Politik

"In Tijuana sind alle Migranten" Wo Trumps Drohungen auf Gelassenheit treffen

IMG_20190209_160112.jpg

Der Grenzzaun zwischen Mexiko und den USA, von Tijuana aus.

(Foto: Franziska Türk)

Tijuana, die gefährlichste Stadt der Welt, ist die letzte Station vieler Migranten auf dem Weg in die USA. Während Trump poltert, reagieren die Bewohner erstaunlich gelassen auf die Migranten.

Als Edras im vergangenen November mit seinem Rucksack über den Schultern in der mexikanischen Grenzstadt Tijuana ankommt, sieht die Welt nicht den 20-jährigen Jungen mit den dunklen Locken und dem unsicheren Blick, der seine Familie in Honduras verlassen hat, um sich nicht gewalttätigen Gangs anschließen zu müssen. Sie sieht eine Menschenkarawane, die auf dem Weg von Honduras über El Salvador und Guatemala bis zur US-amerikanischen Grenze immer weiter anwächst. Sie sieht, wie die sonst so toleranten Bewohner der mexikanischen Grenzstadt gegen die Neuankömmlinge auf die Straße gehen. Wie der Bürgermeister - stolzer Besitzer eines "Make Tijuana Great Again"-Basecaps - den Notstand ausruft. Wie immer wieder Wasserwerfer eingesetzt werden, um die Migranten aus Mittelamerika vom Sturm der US-Grenze abzuhalten.

f5d0530eb4c060be6f7f49a8e7f82edb.jpg

Noch ist der Grenzübergang von Tijuana geöffnet. Trump droht damit, ihn zu schließen.

(Foto: REUTERS)

"In der Gruppe waren wir stark. Da konnte die mexikanische Grenzbehörde nichts gegen uns tun. Und auch nicht die kriminellen Banden und Gangs, die uns unterwegs aufgelauert haben", sagt Edras jetzt, Monate später, und versinkt fast in seinem grauen Hoody - so, als müsse er sich in der kargen Flüchtlingsunterkunft mit den 63 Stahlbetten noch immer vor den Gangs verstecken. Eineinhalb Monate führte ihn sein Weg durch Mittelamerika, in der prallen Sonne, im Regen. "Und nachts haben wir in der Kälte auf der Straße geschlafen." Von der Straße hat er es mittlerweile wie die meisten anderen Migranten weggeschafft. Doch Angst und Unsicherheit bleiben in der Stadt mit der höchsten Tötungsrate der Welt.

Der 20-Jährige mit den sanften Gesichtszügen ist einer der Menschen, wegen derer US-Präsident Donald Trump den Notstand ausgerufen hat, wegen derer er nach Tijuana reiste, um die Dringlichkeit seiner Mauerpläne zu demonstrieren. In Juan Manuel Gastèlum, dem Bürgermeister, hat er einen Verbündeten gefunden. Dem "Trump von Tijuana" wurde vor Kurzem gerichtlich untersagt, sich weiterhin abfällig über die Migranten in seiner Stadt zu äußern. Er hatte sie als faul, kriminell und vulgär bezeichnet. Damit steht Gastèlum in seiner eigenen Stadt ziemlich alleine da.

IMG_20190212_092336.jpg

Natale Mateotti kam vor Jahrzehnten selbst als Migrant aus Italien nach Tijuana und hilft seit 30 Jahren in einem Zentrum des Salesianer-Ordens.

(Foto: Franziska Türk)

Denn die Bevölkerung Tijuanas reagiert mit erstaunlicher Lässigkeit auf den nie abreißenden Zustrom von Migranten, der lange vor der aggressiven Migrationspolitik von US-Präsident Trump einsetzte. "Tijuana ist eine Stadt der Migranten", "In Tijuana sind wir alle Migranten", diese Sätze hört man hier immer wieder. Sie klingen wie ein Mantra; aus dem Mund des Taxifahrers, aus dem der Flüchtlingshelferin, selbst von der konservativen Stadtverwaltung. Als vor drei Jahren innerhalb weniger Wochen 3000 Haitianer in Tijuana strandeten, wurden sie mit offenen Armen empfangen. Als ruhige, hart schaffende Menschen wird von ihnen gesprochen - viele von ihnen arbeiten heute an Tankstellen, Autowaschanlagen oder haben Restaurants eröffnet. Migration gebe es hier seit jeher, sagt Isaac Olvera, der eine Unterkunft der Heilsarmee für geflüchtete Frauen und deren Kinder leitet. "Trump hilft uns eigentlich, weil er ein Problem daraus macht", sagt er. "Wir brauchen die Aufmerksamkeit, damit Hilfe kommt."

