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Die Jungen machen mobil Die Grünen werden zur Macht getrieben

Die Grünen mutieren bei der Europawahl zur zweitstärksten politischen Kraft in Deutschland. Mit ihren Themen treffen sie den Nerv vor allem jüngerer Wähler. So läuft sich die Partei bereits für die kommende Bundestagswahl warm.

Euphorie sieht anders aus: Äußerst konzentriert und ernst kommentiert Robert Habeck in der ARD die Wahlergebnisse seiner Partei bei der Europa- und der Bremer Bürgerschaftswahl. Die Sorgenfalten in seinem Gesicht erinnern irgendwie an Ex-Bundesaußenminister Joschka Fischer, wenn dieser früher die vielen Krisenherde der Welt erklärte. Die parteiinterne Dramaturgie will es so, dass der Co-Vorsitzende der Grünen in Bremen präsent ist und zuallererst das Abschneiden seiner Partei in der Hansestadt erklären soll.

Doch was gibt es in Bremen groß zu erklären? Die Grünen werden dort weiterregieren, ob in einer Jamaikakoalition mit CDU und FDP oder in einem Kabinett mit den abgestraften Sozialdemokraten und der Linkspartei. Habeck spürt an diesem Sonntagabend, dass er eigentlich nach Berlin gehört. Denn an der Spree spielt die Musik. In der Bundeshauptstadt wird am großen europapolitischen Rad mitgedreht.

Dort geht im Gebäude der den Grünen nahestehenden Heinrich-Böll-Stiftung auch regelrecht die Post ab. Habecks Kollegin Annalena Baerbock sowie die beiden Fraktionschefs Katrin Göring-Eckardt und Anton Hofreiter hüpfen vor Freude über das gute Grünen-Wahlergebnis bei der Wahl zum Europaparlament. 20,5 Prozent der Stimmen haben sie erhalten, nur unwesentlich weniger als die CDU, die allerdings nicht in Bayern antritt, und deutlich mehr als der ehemalige Bundes-Seniorpartner SPD. Bereits jetzt ist es so gut wie sicher, dass es keine nächste Bundesregierung ohne die Ökopartei geben wird. Die deutschen Wähler treiben sie regelrecht zur Macht.

Vielleicht ist es die Dynamik dieses Prozesses, die Habeck nachdenklich macht, die wachsende politische Verantwortung, die auf die 80.000-Mitglieder-Partei zukommt. Stand jetzt würden die Grünen im Falle einer Mehrheit für ein Mitte-links-Bündnis mit SPD und Linken den Kanzler oder die Kanzlerin stellen. Bei einem Bündnis mit der Union sind sie schon fast auf Augenhöhe mit den Schwarzen.

Es sind die Jungen, die die Grünen als Garanten für die Durchsetzung ihrer Ziele ansehen. Mehr als andere werden die Grünen als Europapartei angesehen, sie sprechen mit den globalen Themen Klimaschutz und Bürgerrechte vor allem jüngere Menschen an. Schließlich ist es diese Generation, die sich mit den Auswirkungen der Erderwärmung auseinanderzusetzen hat. Die globale Schüler- und Studentenbewegung "Fridays for Future" ist ein Ausdruck dieser wachsenden Sorge.

Das Ergebnis ist bei der Betrachtung des Wahlverhaltens nach Alter zu beobachten. Bei den 18- bis 24-Jährigen wählen etwas mehr als ein Drittel Bündnis 90/Die Grünen, bei den 25- bis 59-Jährigen sind es rund ein Viertel. Nur bei den über 70-Jährigen fahren Baerbock, Habeck und Co ein einstelliges Wahlergebnis ein. Die Grünen als Zukunftsversprechen: Die Partei bekommt dafür vom Wähler große Vorschusslorbeeren.

Doch in diesem Zusammenhang kollidiert das Internationale auch unweigerlich mit dem Nationalen: Dass bis zur Abschaltung der deutschen Kohlekraftwerke noch fast zwei Jahrzehnte ins Land gehen und 40 Milliarden Euro zur Absicherung des Strukturwandels in die betroffenen Regionen fließen sollen, stößt vor allem bei den Menschen, die die Zukunft noch vor sich haben, auf Unverständnis. Auch dafür bestrafen sie Schwarze und Rote. Spätestens nach dieser Wahl gehört der Begriff "Große Koalition" in die Abfalltonne der deutschen Parteiengeschichte.

Die massive Wählerwanderung von der SPD hin zu den Grünen verdeutlicht zudem, dass der ehemaligen Ökopartei verstärkt soziale Kompetenz zugesprochen wird. Während Union und SPD alles dafür tun, die derzeitige Rentnerschaft zu befriedigen, um sich die Stimmen dieser wachsenden Personengruppe zu sichern, kommt der grünen Partei verstärkt die Aufgabe zu, Vertreterin derjenigen Menschen zu sein, die das Geld für die staatliche Altersvorsorge erwirtschaften. Sie stößt dabei relativ mühelos in diesen freien Raum, denn die Berliner Koalitionäre unterschätzen nach wie vor die Sorgen der Jungen hinsichtlich ihrer späteren Rentenhöhe und der damit verbundenen sozialen Unsicherheit.

Zweifellos hat eine grüne Welle Deutschland erfasst. Doch es war Europawahl. In den meisten europäischen Ländern sieht es anders aus. So können von den deutschen Grünen-Abgeordneten im Europaparlament auch keine Wunder erwartet werden, denn dazu ist ihre Fraktion zahlenmäßig zu schwach.

Robert Habeck denkt wohl in diesem Zusammenhang an die dicken Bretter, die gebohrt werden müssen, um das europäische Projekt zu retten. Das ist eine Herkulesaufgabe, die gemeinsam mit den anderen europafreundlichen Fraktionen gestemmt werden muss. In Deutschland sind die Grünen in den Augen einer wachsenden Wählerschar derzeit die Hoffnungsträger. Doch der Parteichef weiß: In dieser politisch schnelllebigen Zeit ist die Gefahr, politisches Vertrauen zu verspielen, sehr groß.

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Quelle: n-tv.de

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