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Artikel 11 und 13 Diese Reform produziert fast nur Verlierer

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Der Widerstand gegen Artikel 13 wächst.

(Foto: www.imago-images.de)

Profitieren werden vor allem die ohnehin mächtigen Internetriesen. Den Schaden haben die Kreativen. Mit der geplanten Urheberrechtsreform schießt die EU weit übers Ziel hinaus - oder besser gesagt daran vorbei.

Wussten Sie, dass Sie ein Urheber sind? Haben Sie schon einmal Fotos oder Videos im Urlaub gemacht? Sie haben daran die Urheberrechte. Vermutlich haben Sie allerdings mit diesen Werken noch nie Geld verdient und haben es auch nicht vor. Für andere ist Kreativität und das Urheberrecht aber nicht nur ein Freizeitvergnügen, sondern stellt ihre wirtschaftliche Existenz dar. Eben jene Kreative, die meist keine großen Weltstars sind, werden aktuell zum Spielball der großen Verwertungsgesellschaften und Internetkonzerne.

Ich finde es richtig, die wirklichen Kreativen, somit die Urheberinnen und Urheber sowie Journalistinnen und Journalisten zu stärken. Sie sollen an ihren Werken mehr verdienen und sie dürfen nicht in Knebelverträgen stecken, die ihnen die Verwendung ihrer eigenen Werke untersagt. Es ist ferner nicht okay, dass bei Musikstreamingdiensten die Künstlerinnen und Künstler nur Bruchteile von Cents verdienen, während das große Geld bei den Musik-Labels landet.

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Henning Tillmann ist Diplom-Informatiker, selbständiger Software-Entwickler und Co-Vorsitzender des digitalpolitischen Think Tanks D64 – Zentrum für digitalen Fortschritt e. V.

(Foto: Dominik Butzmann)

Leider ändert die geplante Urheberrechtsreform der EU nur wenig daran. Stattdessen schießt sie insbesondere mit den Artikeln 11 und 13 weit über das Ziel hinaus - oder besser gesagt: am Ziel vorbei. Das Gleichgewicht zwischen Kreativen beziehungsweise Urhebern, Plattformen, Nutzern und Verwertern erhält dadurch eine massive Unwucht zugunsten der Verwerter und der großen Internet-Player. Die vorliegende Reform wird die wenigen Starken stärker machen und den Rest weiter schwächen.

Artikel 13 schadet kleineren und mittelgroßen Plattformen

Der Artikel 13 wird im Netz besonders heiß diskutiert. Einfach zusammengefasst fordert er fast alle Anbieter von Websites, auf denen man urheberrechtlich geschützte Werke hochladen kann (und wie am Anfang geschrieben, wir sind alle Urheberinnen und Urheber), mit quasi allen Lizenzanbietern von Inhalten Verträge abzuschließen. Da dies in der Praxis unmöglich zu leisten ist, muss dann sichergestellt werden, dass urheberrechtlich geschütztes Material nicht hochgeladen und veröffentlicht werden kann. Dies kann technisch nur durch eine Filterung sichergestellt werden. Diese Filterung betrifft aber nicht nur große Anbieter wie YouTube oder Vimeo, sondern auch Koch-Websites, Datingportale oder kleinere Foren.

Eben jene kleinen Anbieter können weder Lizenzverhandlungen mit allen Inhalteanbietern abschließen und erst recht keine technisch aufwändigen Uploadfilter programmieren. Google könnte hingegen seine Uploadfilter, die sie bereits unter dem Namen Content-ID mehr schlecht als recht auf YouTube einsetzen, gewinnbringend lizenzieren und damit zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Die Kontrolle über die Inhalte und dessen Filterung gewinnen und gleichzeitig massive Geldeinnahmen von kleineren und mittelgroßen Plattformen generieren. Die wenigen Starken würden so noch stärker und der Rest noch schwächer.

Massive Einschränkung der Kunst- und Meinungsfreiheit

Solche Uploadfilter haben massive Auswirkungen: Wenn Sie Ihr Urlaubsvideo von der Strandpromenade auf eine Plattform hochladen und im Hintergrund sind Klänge eines Musikstücks zu hören, welches in einer Bar am Strand gespielt wurde, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass ihr Video gefiltert wird. Das Video wird nicht veröffentlicht, wenn die Videoplattform keine entsprechende Lizenz für die Hintergrundmusik hat.

Vielleicht sind Sie aber auch auf andere Art kreativ und erstellen Memes: kleine Fotos oder Videosequenzen mit einer Textüberlagerung. Meist stammen die grafischen Inhalte aus einem Film, werden aber auf kreative Art und Weise neu zusammengestellt. Strenggenommen sind das oft Urheberrechtsverletzungen, da Ihnen - anders als in den USA ("fair use") - das Recht fehlt, Abwandlungen von kreativen Inhalten zu veröffentlichen. Aktuell wird das aber von fast allen Inhalteanbietern geduldet. Denn seien wir ehrlich: Geht durch so ein Meme eine Person weniger ins Kino? Vermutlich nicht, man kann es sogar als kostenlose Werbung ansehen. Die Veröffentlichung solcher Memes wird, ohne entsprechende Lizenzen, in Zukunft quasi unmöglich. Statt Jugend- und Internetkultur zu kriminalisieren, sollten sogenannte Remix-Schranken eingeführt werden, damit diese Memes nicht nur nicht gefiltert werden, sondern ganz offiziell auch legal werden. Ob man diese Art der Inhalte gut findet oder nicht - kreativ sind sie auf jeden Fall.

Die Protestbewegung wächst

Doch das ist nicht alles: Die Uploadfilter werden Zitate, Parodien oder Ironie nicht erkennen können. Jeder Text, jedes Bild, jedes Video wird erst einmal geprüft und im Zweifel gesperrt. Vorerst nur wegen (vermeintlicher) Urheberrechtsverletzungen. Aber sobald so eine Filter-Infrastruktur flächendeckend eingesetzt wird, vielleicht künftig auch aus anderen Gründen.

Tausende Menschen gehen wegen der möglichen Rechtsreform zu Spontandemos und junge Menschen entdecken das Briefeschreiben für sich und erstellen zum Beispiel über BotBrief.eu klassische Post an "analoge Politiker". Statt sich über das politische Engagement zu freuen, werden eben jene jungen und engagierten Menschen, die sich gerade in verschiedensten Arten des Protests gegen die Urheberrechtsreform wenden, als "Bots" beschimpft und deren Meinung als unecht und gesteuert degradiert.

Wird die Reform mit dieser Vehemenz und ohne Einsicht für Verbesserungsvorschläge durchgepeitscht, wird sie fast nur Verlierer produzieren: junge Kreative, kleine und mittlere Plattformen, Nutzerinnen und Nutzer und auch viele EU-Verdrossene. Unsere Kreativität, unser Recht auf freie Meinungsäußerung und die gute Entlohnung von Urhebern sollte uns mehr wert sein.

Quelle: n-tv.de

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