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Energieexperte drängt zum Sparen "Wir haben noch vier Monate"

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Die Kohlekraftwerke hätten schon vor Monaten Gas einsparen können, sagt Energieexperte Zachmann.

(Foto: picture alliance / Jochen Tack)

Jetzt wird es ernst, das ist wohl jedem klar, nachdem Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck die zweite Stufe des Gas-Notfallplans ausgerufen hat. Der Energieexperte Georg Zachmann fordert nun schnelleres Handeln. Der Wirtschaftswissenschaftler, der in Brüssel für die Denkfabrik Bruegel forscht, drängt darauf, dass sich Deutschland mit den EU-Partnern abstimmt, denn auch von ihnen hängt der Gasvorrat ab. Und auf die Haushalte kommt es jetzt schon an.

ntv.de: Seit gestern gilt in Deutschland die zweite Stufe des Gas-Notfallplans. Noch hat das keine spürbaren Konsequenzen für Verbraucherinnen und Verbraucher. Kommen die bald?

Georg Zachmann: Deutschland muss jetzt schnell und deutlich Gas einsparen, damit die Speicher ungeachtet geringerer Importe gefüllt werden können. Die Gasalarmstufe gibt dafür den politischen Rahmen. Allerdings ist noch nicht klar, welche Maßnahmen die Bundesregierung über das Zurückbringen einiger Kohlekraftwerke hinaus treffen wird. Die Ideen reichen von Einsparprämien für Industrie und Haushalte über deutliche Preiserhöhungen bis hin zu staatlich verordneten Abschaltungen. Wie genau der Mix aussehen wird, wissen wir noch nicht.

Ist absehbar, wie schwierig der Winter wird?

Die Riesenunsicherheit ist die Kälte des Winters, die kann massive Auswirkungen auf den Gasverbrauch haben. In üblichen Jahren ist es so: Wir starten mit 80 bis 90 Prozent Füllung in den Speichern in den Winter und beenden ihn mit etwa 20 bis 40 Prozent, je nach Witterung. Es ist also immer noch etwas Sicherheitsmarge vorhanden, allerdings vorausgesetzt, dass das russische Gas auch über die kalten Monate weiter fließt. Wenn wir aber den Winterverbrauch nicht mit russischem Gas ausgleichen können, dann werden selbst 80 bis 90 Prozent Befüllung im Speicher dazu führen, dass wir trotzdem die Nachfrage reduzieren müssen.

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Der Energieökonom Georg Zachmann arbeitet beim Brüsseler Thinktank Bruegel unter anderem zu europäischen Strom- und Gasmärkten.

Wie gut können wir den Gasvorrat durch andere Quellen aufstocken?

Russland liefert zwei Drittel weniger Gas als üblicherweise. Die vorhandenen Möglichkeiten, LNG-Gas zuzukaufen, haben wir ausgeschöpft und damit immerhin etwa ein Drittel russischen Gases ersetzt. Wenn Russland nun den Gashahn komplett zudrehen sollte, muss unsere Nachfrage geringer werden. Ob sie letztlich zurückgeht, weil die Preise so hochsteigen, oder ob die Nachfrage zurückgeht, weil eine Behörde entscheidet, wer wie viel Gas beziehen darf, das wird eine politische Frage sein, vor der wir stehen. Die besondere Schwierigkeit dabei ist, dass die Menge Gas, die für ein Land wie Deutschland zur Verfügung steht, davon abhängt, wie viel Gas besser versorgte Nachbarländer verbrauchen, und wie viel sie bereit sind zu teilen.

Wir müssen das Problem also vor allem europäisch angehen und nicht national?

Wir müssen versuchen, etwa 20 Prozent Reduktion der Nachfrage europaweit hinzubekommen und die Belastung gleichmäßig zu verteilen. Trotzdem kann es sein, dass Deutschland dafür mehr tun muss als andere Länder. Je stärker der Gasverbrauch in Frankreich und Belgien reduziert wird, um so mehr bleibt an Gasreserven für Deutschland übrig. Falls aber etwa die Franzosen sagen, "Nein, wir lassen unsere Industrie so weiterlaufen wie bisher", dann muss Deutschland mehr einsparen.

Gibt es dazu Gespräche zwischen den EU-Ländern?

Es gibt bereits Solidaritätsvereinbarungen - die Speicherstandsverordnung aus Brüssel, in der gegenseitige Hilfeleistungen vereinbart sind, und es gibt den EU-Vertrag, in dem sich die Staaten Energiesolidarität zusagen. Aber ob all das tragfähig ist in der Krise, ist schwer vorherzusagen. Das Schreckensszenario sind die ersten Monate der Pandemie 2020, als die europäischen Länder entschieden haben, nicht zusammenzuarbeiten, sondern die eigenen Grenzen zu schließen.

Die Kampagne des Wirtschaftsministeriums empfiehlt vor allem Energie zu sparen - Gefrierfach abtauen, Klimaanlage höher drehen, Bus und Bahn fahren. Aber hilft das so viel in Bezug auf den Gasvorrat? Es geht doch kaum Gas in die Stromerzeugung.