Ohne die Freiwilligen läuft nichts

In einer Stadt, in der ein Großteil der Bevölkerung einen Migrationshintergrund hat, ist niemand lange fremd. "Wenn du zwei Jahre in Tijuana lebst, dann bist du kein Migrant mehr. Dann bist du Einwohner", sagt Claudia Portela. Portela, lockige Haare, pinker Lippenstift und energische Stimme, organisiert das Frühstück im Hilfszentrum Desayunador Salesiano Padre Chava. Migranten und andere Hilfsbedürftige können hier mit einer warmen Mahlzeit in den Tag starten. "Die einzige Voraussetzung ist, dass sie kein Suchtproblem haben", sagt die Missionarin aus Uruguay, die seit 19 Jahren Neuankömmlingen in Tijuana hilft. Seit 5.30 Uhr schon stehen Freiwillige und Migranten gemeinsam in der Küche, um 45 Kilo Reis und ebenso viel Bohnen vorzukochen. Dazu gibt es Tortillas, Eier und Kaffee. Vor dem Gebäude ist die Schlange der Wartenden lang, drinnen sitzen die Menschen auf Klappstühlen beim Frühstück. Rhythmische Cumbia-Musik tönt aus den Lautsprechern, Jesus-Büsten zieren die orangefarbenen Wände. "In dieser Welt sind wir alle Migranten", steht auf einem Poster. Mehr als 1000 Menschen holen sich hier jeden Tag ihr Frühstück ab, aber nicht nur das: Es gibt einen Friseur, Ärzte halten ehrenamtlich Sprechstunden, die Migranten können ihre Kleider waschen, ihren Schulabschluss nachholen und Arbeit finden.

Ohne die Hilfe von Kirchen und Freiwilligen wie Natale Mateotti, der vor Jahrzehnten selbst als Migrant aus Italien nach Tijuana kam und bereits seit 30 Jahren im Desayunador beim Kochen des Frühstücks hilft, wäre die Lage wohl weit schlechter. "Wir haben nicht die Hilfe bekommen, die wir erwartet haben", sagt Leopoldo Guerrero Diaz, Sekretär der Stadtverwaltung, und blickt damit in Richtung Hauptstadt. Der neue mexikanische Präsident, Andrés Manuel López Obrador, hat versprochen, in den nächsten fünf Jahren 30 Milliarden Dollar in die wirtschaftliche Entwicklung in El Salvador, Guatemala und Honduras zu investieren, doch in Tijuana interessiert man sich für die Migranten, die bereits da sind. Die, die über Wochen und Monate auf der Straße lebten, schliefen und aßen. "Niemand fühlt sich für sie zuständig, am Ende bezahlt Tijuana", so Guerrero Diaz. Der Staat habe bei der Ankunft der großen Migrantenkarawanen im vergangenen Jahr Küchen geschickt, doch was darin zubereitet wurde, finanzierte die Stadt.

"Mexiko sagt Bienvenido, willkommen" sagt auch Olvera von der Heilsarmee. "Aber am Ende gibt es nichts zu essen." Wenn dann die Migranten wie 2018 in Gruppen kämen, seien sie Dynamit. Man wisse nicht mehr, wer in die Stadt komme, sagt Guerrero Diaz, die Anwohner hätten sich nicht mehr sicher gefühlt angesichts der vielen Menschen, die plötzlich auf der Straße gelebt und teilweise Drogen konsumiert hätten. "6000 Menschen in einer Woche, das ist einfach zu viel." Doch die aufgeheizte Stimmung, die in migranten- und fremdenfeindlichen Demonstrationen gipfelte, hielt nicht lange, inzwischen hat sich die Situation wieder beruhigt. "Wenn der Bürgermeister sagt, er will für die Migranten keinen Peso ausgeben, dann will er damit Wahlen gewinnen", sagt Olvera. Nur vier Prozent der Bevölkerung standen einer Umfrage zufolge vor der Ankunft der Karawanen im vergangenen Jahr hinter dem Stadtoberhaupt. "Tijuana ist super solidarisch", sagt auch Missionarin Portela. "Die Minderheit ist gegen Migranten. Jeder hat das Recht zu migrieren, um seine Situation zu verbessern." Angst, dass die Bevölkerung in Tijuana durch die giftigen Worte des Bürgermeisters gespalten wird, hat sie trotzdem.

