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Bündnisse um jeden Preis? Baerbock und Habeck pokern sehr hoch

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"Fast da": Grünen-Chefs Robert Habeck und Annalena Baerbock.

(Foto: imago images/Rüdiger Wölk)

Unumstritten führen die Parteichefs Baerbock und Habeck die Grünen in eine neue Ära. Bündnisfähig wollen sie sein - und regieren. Der Einsatz ist hoch: maximale Kompromissbereitschaft. Das Aufbruchsignal von Bielefeld könnte auch zum Menetekel werden.

Die Stimmung ist prächtig: beide Parteichefs mit mehr als 90 Prozent wiedergewählt, die Chefin sogar mit einem neuen Rekord. Kein einziger Gegenkandidat bei der Wahl des Vorstands. Debatten zwar, aber wenig Widerrede. Und jede Menge Applaus, Dankesreden und Jubel über Wahlerfolge und die "beiden besten Jahre" der Parteigeschichte.

Die Grünen erleben auf ihrem Parteitag ein Hoch. Ausgerechnet in Bielefeld, wo es die Partei vor 20 Jahren fast zerrissen hätte an der Frage des Kriegseinsatzes im Kosovo. Doch die seit zwei Jahren amtierenden und nun bestätigten Vorsitzenden Annalena Baerbock und Robert Habeck haben der Partei Harmonie verordnet, Teamarbeit und ein neues Ziel: die Bundesregierung. Mit einem "Fast da" werden die Delegierten zweideutig vor der Stadthalle begrüßt.

Von drei Aufgaben sprach Baerbock in ihrer so leidenschaftlichen wie umjubelten Rede: "Wir brauchen das Team, wir brauchen Bündnisse und wir müssen handeln." Bündnisse - "gerade mit denen, die uns herausfordern", sagte sie. "Wir sind keine Bürgerbewegung mehr, wir sind eine politische Kraft, die den Auftrag zur Gestaltung hat", sagte kurz darauf Habeck.

Die Grünen wollen regieren, das war nicht zu überhören in Bielefeld, und sie machen sich bereit, bündnisfähig zu werden. Nicht nur für SPD oder Linke, sondern auch für Union und FDP. Auf Landesebene funktioniert das, im Bund soll es das auch. Oder besser: muss es. Die Parteichefs pokern hoch.

Der Preis der Bündnisfähigkeit

Mit großem strategischen Geschick stellen Baerbock und Habeck den Grünen die Regierungsbeteiligung in Berlin in Aussicht. Dafür verlangen sie Harmonie und maximale Kompromissbereitschaft. Noch geht dieser Deal auf, noch befinden sich die Grünen im Höhenflug, noch sind Schwarz-Grün oder Grün-Schwarz nahe liegende Optionen. Deshalb zieht die Partei mit. Doch das kann sich schnell ändern bis zur nächsten Bundestagswahl.

Die angestrebte "sozialökologische Transformation" ist ambitioniert, vor allem aber sehr teuer. Und sie braucht Zeit. Die Jüngeren in der Partei und auf der Straße drängen bereits auf radikalere Mittel. Wortreich kommen ihnen die Parteichefs entgegen - wohlwissend, dass viele ihrer Forderungen mit der Union so nicht umsetzbar sind.

Die Bündnisfähigkeit hat einen hohen Preis. Auf dem Parteitag haben Baerbock und Habeck eine Hypothek aufgenommen. Sie sind zum Regieren, sie sind zum Erfolg verdammt. Der Parteitag von Bielefeld kann zum Aufbruchssignal für die Grünen werden. Oder zum Menetekel. Dann könnte die Partei wieder vor einer Zerreißprobe stehen. Wie vor 20 Jahren.

Quelle: n-tv.de