Politik

Landtagswahl in Sachsen-Anhalt Wohin fährt Annalenas Elektro-Zug?

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Am Donnerstag begrüßte Annalena Baerbock den österreichischen Bundespräsidenten Alexander von der Bellen, einen Grünen, in Berlin.

(Foto: dpa)

Wahlen werden im Westen gewonnen, aber im Osten verloren. Auch deshalb dürfte die Landtagswahl von Sachsen-Anhalt an diesem Sonntag spannend werden. Und natürlich wegen der Schmetterlingsschläge.

Es heißt, der Flügelschlag eines Schmetterlings könnte an anderer Stelle einen Orkan auslösen. Der so genannte Schmetterlingseffekt stammt aus der Chaostheorie - und die wiederum beschäftigt sich mit dynamischen Systemen, deren Entwicklung nicht vorhersehbar ist.

Womit wir im Jahr 2017 angekommen wären. Vor vier Jahren ging von der Landtagswahl im kleinen Saarland ein politischer Schmetterlingseffekt aus. Die Wahl in dem kleinen Bundesland war der letzte Stimmungstest vor der anstehenden Bundestagswahl. Martin Schulz war in den Wochen zuvor praktisch schon als nächster Bundeskanzler gehandelt worden. Endlich hatte die SPD einen Kandidaten, der erst die eigene Partei, dann die Medien und schließlich die Umfragen beflügelte.

Schulz bescherte den Genossen bombastische Zustimmungswerte, die sogar die Union von Angela Merkel hinter sich ließen. Dann kam die Wahl im Saarland. Die Saarländer setzen ihr Kreuzchen anders als Umfragen es prognostizierten - mehr als zehn Prozentpunkte landete die Schulz-SPD hinter der Merkel-CDU. Es war der Anfang vom Ende. Man sagte, der Schulz-Zug, der erst im Kanzleramt Endstation machen sollte, sei entgleist.

Am Sonntag wird in Sachsen-Anhalt gewählt. Unter normalen Umständen würde die Bundespolitik wenig Notiz nehmen von einer Wahl in einem Land mit knapp 2,2 Millionen Einwohnern. Doch dieses Mal ist wieder alles anders: Eine Bundestagswahl naht, und die Wahl des Landtags in Magdeburg ist der letzte bundesweite Stimmungstest. Deshalb wird die ganze Republik nach Sachsen-Anhalt schauen. Gibt es wieder einen Schmetterlingseffekt, der die Trends für die Bundestagswahl am 26. September verändert?

Besonders die CDU schaut auf diese Wahl. Ihr Ministerpräsident und Spitzenkandidat Reiner Haseloff hatte sich als erster CDU-Landeschef gegen Armin Laschet und für Markus Söder als Kanzlerkandidat ausgesprochen. Seine Entscheidung begründete Haseloff damals so: "Es geht nicht um persönliche Sympathie, Vertrauen oder Charaktereigenschaften. Es hilft nichts, wenn jemand nach allgemeiner Überzeugung absolut kanzlerfähig ist, aber dieses Amt nicht erreicht." Rums, das war ein fester Tritt gegen Laschets Schienbein. Kanzlerkandidat wurde er dennoch.

Geflüsterte Zweifel

Haseloff tourte im Wahlkampf trotzdem gemeinsam mit dem Aachener durch sein Land. Aber die Zweifel blieben. Insbesondere im Wettbewerb mit der AfD hatte man sich vom zupackend auftretenden Söder mehr Vorteile versprochen. Was übrigens paradox ist, weil das AfD-Milieu ja eigentlich den gesamten Corona-Maßnahmen skeptisch bis ablehnend gegenübersteht, während Söder die schärfsten Restriktionen als Vorsitzender des "Teams Vorsicht" vertreten hatte.

Sollte die CDU am Sonntagabend schwach abschneiden oder gar hinter der AfD liegen, dann dürfte sich das Söder-Lager bestätigt sehen. Auf den Fluren von Berlin geht allerdings niemand davon aus, dass es eine neue Pro-Söder-Kampagne geben würde. "Mitten im Fluss wechselt man nicht die Pferde", sagte ein führender Unionsvertreter am Donnerstag. Sein Blick war dabei aber so vielsagend, dass man durchaus mit vielen geflüsterten Zweifeln an Laschet während der nächsten Wochen rechnen darf.

Auch innerhalb der CDU in Sachsen-Anhalt selbst wird das Wahlergebnis erhebliche Auswirkungen haben. Der amtierende Ministerpräsident hat sich erst vor kurzer Zeit seines an der Parteibasis populären voraussichtlichen Nachfolgers, des ehemaligen Innenministers Holger Stahlknecht, entledigt. Dessen zahlreiche Anhänger warten nur auf ein Zeichen der Schwäche von Haseloff, um doch noch den Generationenwechsel auszurufen. Stahlknecht tritt als Direktkandidat an. Es wird geflüstert, sein bescheidenes nächstes Ziel sei der Vorsitz eines regionalen Fußballverbands. In Wahrheit könnte er auf sein Rückspiel um die Macht in der CDU Sachsen-Anhalt warten.

Am Ende nur strahlende Sieger

Auch die andere Partei, die in Schlagdistanz zum Kanzleramt ist, schaut angespannt auf den Wahlsonntag. Über Monate und Jahre lief es für die Grünen wie am Schnürchen. Was 2017 der Schulz-Zug war, das ist 2021 Annalenas Elektro-Train. Dann häuften sich Rückschläge. Medien zitieren führende Grüne, die sich kritisch über die Fehler der letzten Wochen äußern. Die Endstation Kanzleramt ist jedenfalls kein Selbstläufer.

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Ausgerechnet Reiner Haseloff könnte am Sonntag mit einem Wahlsieg dafür sorgen, dass Kanzlerkandidat Laschet ruhiger durch den Fluss kommt.

(Foto: dpa)

Die Erwartungen der Grünen an die Wahl in Sachsen-Anhalt sind indes bescheidener. Es geht nicht um die Pole-Position wie bei der CDU. Im Osten sind die Grünen generell schwächer. Dennoch wird man Maß nehmen am Zuwachs gegenüber der letzten Wahl. Bereits nach der Wahl in Rheinland-Pfalz hatten die Grünen sich hinter vorgehaltener Hand enttäuscht gezeigt. Es gab zwar einen Zuwachs, aber das Ergebnis war nicht einmal zweistellig. Gut, damals gab es noch keine Kanzlerkandidatin. Jetzt gilt es also. Man sagt, Wahlen werden im Westen gewonnen, aufgrund der größeren Zahl der Wahlberechtigten. Aber Unionsmitglieder erinnern gerne an den Stoiber-Wahlkampf des Jahres 2002 und sagen: Wahlen werden im Osten verloren! Deshalb wird der Wahlsonntag auch darüber entscheiden, wie es mit Annalenas Elektro-Train weitergeht.

Die Heckenschützen und Spindoktoren in Berlin sind jedenfalls schon an jeder Ecke zu treffen. Sie flüstern: "Wenn Baerbocks Partei am Sonntag unter zehn Prozent bleibt, dann könnte ihre Kanzlerkandidatur über den Sommer wie Eis in der Sonne zerrinnen."

Das wird man sehen. Eines ist aber klar: Jede Partei wird das Ergebnis am Sonntag so deuten, dass es einen strahlenden Sieg in knapp über 100 Tagen bei der Bundestagswahl verspricht. So ist das Geschäft, daran ändern auch Schmetterlingsschläge nichts.

Quelle: ntv.de

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