IMG_20190212_085356.jpg

(Foto: Franziska Türk)

Die harte Haltung der Stadt gegenüber den Migranten resultiert auch aus der Angst vor einer Grenzschließung, mit der Trump immer wieder droht. "70 Prozent von uns haben Familie auf der anderen Seite der Grenze, viele arbeiten dort, die ökonomische Entwicklung hängt von einer offenen Grenze ab", sagt Guerrero Diaz. Sechs Millionen Dollar habe es gekostet, als die USA die Grenze im vergangenen Jahr wegen des Migrantenansturms für ein Wochenende schlossen. Ist die Grenze dicht, steht auch Tijuana still.

"Wenn das Trumps Mauer ist, soll er sie bauen"

Am Stadtrand von Tijuana arbeiten Bauarbeiter in gelben Baggern dennoch beständig am Ausbau des hohen stählernen Grenzzaunes, der die USA und Mexiko trennt. Mit jedem Tag schließt sich die verbleibende Lücke zwischen Tijuana und San Diego ein kleines Stückchen. Mit Trumps Mauer habe das aber nichts zu tun, heißt es von der Stadtverwaltung, der Bau sei vor dem Amtsantritt des US-Präsidenten beschlossen worden. Guerrero Diaz lehnt sich in seinem Ledersessel im Rathaus zurück und lacht. "Wenn das Trumps Mauer ist, dann soll er sie gerne bauen. Die sieht doch schön aus, man kann ja sogar durchschauen!" Am Strand von Tijuana trennt ein Grenzzaun die Nachbarländer ohnehin schon seit den 90-ern, gebaut im Rahmen der Operation Gatekeeper des damaligen US-Präsident Bill Clinton. Erfolgreich ist sie nur bedingt: Trotz der auf US-amerikanischer Seite lauernden Border Control schlüpfen immer wieder Migranten durch Löcher im Stacheldraht, die Zahl der Festgenommenen an der mexikanisch-amerikanischen Grenze war in den vergangenen Monaten dreimal so hoch wie im Vorjahr. 268.044 Menschen stoppten die US-Beamten zwischen dem vergangenen Oktober und Ende Februar - bis zu 2200 Personen täglich.

Sich illegal durch den Grenzzaun quetschen oder einen Schleuser für den Grenzübertritt bezahlen, das will Edras aus Honduras nicht. "Ich will es auf dem richtigen Weg machen", sagt der 20-Jährige, sichtlich angespannt angesichts eines Interviews mit der Migrationsbehörde, das in wenigen Tagen ansteht. Was passiert, wenn er dort ein Nein zu hören bekommt, daran will er erst gar nicht denken. Denn von den rund 6000 Menschen, die im vergangenen November mit Edras zusammen in Tijuana angekommen sind, haben es bislang nur die wenigsten legal über die Grenze geschafft. "Wer kleine Kinder hat, kommt innerhalb von zwei, drei Tagen rüber", sagt Gerson, der mit der zweiten Karawane Ende November eingetroffen ist und jetzt mit Edras und 61 anderen im Schlafsaal über dem Frühstücksgebäude im Desayunador wohnt. "Die, die ohne Kinder gekommen sind, sind entweder illegal über die Grenze, in ihre Heimat zurückgekehrt oder sie warten noch - bis zu zehn Monate kann es bis zum Interview dauern, heißt es."

Für manche markiert Tijuana aber auch das Ende ihrer Reise. "Es gibt hier Arbeit und wirtschaftliche Entwicklung", sagt Guerrero Diaz. "Wer sich entschließt zu bleiben, für den ist der Arbeitsmarkt offen." Nur wenige Meter von den USA entfernt in einer gefährlichen Grenzstadt zu stranden, war für kaum einen der Plan, als er sich in Honduras, El Salvador oder Guatemala auf den Weg machte. Doch wer trotzdem bleibt, wird wohl nicht lange fremd sein.

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema