Nah dran

"Nah dran!" vor Landtagswahlen Nicht Bananen, sondern Tomaten

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DDR-Besucher interessieren sich am 10.11.1989 in einem Geschäft in Herleshausen für Obst und Gemüse.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Seit knapp einem Jahr berichtet RTL/n-tv-Korrespondentin Liv von Boetticher aus dem Osten Deutschlands. An dieser Stelle schreibt sie in der Woche vor den Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg über Eindrücke und Erlebnisse der letzten Monate und wie sich das Reporterleben in Ost und West unterscheidet.

Die Banane war einst das Symbol für den Mangel in der DDR und von meinen Kollegen aus Leipzig weiß ich, dass sie für viele Ostdeutsche auch heute noch eine besondere Bedeutung hat, weil sie an eine bestimmte Zeit in ihrem Leben erinnert und für die Entfremdung zwischen Ost und West steht.

30 Jahre nach dem Mauerfall habe auch ich für die noch heute spürbare Entfremdung zwischen Ost und West einen essbaren Beweis gefunden. In meinem Fall die Tomate.

Seit Beginn des Jahres haben mein Kamerateam und ich 18.848 Kilometer auf den Straßen Sachsens, Sachsen-Anhalts, Thüringens und Brandenburgs zurückgelegt. Ich weiß die Vorzüge der neuen und (im Vergleich zu Westdeutschland) fast immer leeren Autobahnen sehr zu schätzen. Das Reporterleben bringt es aber auch mit sich, dass wir uns oft an Tankstellen mit Kaffee und Brötchen ausrüsten, wobei Letztere in den meisten Fällen mit einer Tomatenscheibe verziert sind, gegen die ich leider allergisch bin. Aus diesem Grund bitte ich die Verkäuferinnen regelmäßig, mir ein frisches Brötchen zu belegen, mit egal was drauf, nur eben keiner Tomate. Zu meiner Überraschung ist dieser eigentlich simple Wunsch ein echtes Problem, der nicht so leicht (und manchmal gar nicht) zu erfüllen ist. Nicht einmal. Nicht zweimal. Nicht dreimal. Nein: Inzwischen habe ich so oft in ratlose, verunsicherte und teilweise ängstliche Gesichter geblickt, dass ich mir meine Brötchen nun morgens selber zubereite und mitnehme. Mein ostdeutscher Kameramann Sven erklärte mir nämlich, dass hinter der Tomaten-Brötchen-Problematik eine in der DDR-Zeit gelernte Sorge stecke, etwas Falsches zu machen, gegen gesetzte Regeln zu verstoßen und außerhalb der vorgesehenen Routine aufzufallen. In diesen Situationen liegt eine spürbare Angst im Raum, der Tankstellen-Chef könnte am Abend die übrig gebliebenen Tomatenscheiben im Kühlschrank kontrollieren und feststellen, dass da etwas nicht mit rechten Dingen zugegangen ist. Obwohl die DDR nur rund 40 Jahre existierte, ist sie 30 Jahre später teilweise immer noch in einigen Köpfen präsent.

Potenzial des Umbruchs

Dabei bietet der in den vergangenen Jahren erlebte Veränderungsprozess viel Potenzial, gerade für die Wirtschaft. Die Menschen in den ostdeutschen Bundesländern sind laut dem Zukunftsforscher Michael Carl weniger versteift im Kopf und offener für neue Ideen. Aus diesem Grund haben sich inzwischen eine Reihe junger Unternehmen in der Region niedergelassen, so wie das Blockchain-Startup Lock.it aus der sächsischen Kleinstadt Mittweida.

Teil 4: Zweierlei Maß

Wollte man auf einer Landkarte eine Stecknadel in die Mitte von Deutschland stecken, müsste man den Pin in Thüringen platzieren. Doch Thüringen ist für die meisten Bundesbürger nicht "Mitte", sondern "Osten" - und dieser umfasst wiederum pauschal die Bundesländer Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Überall liest und hört man im Moment "der Osten wählt"; dabei wählen streng genommen am 1. September nur Sachsen und Brandenburg. Thüringen folgt Ende Oktober. Würde man aber im Gegenzug davon sprechen, dass "der Westen wählt", wenn NRW und Bayern die Landtagswahlen am gleichen Tag abhielten? Wohl eher nicht.

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Liv von Boetticher berichtet für n-tv aus dem Osten Deutschlands.

Es wird mit zweierlei Maß gemessen, so empfinden es die Menschen in den ostdeutschen Bundesländern und am Beispiel des Strukturwandels in der Lausitz wird das auch deutlich: 200 Jahre lang lebten die Menschen dort mit und von der Braunkohle. Bis 2038 soll damit Schluss sein - doch während beim Schließen der letzten Zeche in Westdeutschland Politiker aus der ersten Reihe den Kohlekumpel die letzte Ehre erwiesen, gibt es für die Lausitzer Bergleute keine konkreten Pläne für die Zeit danach.

 

Teil 3: AfD-Hochburgen, so weit das Auge reicht? Nein.

