Politik

"Er ist ein Held in der Szene" Wird Wohlleben jetzt zur Neonazi-Ikone?

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Ralf Wohlleben vor der Urteilsverkündung beim NSU-Prozess in München.

AP

"Freiheit für Wolle" - was Neonazis in den vergangenen Jahren auf Konzerten, T-Shirts und Buttons forderten, ist nun Realität. Der Verfassungsschutz befürchtet deshalb, der NSU-Unterstützer Ralf Wohlleben könnte zu einer Ikone der rechten Szene werden.

Genau eine Woche nach seiner Verurteilung im NSU-Prozess ist Ralf Wohlleben aufgrund seiner langen Untersuchungshaft von sechs Jahren wieder frei. Thüringens Verfassungsschutzpräsident Stephan Kramer befürchtet nach der Entlassung des NSU-Waffenbeschaffers nun ein Erstarken der rechten Szene.

Wohlleben (l.) mit seiner Verteidigerin

Wohlleben (l.) mit seiner Verteidigerin

(Foto: dpa)

"Er ist ein Held in der Szene. Er hat stets geschwiegen", sagte Kramer dem "Redaktionsnetzwerk Deutschland". Die Entlassung Wohllebens werde in den entsprechenden Neonazigruppen als Erfolg gewertet werde. Ob der 43-Jährige nach seiner Haftentlassung nun von Verfassungsschutzämtern beobachtet wird, wollte Kramer nicht sagen.

Während am Tag des NSU-Prozesses Neonazis im Gericht die sofortige Haftentlassung des ebenfalls angeklagten André E. bejubelten, fand der Jubel für die Entlassung Wohllebens zunächst in den sozialen Netzwerken statt. Seine ebenfalls aus der rechten Szene kommende Verteidigerin Nicole Schneiders veröffentlichte die Gerichtsentscheidung auf ihrer Facebook-Seite und bekam dafür in kurzer Zeit dutzende "Likes".

Wohlleben vor Rückkehr in Szene?

Laut Verfassungsschutz-Experten ist nicht auszuschließen, dass Wohlleben wieder im rechten Spektrum aktiv wird. Während des Prozesses wurde er wie ein Märtyrer in der rechten Szene gefeiert und mit Geldspenden unterstützt. Auf den Solidaritätsveranstaltungen und -konzerten wurden unter anderem T-Shirts und Buttons mit dem Spruch "Freiheit für Wolle" verkauft. Immer wieder besuchten befreundete Neonazis den NSU-Prozess.

Das Innenministerium in Magdeburg teilte auf Anfrage mit, dass Wohllebens Frau und Kinder ihren Wohnsitz in Sachsen-Anhalt haben. Die Behörden bereiteten sich darauf vor, dass auch er selbst seinen Wohnsitz in dem Bundesland nehmen werde. Sachsen-Anhalt befinde sich in enger Abstimmung mit den Sicherheitsbehörden von Bund und Ländern.

Wohlleben spielte eine Rolle, die über die rechtsextreme Terrorzelle hinausging. Laut Ankläger Jochen Weingart war er "Chef-Unterstützer" des NSU und besorgte unter anderem die Tatwaffen für Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos. Außerdem war Wohlleben Mitglied der Thüringen NPD. Er gilt damit als Beleg für die Überschneidung von rechtsextremistischen Neonazis und der Partei.

Angehörige nennt Freilassung "bitter"

Gamze Kubasik, die Tochter des 2006 in Dortmund erschossenen Händlers Mehmet Kubasik, nennt die Freilassung "bitter". Sie treffe besonders, dass sich nun neben dem zu einer überraschend milden Strafe von zweieinhalb Jahren verurteilten Neonazi André E. mit Wohlleben ein zweiter der maßgeblichen NSU-Unterstützer von der Neonaziszene feiern lasse, erklärte Kubasiks Anwalt Sebastian Scharmer.

Wohllebens Verteidiger hielten in seinem Auftrag zudem ein Plädoyer, das gespickt war mit rechten Gedankengut und Zitaten von Adolf Hitler. Zum Eklat kam es, als etwa Verteidiger Olaf Klemke in einem Antrag wegen der Flüchtlingskrise vor einem drohenden "Volkstod" der Deutschen warnte.

Ob Wohlleben für das restliche Drittel seiner zehnjährigen Haftstrafe noch einmal ins Gefängnis muss, ist nicht abzusehen. Das kann aber frühestens geschehen, wenn das Urteil rechtskräftig wird. Nach Einschätzung von Experten dürfte über Wohllebens Schicksal nicht vor dem Jahr 2020 entschieden sein.

Quelle: n-tv.de, swi/dpa/AFP

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