Empfehlungen, wie den Duschkopf auszutauschen, beziehen sich ja schon auf Wärmeerzeugung. Jetzt im Sommer, wenn Heizen kein Thema ist, sollte sich der Staat bemühen, verstärkt flache Investitionen für die Haushalte anzuregen - den Boiler neu zu justieren, Fenster und Türen zu dämmen, smarte Thermostate zu installieren und gut einzurichten. Das anzuregen, was man jetzt für den kommenden Winter vorbereiten kann, um dann weniger zu verbrauchen. Da würde ich jetzt mehr Druck machen, denn bei solchen Themen spielt die Zeit eine Rolle, und da haben wir jetzt noch vier Monate, um uns besser vorzubereiten.

Und wie sehr nutzt Strom sparen unserem Gasvorrat?

Die Marge ist so: Jede Kilowattstunde Strom, die wir einsparen, spart in ganz vielen Situationen zwei Kilowattstunden Gas ein, das bringt also einiges.

Wie hängt das zusammen?

In vielen Stunden ist das letzte Kraftwerk, das in Deutschland angeschaltet wird, um die Stromnachfrage zu decken, ein Gaskraftwerk. Das liegt daran, dass es der teuerste Kraftwerkstyp ist, die teuerste Art, Strom zu produzieren. Jetzt im Sommer, wenn der Wind weht und die Sonne scheint, dann laufen tagsüber keine Gaskraftwerke. Aber in den Abend- und Morgenstunden oder wenn es nicht sonnig und windig ist, dann wäre das Gaskraftwerk das letzte Kraftwerk, das noch ans Netz geht, um die Nachfrage zu decken. Wenn aber der Bedarf reduziert wird, kann ich das letzte Kraftwerk ausgeschaltet lassen - und Gas sparen.

Für die nächsten Monate wird nun noch die Möglichkeit geschaffen, das letzte Gaskraftwerk durch einen Kohlemeiler zu ersetzen, der den Strom produziert.

Das hätten wir schon früher tun sollen. Die Gasersparnis durch die Kohlekraftwerke hätten wir auch schon vor drei Monaten haben können, dann hätten wir auf europäischer Ebene schon mehrere Milliarden Kubikmeter Gas eingespart.

70 Prozent des Gasvorrats in Deutschland verbraucht die Industrie. Um hier einzusparen, hat man das Gasauktionsmodell entwickelt. Unternehmen reduzieren ihren Verbrauch und verkaufen das eingesparte Gas an den Staat. Eine gute Idee?

Es gibt dazu zwei Fallmodelle, das eine ist: Unternehmen verkaufen schon im Vorfeld Einschränkungen für den Krisenfall. Sie legen sich quasi heute schon fest, dass sie im Krisenfall abgekoppelt werden, bekommen dafür jetzt einen Bonus und hoffen dann, dass dieser Krisenfall nicht eintritt. Das ist in jedem Fall eine gute Idee, weil man auf diese Weise besser justieren kann, wer abgeschaltet wird - besser, als wenn man das Juristen machen lässt.

Wie funktioniert das andere Modell?

Das zweite Modell bedeutet, die Unternehmen verkaufen Gas aus ihren günstigen längerfristigen Verträgen zurück an den Markt. Heute ist es so, dass einige Unternehmen eher noch mehr Gas als üblich verbrauchen, da ihnen frühzeitig gekauftes billiges Gas einen Wettbewerbsvorteil gibt. Es ist allerdings gesamtwirtschaftlich keine gute Idee, jetzt zu produzieren, als ob Gas noch billig wäre. Da macht es schon Sinn, die Unternehmen quasi aus diesen Verträgen herauszukaufen - zum Beispiel mithilfe von Auktionen. Wir sollten alles in Erwägung ziehen und probieren.

Was wird der entscheidende Faktor sein?

Eine wichtige Frage ist, ob es uns gelingt, die Belastungen so gut zu verteilen, dass sie keine Rezession auslösen und keine Stromausfälle verursachen. Vermeiden wir Stromausfälle und schaffen wir es, die Gasnachfrage im produzierenden Gewerbe vor allem dort zu reduzieren, wo Substitute verfügbar sind, dann sollte auch die Industrieproduktion im Winter großteils weiterlaufen.

Wie zuversichtlich sind Sie, dass die Herausforderungen der kommenden Monate gut gestemmt werden?

Wenn man es gut angeht, denke ich, sollten wir durchkommen. Die notwendigen Maßnahmen müssen allerdings schnell und effektiv sein - wir haben jetzt schon mehrere Monate bei den Gaseinsparungen in Industrie, Stromsektor und bei Haushalten vertrödelt - und mit jedem weiteren Zögern wird eine echte Krise wahrscheinlicher.

Mit Georg Zachmann sprach Frauke Niemeyer

Quelle: ntv.de

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