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XR-Apokalyptiker in Berlin Dieser Protest sucht nur den Konflikt

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Extinction-Rebellion-Aktivisten erwachen auf einer der Zufahrtstraßen zum Großen Stern in Berlin.

(Foto: picture alliance/dpa)

Die Klimaschutzbewegung hat eine neue Spezies: planlos, radikal und hochemotionalisiert. Extinction Rebellion könnte einreißen, was Fridays for Future aufgebaut hat.

Nicht jeder kann sich mit Fridays for Future anfreunden. Das ist gut so. Die Protestbewegung zwingt die Gesellschaft, zu reagieren, sich mit der Frage nach den Konsequenzen des eigenen Tuns zu beschäftigen. Das stellt westliche Gewissheiten zur Disposition: Sollte ich Auto fahren? Wie oft muss Fleisch auf den Teller? Muss ich für den Urlaub ans andere Ende der Welt oder ist es im Sauerland auch erholsam? Viele Menschen sind bereit, über solche Fragen nachzudenken. Andere wehren sich in geradezu kindischer Art gegen jegliche Form von Selbstreflektion. Dieser Prozess ist ein wertvolles Verdienst der Schulschwänzer, die immer bedeutendere Entscheider erreichen. Wenn sich die mächtigste Frau der Welt am Rande des New Yorker Klimagipfels die Zeit nimmt, mit Greta Thunberg zu reden, ist das ein beachtlicher Erfolg. Vor knapp einem Jahr stand das Mädchen noch allein vor dem schwedischen Parlament.

Die in jeglicher Hinsicht friedlichen Proteste werden zunehmend untergraben. Ab heute protestieren die Umweltaktivisten von Extinction Rebellion auch in der deutschen Hauptstadt und haben eines vorweg klargemacht: Sie wollen Berlin "lahmlegen". Zentrale Verkehrsknotenpunkte sollen blockiert werden. Es gibt Gerüchte, wonach die Aktivisten den Betrieb an einem oder beiden Berliner Flughäfen stoppen wollen. Wie das gehen kann, hat die Bewegung in London gezeigt. Dort wurde schon mehrfach versucht, Drohnen in den Einflugbereich des größten europäischen Flughafens in Heathrow zu lenken. Können Fluggäste für das Thema Klimaschutz sensibilisiert werden, weil Aktivisten in Kauf nehmen, dass ihre Maschine mit einer Drohne kollidiert? Fridays for Future hat zum Denken angeregt und ist damit auf viel Akzeptanz in der Gesellschaft getroffen. Extinction Rebellion blockiert und zwingt die Gesellschaft damit, zu reagieren. Die Aktivisten wollen nicht inspirieren, sie suchen die Konfrontation. Damit bringen sie das in Gefahr, was Fridays for Future erreicht hat.

Vieles am Auftritt von XR, wie sich die Bewegung auch nennt, hat einen radikal-religiösen Beigeschmack. Schon der Name suggeriert, es handele sich um einen Aufstand gegen eine akut bevorstehende Auslöschung der Menschheit. In Großbritannien wirft die Bewegung gar die Frage auf, ob es aktuell die letzte Generation unserer Spezies sein könnte, die den Planeten bevölkert. Die maximale Emotionalisierung erinnert an das Klischee vom Weltuntergangspropheten mit einem "Das Ende ist nah"-Schild in der Hand. Derartige Gefühle können freilich hilfreich sein, um die Opferbereitschaft herzustellen, zu der Extinction Rebellion offenbar bereit ist. "Wir sind bereit, uns verhaften zu lassen und ins Gefängnis zu gehen", heißt es auf der Internetseite der Bewegung. Aber welche Aktionen sollen einer solchen Gefängnisstrafe vorausgehen? Für eine Sitzblockade muss man in aller Regel jedenfalls nicht mit einer Haftstrafe rechnen. Für andere Vergehen gegen Sachen oder Personen eher.

Demokratie? Nicht so wichtig.

Aber derartige Details klärt Extinction Rebellion lieber nicht. Wie so vieles. Wer wissen möchte, was die Apokalyptiker wollen, findet auf der Internetseite drei sehr knapp formulierte Punkte. Erstens soll die Regierung den "Klimanotstand" ausrufen. Zweitens: "Die Regierung" soll CO2-Emissionen bis zum Jahr 2025 auf null senken. Wie soll das funktionieren? Dazu heißt es: "XR hat die strategische Entscheidung getroffen, keine konkreten Vorschläge zu unterbreiten, wie die Klima- und Umweltkrise zu lösen ist. Es gibt seit Jahrzehnten genügend Lösungen und Ansätze, wie den allgegenwärtigen Krisen begegnet werden kann." Man konzentriert sich also auf den ungehorsamen Protest. Die dritte Forderung offenbart letztlich ein bemerkenswertes Verhältnis zur Demokratie. Darin heißt es nämlich, die Regierung solle eine "Bürger*innenversammlung einberufen", die künftig der Exekutive sagt, was sie zu tun hat. Das gewählte Parlament - offenbar nur eine lästige Zwischenstation. Mitbegründer Roger Hallam sagte kürzlich sogar ganz konkret: "Wenn eine Gesellschaft so unmoralisch handelt, wird Demokratie irrelevant." Man stelle sich vor, andernorts im politischen Spektrum würden demokratische Grundprinzipien derart offen infrage gestellt.

Aber da es für Extinction Rebellion um das nackte Überleben geht, sehen sich die Aktivisten ohnehin jenseits politischer Dimensionen und geben sich flexibel, was ihre Anhänger und Verbündeten angeht. "Wir sind weder links noch rechts, uns geht es ums Klima", sagt Extinction Rebellion. Das hat Folgen. Bei Protestaktionen in Großbritannien traten schon rassistische Verschwörungstheoretiker auf, die vor allem Migration als Ursache für die Klimakrise ausmachen. In Paris besetzten am Wochenende Extinction-Rebellion-Aktivisten eine Shoppingmall gemeinsam mit dem Überbleibsel der Gelbwesten-Bewegung. Der stark dezimierte Straßenprotest bestand zuletzt zu einem immer größeren Teil aus Wählern rechter und rechtsextremer Parteien. In Deutschland hat Extinction Rebellion vergangene Woche ein erstaunliches Maß an Planlosigkeit bewiesen. Da haben die Klima-Aktivisten die Parteizentrale der Linken besetzt, um ihren dünnen Forderungen Gehör zu verschaffen. Warum ausgerechnet die kleine Oppositionspartei mit der vergleichsweise progressiven Klimapolitik zum Ziel wurde, darüber kann man nur rätseln.

Die Mischung aus Inhaltsleere und Emotionalisierung kann das einreißen, um was sich Fridays for Future bemüht hat: die Gesellschaft zu sensibilisieren, sie zu zwingen, Position zu beziehen. Über Fridays for Future wird in Ministerien, im Parlament und im Kanzleramt gesprochen. Extinction Rebellion wird diese Ebenen mit ihrem Weltuntergangsnarrativ nie erreichen. Wenn diese Gesellschaft die Politik dazu bewegen möchte, Klimaschutz ehrgeiziger zu verfolgen, braucht es einen breiten Konsens. Extinction Rebellion sucht keinen Konsens, sondern den Konflikt. Einer breiten Öffentlichkeit werden sie damit nicht klarmachen können, wie wichtig das Thema ist.

Quelle: n-tv.de

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