In einer Medienauswertung stellte der MDR vor zwei Jahren fest, dass das Wort "Ostdeutschland" am häufigsten in der Kombination mit den Begriffen "Armut" und "abgehängt" in der deutschlandweiten Berichterstattung vorkam. Durch das ständige Wiederholen dieser Verknüpfung festigt sich das Bild der Ostdeutschen als Verlierer der Wendezeit, die sich sowieso nur beschweren, ohne an ihrer Lage etwas ändern zu wollen. Dieses Bild ist nicht fair, denn es stimmt einfach nicht. Richtig ist allerdings, dass 30 Jahre nach dem Fall der Mauer die ostdeutschen Bundesländer von vielen Großkonzernen immer noch als  "Niedriglohnland" gesehen werden. Die Werke in Leipzig, Zwickau oder Görlitz konkurrieren mit Fertigungsstätten in Rumänien oder der Türkei - und kein einziges der 30 deutschen Dax-Unternehmen hat seinen Sitz in Ostdeutschland.

Neißeaue zählt zum Landkreis Görlitz und ist die östlichste Gemeinde Deutschlands, direkt an der polnischen Grenze. Bei der Europawahl stimmten hier zuletzt 46,4 Prozent der Bewohner für die AfD - nicht aus Überzeugung, wie wir vor Ort erfahren, sondern als Frustventil. Vier von fünf Anwohnern wurden nach der Wende arbeitslos, die Industrie vor Ort starb, neue Arbeit zu finden - für viele ein nahezu unmögliches Unterfangen. Die Menschen, mit denen wir in der Gemeinde geredet haben, würden sich eher dem links-grünen Lager zuschreiben. Weil bisher aber kein Politik in ihrer Region mit Lösungen punktete, wählen sie nun die AfD - als letzte Alternative.

Teil 2: "Halt die Fresse, Lügenpresse!"

Dieser Satz wurde mir gleich bei meinem ersten Reportereinsatz in Dresden entgegengeschleudert - seitdem habe ich solche oder ähnliche Äußerungen sehr oft gehört. Das Misstrauen gegenüber Medienvertretern ist kein rein ostdeutsches Phänomen, doch die Vorbehalte sind hier besonders groß. Alle privaten Fernsehsender, das ZDF, der Deutschlandfunk und alle überregionalen Zeitungen produzieren im Westen. Die Menschen in Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern haben oft das Gefühl, dass man über sie berichtet, aber nicht mit ihnen spricht.

Im Wahlkampf in Sachsen und Brandenburg haben verschiedene Parteien das Thema "Wolf" für sich entdeckt. Besonders am Herzen liegt es der AfD, die Partei möchte das Tier gerne wieder aus Deutschland raus haben, man erkenne gewisse Parallelen zu illegal eingereisten Migranten.

*Datenschutz

Für die meisten Deutschen ist der Wolf aber ein Wesen aus Grimms Märchen, im Alltag begegnet er ihnen wenn überhaupt im Zoo. Das Anti-Wolf-Engagement der AfD wird belächelt - wieder ein Thema, mit dem die Partei im Osten hetzt und Stimmung macht. Doch dahinter verbirgt sich viel mehr: Das Gefühl vieler Ostdeutscher, auf Bundesebene nicht mit ihren Sorgen und Ängsten ernst genommen zu werden - denn das einzige westdeutsche Bundesland mit einer größeren Wolfspopulation ist Niedersachsen. Von den 73 Wolfsrudeln, die es im Jahr 2018 in Deutschland gab, entfallen zwei Drittel (48) auf die ostdeutschen Bundesländer Sachsen, Sachsen-Anhalt und Brandenburg.

Teil 1: Wild, wild East

Berlin, Köln, Frankfurt, München - als Reporterin habe ich in den vergangenen Jahren in fast jeder Ecke Deutschlands gelebt und von dort aus berichtet. Der Osten Deutschlands blieb allerdings vollkommen unberührt. Leipzig und Dresden fühlten sich für mich ganz subjektiv gesehen weiter weg an als London oder Paris. Warum? Weil der Osten Deutschlands in der Berichterstattung wenig Platz findet. Als ob dort nichts los sei - außer, wenn Pegida wieder einmal durch Dresden marschiert oder rechte Krawalle Chemnitz erschüttern. Die wichtigsten und größten Redaktionen sitzen in Westdeutschland, das heißt auch: Es gibt viel mehr Journalisten, die aus Hamburg, Berlin oder München berichten - mit ihrer Sicht der Dinge.

Meine Entscheidung, als Korrespondentin in das RTL/n-tv-Landesstudio Ost nach Leipzig zu wechseln, fiel kurz nach den rechten Ausschreitungen in Chemnitz. Von Freunden und Kollegen erntete ich mitleidige Blicke. Andere fragten sich wohl, was ich verbrochen haben musste, um in diese gesetzlose Gegend, den wilden Osten, geschickt zu werden. Die Vorstellung, in Ostdeutschland leben zu müssen, kam für viele wohl einer Höchststrafe gleich. Fast keiner von ihnen war aber je dort.

Migration nicht Wahlkampfthema Nummer eins

Aus meiner Sicht kann man nicht ein Urteil über einen ganzen Landstrich und die darin lebenden Menschen treffen, wenn man nicht selbst dort gewesen ist. Ich ging deshalb aus reiner Neugierde von Köln nach Leipzig. Und so viel sei vorweg genommen: Es war die beste Entscheidung. Denn in den vergangenen Monaten habe ich mehr über die gesamtdeutsche Seele gelernt als in all den Jahren zuvor.

Der Aufstieg der AfD wird, gerade in Sachsen und Brandenburg, oft mit der Angst vor Migration und dem Gefühl fehlender innerer Sicherheit gleichgesetzt. Dabei ist für viele Ostdeutsche die fehlende Infrastruktur auf dem Land ein viel wichtigeres Thema in diesem Wahlkampf.

 

Quelle: n-tv.de, ali