leicht. Sollte Angela Merkel gestresst sein, so merkt man es ihr nicht an. "Gibt immer 'ne Torte, wenn ich herkomme", sagt sie. Nur in "das neue Ding da" werde sie nicht einsteigen, "das ist mir zu heiß, da müssen die Jüngeren ran".

Gut eine Woche vor der Landtagswahl in Schleswig-Holstein wirbt die CDU mit einem "Familientag" im Hansapark in Sierksdorf an der Ostsee. Wer sich angemeldet hat, kommt kostenlos rein. Auch 20 Punks sind gekommen. Sie haben ausgedruckte Einladungen in der Hand. "Oha", sagt einer von der CDU, als die jungen Leute anrücken. Sie stellen sich aber alle ganz brav an, um die Einladungen in Eintrittskarten umzutauschen.

Während die Kanzlerin draußen die neue Achterbahn bewundert, überbrückt eine Moderatorin die Wartezeit in der Halle, indem sie Leute im Publikum fragt, warum sie gekommen seien. Sie wolle mal sehen, wie "der André" so sei, sagt eine Frau. Dann bemerkt sie ihren Fehler. "Nee, wie heißt er?", fragt sie. "Daniel Günther", hilft die Moderatorin.

"Wie ein verlegener Konfirmand"

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Es ist Wahlkampf - da muss Merkel durch: Torte anschneiden im hohen Norden.

(Foto: dpa)

Daniel Günther ist Partei- und Fraktionschef der CDU in Schleswig-Holstein und nun auch Spitzenkandidat für die Landtagswahl am 7. Mai. Außerhalb Schleswig-Holsteins ist er weitgehend unbekannt, und offenbar kann er seinen Bekanntheitsgrad auch zwischen Nord- und Ostsee noch steigern. Manch einer erinnert sich vielleicht daran: Vor einem Jahr forderte ein CDU-Politiker, dass in öffentlichen Kantinen stets Schweinefleisch angeboten werden soll. Das war Günther. Von einer "Schweinefleischpflicht" war damals die Rede - so stellt man sich in Berlin Provinzler vor. Aber eine Schweinefleischpflicht hatte Günther ebenso wenig gefordert wie die Grünen ein paar Jahre vorher das Volk zum Vegetarismus zwingen wollten.

Auf den Wahlplakaten, die auch in Schleswig-Holstein hängen, sieht Günther aus "wie ein verlegener Konfirmand, der sich für die vielen Geschenke bedankt", wie eine Leserin der "Kieler Nachrichten" dem Kandidaten in einem von der Zeitung organisierten Gespräch sagte. Live wirkt der 43-Jährige keineswegs schüchtern, sondern lebendig und durchaus dynamisch. Schleswig-Holstein gehe es gut, aber das liege an der Bundesregierung, ruft er bei seinem Auftritt in Sierksdorf. "Die Landesregierung stört nicht weiter, aber sie macht ja auch nichts." Als Wahlziel gibt er "35 Prozent plus x" aus, "damit wir Regierungsverantwortung übernehmen können".

Noch vor wenigen Tagen klang dieses Ziel reichlich anspruchsvoll. Doch am Vortag erschienen zwei Umfragen, in denen die CDU erstmals in diesem Jahr vor der SPD liegt - eine von Infratest Dimap, eine von der Forschungsgruppe Wahlen. Beide Erhebungen sehen die CDU bei 32 Prozent. Die SPD kommt bei Infratest auf 31 Prozent, bei der Forschungsgruppe Wahlen auf 30 Prozent. Eine unangenehme Überraschung für die Sozialdemokraten, die fest mit einem Sieg gerechnet hatten.

"Das Saarland hat uns motiviert"

Sollten die Schleswig-Holsteiner wirklich so wählen, wäre die Mehrheit der sogenannten Küsten-Koalition futsch. Seit 2012 regiert Ministerpräsident Torsten Albig von der SPD mit Grünen und dem Südschleswigschen Wählerverband, der Partei der dänischen Minderheit, die von der Fünf-Prozent-Hürde befreit ist. In den aktuellen Umfragen stehen die Grünen bei 12 und der SSW bei 3 Prozent. Die FDP ist beiden Umfragen zufolge mit 8,5 beziehungsweise 9 Prozent sicher im Landtag vertreten. Die AfD steht bei 6 Prozent, die Linke kommt auf 4,5 beziehungsweise 5 Prozent.

Ingo Gädechens, Bundestagsabgeordneter und der örtliche Kreisvorsitzende der CDU, hat eine Erklärung für den Umfrageerfolg seiner Partei, die durchaus plausibel klingt. "Das Saarland war wichtig für die CDU, um die Motivation zu erhöhen." Er meint die Motivation nach innen. Heutzutage geht es nicht mehr nur darum, nach außen zu wirken. Parteien müssen zunächst ihre Wahlkämpfer motivieren. In diesem Jahr gilt das noch mehr als sonst. Zumindest für die großen Parteien spielt der Haustürwahlkampf eine wichtige Rolle. Die Voraussetzung dafür sei sehr gut: "Die Stimmung ist ausgezeichnet", sagt Gädechens.

