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Vergleich von Schulz und Trump Aus Schäubles Attacke spricht der Frust

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In der SPD würden sie Schulz eher mit Barack Obama als mit Donald Trump vergleichen.

(Foto: imago/ZUMA Press)

Der überraschende Erfolg von SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz scheint die Union nervös zu machen. Doch der Trump-Vergleich, den Wolfgang Schäuble anstellt, sagt mehr über den Zustand der Union als über Schulz.

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble hat SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz im "Spiegel" mit dem amerikanischen Präsidenten Donald Trump verglichen. Vergleiche sind immer problematisch, dieser Vergleich ist völlig daneben. Aufschlussreich ist er dennoch.

Zunächst einmal zeigt Schäubles Äußerung, dass Schulz in der CDU ernst genommen wird. Die Zeiten, in denen die Union nur ein paar Plakate mit dem Konterfei der Kanzlerin aufhängen musste, um stärkste Kraft im Deutschen Bundestag zu werden, sind definitiv vorbei, wenn ein so kluger Politiker wie Schäuble zu so groben Waffen greift.

Und Schäubles Äußerung deutet darauf hin, wie die Wahlkampfstrategie der CDU aussehen wird: Stabilität gegen Populismus. Für das eine steht Angela Merkel, für das andere offenbar alle anderen, vor allem natürlich die AfD, aber auch der Lieblingsfeind der CSU: Rot-Rot-Grün.

Schäuble wirft Schulz vor, Deutschland schlechtzureden. Das wäre in der Tat die Methode Trump: Die Welt ist eine Katastrophe, unser Land steht vor dem Abgrund, schlimmer kann es nicht werden, nur ich kann euch erlösen. Populisten in nahezu allen westlichen Demokratien setzen auf dieses Rezept. Aber was hat das mit Schulz zu tun?

Anders als Merkel und anders auch als der scheidende SPD-Chef Sigmar Gabriel ist Schulz nicht ins Kabinett eingebunden. Er kann Missstände anprangern, ohne sich fragen lassen zu müssen, warum er sie nicht längst behoben hat. Für Merkel ist das schwierig. Sie kann im Wahlkampf maximal verkünden, dass sie Deutschland noch besser machen will. So gesehen ist Schäubles Vorwurf, Schulz inszeniere sich als "Underdog" gegen das Establishment, womöglich Ausdruck einer gewissen Frustration.

Und was ist eigentlich mit Seehofer?

Darauf sei hingewiesen: Es kann sein, dass Schäuble im "Spiegel" differenzierter argumentiert als bislang bekannt – das vollständige Interview ist noch nicht erschienen. Der Vorwurf, Schulz folge der postfaktischen Methode des US-Wahlkampfes, ist dennoch reichlich unfair.

Schulz ist bislang nicht der Versuchung erlegen, die Situation in Deutschland zu dramatisieren. Bei Anne Will sagte er vor knapp zwei Wochen, ein glaubwürdiger Politiker müsse vermitteln, "dass die Sorge, die Furcht, die schlaflose Nacht, die Angst vor der Zukunft (für ihn) nicht etwas Fremdes ist, sondern etwas, was man empathisch selbst nachvollziehen kann". Er sagte nicht, die Mehrzahl der Deutschen muss beständig um ihren Job fürchten – das wäre auch gelogen. Er sagte, es reiche nicht, wenn Politiker "immer nur im Kopf die Probleme lösen, wir müssen auch empfinden, was das bedeutet, wenn man Angst um die eigenen Kinder hat, Angst um den eigenen Job, wenn man Angst um die Sicherheit hat".

Ein solcher Ansatz einer eher mitfühlenden als entfernt denkenden Politik wird übrigens seit Jahrzehnten vehement von der CSU verfolgt. Apropos: Was ist eigentlich mit Horst Seehofer? Der Blick auf die bayerische Schwester der CDU entwertet Schäubles Angriff endgültig: Der CSU-Chef hat sich mehrfach demonstrativ mit dem ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán getroffen, er hat den russischen Präsidenten Wladimir Putin umschmeichelt und Trump gelobt. Orbán, Putin, Trump. Jedes Mal hat Seehofer sich klar gegen Merkel gestellt.

Als Schulz in ihrer Talkshow zu Gast war, versuchte Will, ihn als sozialdemokratische Version von Angela Merkel zu entlarven. Seine Antwort dazu war: "Dinge werden ja nicht dadurch falsch, dass Angela Merkel sie jetzt sagt."

Wenn Schulz erfolgreich ist und bleiben sollte, dann liegt es nicht an seiner "Dampfplauderei" und seinem "Populismus", wie Schäuble unterstellt. Es liegt daran, dass er es bislang ganz gut schafft, Merkel zu imitieren: Er bleibt inhaltlich vage, wirkt aber überzeugend. Es liegt mit großer Sicherheit auch daran, dass Merkel zwar für viele Wähler noch glaubwürdig ist, dass sie aber nicht mehr glaubwürdig die Rolle der Kanzlerkandidatin von CDU und CSU spielen kann.

Genau darüber hatte Schulz vor einer Woche ebenfalls im "Spiegel" gesprochen. "Der Versuch von Frau Merkel, sich als Sozialdemokratin zu geben, war ein geschickter Schachzug. Er funktioniert aber nicht mehr. Dafür brodelt es zu heftig bei CDU und CSU. Dafür sind die inhaltlichen Differenzen zwischen der CDU-Vorsitzenden und ihrer eigenen Partei zu gewaltig. Man muss diesen Etikettenschwindel, mit dem wir schon geraume Zeit leben, für alle sichtbar machen."

Gut möglich, dass Schäuble dieses Interview gelesen und sich geärgert hat. Sein eigenes Interview mit dem "Spiegel" dürfte ihm geholfen haben, seinen Ärger zu verarbeiten. An den Fakten geändert hat es nichts.

Quelle: n-tv.de

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