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AfD-Europaabgeordnete Ulrike Trebesius "Wir müssen uns nach rechts abgrenzen"

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Nationalkonservativ gegen liberalkonservativ: Alexander Gauland und Bernd Lucke (r.) vertreten die beiden Flügel der AfD.

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Die AfD-Europaabgeordnete Ulrike Trebesius fordert von ihrer Partei eine deutliche Abgrenzung nach rechts. Dem nationalkonservativen Flügel der AfD wirft sie vor, immer wieder "mit schwammigen Formulierungen" auszuloten, "wie weit man da gehen kann".

n-tv.de: In der Deutschland-Resolution von Vertretern des liberalen AfD-Flügels heißt es, die Unterzeichner der Erfurter Resolution wollten "eine AfD der flachen Parolen und der schrillen Töne". Einer der Unterzeichner ist immerhin Vizevorsitzender der AfD. Was trennt Sie von ihm?

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Ulrike Trebesius ist Abgeordnete im Europaparlament. Sie wird dem liberalen Flügel der AfD zugeordnet.

(Foto: picture alliance / dpa)

Ulrike Trebesius: Eigentlich schätze ich Herrn Gauland sehr, ich war überrascht, dass er die Erfurter Resolution unterschrieben hat. Denn durch diese Resolution wird der Bundesvorstand angegriffen, dem er selbst angehört. Alle Protagonisten, die sich in der Erfurter Resolution äußern, sind in Positionen, in denen sie die Politik der AfD aktiv selbst mitgestalten könnten. Deshalb fand es seltsam, dass man meinte, Mitstreiter in dieser Form hinterfragen zu müssen.

Sie betonen in der Deutschland-Resolution gleich drei Mal, dass Sie "die politische Linie von Bernd Lucke und Frauke Petry" unterstützen. Normalerweise gilt Frau Petry wie Gauland als Vertreterin des nationalkonservativen Flügels.

In diesem Falle sollten meines Erachtens nach beide Parteien aufeinander zugehen - ich erlebe Bernd Lucke als sehr sachlichen Gesprächspartner, wohingegen Frauke Petry eher emotional reagiert. Hier muss man versuchen, wieder rationaler zu werden.

Beim AfD-Parteitag in Bremen gab es zwar breite Unterstützung für den Kurs von Bernd Lucke, aber auch viel Applaus für Alexander Gauland, als er forderte, die "Junge Alternative" zur offiziellen Nachwuchsorganisation der Partei zu machen. Wie stark schätzen Sie den Anteil des "Lucke-Flügels" in der AfD?

Auf 75 bis 80 Prozent.

In Bremen wollten immerhin 59 Prozent der anwesenden Mitglieder über Gaulands Antrag abstimmen, obwohl Lucke sich dagegen ausgesprochen hatte.

Viele der gemäßigteren Leute vertrauen darauf, dass von der Bundesspitze gute Politik gemacht wird, sie sind mit Lucke zufrieden und kommen dann nicht unbedingt zu einem Parteitag. Zudem gab es in vielen Regionen in Deutschland am ersten Tag des Parteitags Glatteis. Da werden einige, die eigentlich kommen wollten, zuhause geblieben sein.

Der nächste Parteitag im April sollte ursprünglich ein Delegiertenparteitag sein. In der Deutschland-Resolution fordern Sie aber, einen Mitgliederparteitag daraus zu machen. Warum?

Die Diskussion, die nach der Erfurter Resolution und der Deutschland-Resolution hochkocht, ist überfällig. Wir sollten jetzt mal definieren, wo genau unsere Grenze liegt. Ich denke, nur die Delegierten zu befragen, ist in einer Partei, die großen Wert auf Basisdemokratie legt, nicht der richtige Weg.

Sie meinen die Grenze nach rechts?

Genau. Wir sollten uns da deutlich abgrenzen. Einige Mitglieder versuchen immer wieder, auszuloten, wie weit man da gehen kann.

Verstehen Sie, was die Verfasser der Erfurter Resolution meinen, wenn sie schreiben, die AfD solle eine "Widerstandsbewegung gegen die weitere Aushöhlung der Souveränität und der Identität Deutschlands" sein?

Als ich das las, habe ich mich auch gefragt, was damit gemeint sein soll. Ich habe uns bisher immer als Partei verstanden, nicht als "Widerstandsbewegung". In der Erfurter Resolution werden mit schwammigen Formulierungen vage Anspielungen in den Raum gestellt. Wir fordern in unserer Resolution daher, nicht um den heißen Brei herumzureden.

Leute wie Gauland oder auch der Thüringer AfD-Chef Björn Höcke stehen für eine diffuse Ablehnung von allem, was in der Erfurter Resolution "die Verhältnisse" genannt wird. Haben Sie Verständnis für dieses Gefühl?

Sie haben Recht, das ist ein Gefühl. Ich versuche aber, die Realität rational und möglichst abgeklärt zu betrachten. Im Europaparlament beispielsweise machen wir sehr laute und sehr ordentliche Oppositionsarbeit. Aber wir sind auch eine Partei, die noch immer in der Aufbauphase ist. Wir müssen es aushalten, dass es Leute gibt, die eine allgemeine Unzufriedenheit haben. Das kann man so schnell nicht ändern.

Gauland macht kein Geheimnis daraus, dass seine politische Ausrichtung zu einem guten Teil mehr Strategie als Überzeugung ist - in Bezug auf Russland sagt er das sehr deutlich. Könnte es sein, dass er Recht hat? Immerhin hat der nationalkonservative Flügel im Osten rund zwölf Prozent geholt, der konservativ-liberale in Hamburg aber nur sechs.

Diese Wahlergebnisse kann ich, glaube ich, erklären. Ich bin in Ostdeutschland aufgewachsen, ich war als Studentin 1989 auf der Straße. Ich glaube, ich verstehe die Ostdeutschen ganz gut. Mit dem Umsturz von damals haben viele DDR-Bürger große Hoffnungen verbunden. Bis heute schwingt in Ostdeutschland Enttäuschung darüber mit, dass nicht alles so geworden ist, wie man es sich erhofft hatte. In Hamburg und Schleswig-Holstein, wo ich seit 25 Jahren lebe, ist das ganz anders. Was in Sachsen, Thüringen und Brandenburg gut funktioniert hat, geht in Hamburg deshalb gar nicht. Das wird in den ostdeutschen Landesverbänden nicht immer verstanden.

Gauland hat über die Erfurter Resolution gesagt, vor einem Jahr "hätten wir das alle unterschrieben". Hätten Sie einen solchen Text vor einem Jahr unterzeichnet?

Nein, natürlich nicht. Ich weiß auch nicht, wie Herr Gauland zu solchen Aussagen kommt.

Mit Ulrike Trebesius sprach Hubertus Volmer

Quelle: n-tv.de

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