Dann merkt er noch an, dass der "Schulz-Effekt" ganz offensichtlich überbewertet worden sei. Außerdem habe Spitzenkandidat Günther das TV-Duell gegen Albig klar für sich entschieden. "Ich habe mich sehr um Objektivität bemüht", sagt Gädechens, "aber er ist eindeutig kompetenter rübergekommen."

Die Sache mit der "Verdi-Schlampe"

Eine bizarre Szene aus dem TV-Duell könnte sich noch auf den Wahlkampf auswirken - die Frage ist nur, wie. Eine Frau aus dem Publikum, die für die Gewerkschaft Verdi arbeitet, warf Günther vor, sie vor ein paar Jahren im Landtag "Verdi-Schlampe" genannt zu haben. Das könne man nachlesen.

Der Haken ist nur: Das kann man nicht. Günther bestreitet, so etwas je gesagt zu haben, und in den Landtagsprotokollen findet sich das Wort nicht. Da die Verdi-Mitarbeiterin auch im SPD-Kreisvorstand in Flensburg sitzt, kursieren im Internet Gerüchte, die Sache sei inszeniert gewesen. Den "Kieler Nachrichten" sagte ein Verdi-Sprecher, dass "der Vorfall" - gemeint ist die angebliche Beleidigung - bei der Gewerkschaft schon seit Monaten ein Thema sei.

Das TV-Duell fand am Dienstagabend statt. Am Mittwoch begnügte SPD-Landeschef Ralf Stegner sich mit der Aussage, die SPD habe mit der Angelegenheit nichts zu tun. Am Donnerstag trat er dann vor die Presse und sagte, seine Parteifreundin möge ihren Vorwurf belegen oder zurücknehmen.

Die jüngsten Umfragen wurden vor dem TV-Duell durchgeführt. Bei der CDU hofft man daher, dass es noch weiter aufwärts geht. Eigentlich legen die bisher bekannten Zahlen nahe, dass es keine Wechselstimmung gibt. Als Ministerpräsident wünscht sich fast jeder zweite Wähler Amtsinhaber Albig. Nur 27 (Infratest) beziehungsweise 31 Prozent (Forschungsgruppe Wahlen) sprechen sich für Günther aus. Zudem sind laut Infratest 61 Prozent der Wähler mit der Arbeit der Landesregierung zufrieden, nur 35 Prozent sind nicht zufrieden.

Keine Wechselstimmung, aber Unzufriedenheit

Aber: Die Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen zeigt, dass bei einzelnen Themen die CDU teils deutlich vor der SPD liegt. In der Bildungspolitik trauen 32 Prozent eher der Union die Lösung von Problemen zu, nur 24 Prozent sagen dies von der SPD. Auch bei den Themen Arbeitsplätze, Wirtschaft und in der Flüchtlingspolitik liegt die CDU vorn. Nur mit Blick auf die soziale Gerechtigkeit wird der SPD mehr zugetraut.

Im Hansapark wirbt Merkel eine halbe Stunde lang für Daniel Günther. Und für sich, im Herbst sind ja auch Bundestagswahlen. Sie spricht über die von der CDU geplante Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium, über die von ihr abgelehnte Kreisgebietsreform und auch über ihre Flüchtlingspolitik. Sie wisse auch, dass sich so etwas wie 2015 nicht jedes Jahr wiederholen dürfe. Aber sie wolle den Menschen danken, die sich ehrenamtlich oder beruflich für Flüchtlinge engagiert hätten. "Danke, das war eine tolle Visitenkarte unseres Landes." Dann sagt sie noch, dass abgelehnte Asylbewerber Deutschland verlassen müssten, damit die Schutzbedürftigen auch Schutz bekommen könnten. Sie verzichtet darauf, die Landesregierung zu attackieren, die sich weigert, Afghanen abzuschieben.

Vielleicht denkt Merkel, dass sie diesen Streit lieber der SPD überlässt. Vor ein paar Tagen nannte SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz diese Haltung "nobel", ging jedoch inhaltlich auf Distanz. Außenminister Sigmar Gabriel äußerte sich ähnlich. Vielleicht hatte er noch eine Rechnung mit Albig offen. Der hatte im Sommer 2015 öffentlich bezweifelt, dass die SPD einen Kanzlerkandidaten aufstellen sollte, weil Merkel ihren Job ja "ganz ausgezeichnet" mache.

Ein älteres Ehepaar, das sich die Merkel-Rede angehört hat, kann dem nur zustimmen. Wen sie sich als Ministerpräsidenten wünschen? "Daniel Günther, ganz klar", sagt der Mann. Und mit wem soll er regieren? "Mit der FDP", sagt seine Frau. Das wird jedoch kaum reichen. "Jamaika", erklärt sie kategorisch. "Die Grünen müssen mitmachen." Klappt das denn? Die Frau nickt: "Wir akzeptieren die."

Quelle: n-tv.de

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