Politik

Lauterbach im Interview "Wir werden keinen Lockdown mehr machen"

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Eine Impfpflicht lehnt Karl Lauterbach ab.

(Foto: dpa)

Das Impftempo hat sich verlangsamt - was tun? Schon wird über eine Impfpflicht diskutiert. Widerspruch kommt von SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach, der bei ntv auch einem neuerlichen Lockdown eine klare Absage erteilt.

ntv: Herr Lauterbach, Frankreich und Griechenland führen jetzt eine Impfpflicht für Menschen ein, die im Gesundheitswesen arbeiten. Sollten wir das auch bei uns machen?

Karl Lauterbach: Nein, das brauchen wir nicht. Bei uns sind die allermeisten Menschen im Gesundheitswesen schon geimpft. Das wäre auch falsch, weil wir versprochen haben, dass wir keine Impfpflicht einführen. An dieses Versprechen sollten wir uns halten, denn wir haben keine neuen epidemiologischen Erkenntnisse, die eine Impfpflicht notwendig machen würden. Auch nicht im Gesundheitswesen.

Kann man es denn trotzdem verantworten, wenn jetzt beispielsweise eine ungeimpfte Krankenschwester in der momentanen Lage einen schwerstkranken Intensivpatienten pflegen muss?

Also, auf den Intensivstationen sind so gut wie alle Pflegekräfte und Ärzte und Ärztinnen geimpft. Von daher: Die wenigen, die dann nicht geimpft sind, können dann tauschen mit Pflegekräften, die geimpft sind. Darum muss sich dann der Arbeitgeber kümmern. Aber die Durchsetzung einer harten Impfpflicht wäre kontraproduktiv.

Griechenland hat auch entschieden, Ungeimpfte von der Innengastronomie auszuschließen. Würden Sie sagen, das ist der richtige Weg, um das Virus einzudämmen, oder trägt das eher am Ende zur Gesellschaftsspaltung bei?

Das führt zu einer Zweiklassenmedizin. Diejenigen, die geimpft sind, und diejenigen, die nicht geimpft sind. Diejenigen, die nicht geimpft sind, das sind ja zum Teil diejenigen, die sich nicht impfen lassen wollen, aber auch diejenigen, bei denen die Impfungen nicht wirklich wirken oder die sich nicht impfen lassen können. Eine solche Spaltung brauchen wir nicht. Wir müssen zu Lösungen finden, dass nachher sowohl die Geimpften wie auch die nicht Geimpften auch in der Innengastronomie bedient werden können!

Geht es denn ganz ohne Verbote für Impfverweigerer?

Ich glaube, dass es im Großen und Ganzen ohne Verbote für Impfverweigerer geht. Wir müssen als Gesellschaft zusammenhalten. Es ist natürlich wahr, dass die Impfverweigerer dazu beitragen, dass die Öffnungen, die wir benötigen, nicht ganz so schnell kommen können. Das ist ganz klar. Wir schaffen die Herdenimmunität nicht so schnell, wie wir sie brauchen mit den Impfverweigerern. Daher müssen wir an die Impfverweigerer appellieren, nochmal nachzudenken, ob sie bei der Position bleiben können. Aber wir werden sie nicht zwingen.

Andersherum gefragt: Wie lange kann man denn beispielsweise geimpfte Menschen einschränken, um genau diese Menschen, die sich nicht impfen lassen, zu schützen?

Diese Einschränkungen müssen auf ein Minimum begrenzt werden. Aber wir werden halt für die nächsten Wochen noch ein paar Einschränkungen benötigen. Im Übrigen muss man sagen: Bisher war das Begrenzende der Impfstoff und nicht die Impfverweigerung. Das wird sich jetzt ändern. Jetzt werden die Impfverweigerer eine größere Rolle spielen und dann muss man eben versuchen, die Impfverweigerer zu erreichen. Aber das sind ja nicht nur Impfverweigerer, sondern es sind auch Impfzögerer. Insbesondere die Impfzögerer, die müssen wir erreichen.

Wenn es ein Impfangebot für alle Menschen geben wird, sollte man dann Maßnahmen wie die Maskenpflicht aufheben oder wie lange könnte man die noch aufrechterhalten?

Solange wir tatsächlich noch viele Fälle haben. Wenn wir einen Anteil in der Bevölkerung, der nicht geimpft ist, von zum Beispiel 25 Prozent haben, dann werden wir im Herbst mit der Maske oder mit der Maskenpflicht zumindest in vielen Bereichen noch arbeiten müssen. Das muss man realistischerweise sehen. Weil wir sonst einfach zu viele Fälle hätten, auch viele Krankenhausfälle. Im Übrigen wären unsere Kinder dann auch ungeschützt. Es kommt eben darauf an, was erreicht wird. Ich sage mal so: 75 Prozent sind zu wenig. 85 Prozent der Erwachsenen, die wir geimpft haben, die sich haben impfen lassen, damit könnte man schon wieder sehr viel machen!

Ein Ausbruch in einer Diskothek in Karlsruhe hat jetzt gezeigt, dass das Virus eben auch nicht haltmacht vor den Menschen, die schon vollständig geimpft sind. Auch die können sich anstecken. 20 Prozent der Infizierten dort waren zum Beispiel schon komplett geimpft. Müssen wir damit jetzt leben lernen, dass so was in Zukunft noch passieren kann oder ist es am Ende so, dass die Politik einen weiteren Lockdown vielleicht gar nicht mehr ausschließen kann?

Wir werden keinen Lockdown mehr machen. Wir werden dann also mit solchen Risiken leben müssen. Wer in eine Diskothek geht, der geht ein gewisses Risiko ein. Das ist ganz klar! Insbesondere wenn er nicht geimpft ist. Wenn wir in die Diskothek hineingehen und dort ein Superspreader ist, der viele Aerosole ausatmet, dann ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass man sich infiziert. Die wird noch steigen, wenn die Impfungen älter sind. Also, wenn die Impfungen schon einen Teil ihrer Wirkung verloren haben. Ich rechne auch noch mit anderen Varianten, die vielleicht noch etwas ansteckender sein könnten als die Delta-Variante. Wir werden also in den nächsten Monaten Corona nicht ganz vergessen können.

Andere Länder, zum Beispiel Spanien oder zumindest Teile Spaniens, treten schon wieder auf die Bremse, nehmen teilweise Lockerungen zurück. Rechnen Sie damit, dass das bei uns dann trotzdem der Fall sein wird?

Wir werden hoffentlich vorsichtig lockern. Mich haben die Lockerung in Nordrhein-Westfalen etwas besorgt, muss ich sagen. Da ist ganz klar, wer zu früh lockert, ob das jetzt Spanien ist oder auch die Niederlande, der wird diese Lockerung wieder zurücknehmen müssen. Das sind Enttäuschungen und solche Enttäuschungen wollen wir nicht. Von daher plädiere ich dafür, dass wir vorsichtig und langsam lockern, um nochmal gut durch den Sommer zu kommen. Der Sommer wird sehr gut sein, aber wir dürfen nicht leichtsinnig werden. Der Sommer setzt im Prinzip die Brandherde für den Herbst, wo wir dann wieder mehr Schwierigkeiten haben werden.

Mit Karl Lauterbach sprach Nele Balgo

Quelle: ntv.de

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