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Ist der Brexit erst der Anfang? Es könnte Großbritannien zerreißen

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Der abgeschriebene Hinterbänkler, der nun triumphierte: Boris Johnson.

(Foto: REUTERS)

Bei der dritten Wahl in vier Jahren haben die Briten endlich entschieden: Sie sind des Dauerstreits müde und wollen den Brexit. Doch dafür könnte das Wahlergebnis nun den Anfang vom Ende des Vereinigten Königreiches einläuten.

Seit Jahren staunt die Welt über die Briten - nach einer weltrekordverdächtigen Anzahl von Abstimmungen im Parlament, zwei Brexit-Deals und einem neuen Premierminister schienen sie trotzdem zu keiner Entscheidung im Brexit-Drama zu kommen. Bis heute. Auch wenn Abgeordnete immer wieder betont hatten, diese Abstimmung sei keine Brexit-Wahl, es gebe andere, wichtigere Themen, spricht das Ergebnis doch dagegen: Eine überwältigende Mehrheit will einen Premierminister, der sich dieses Jahr schon zweimal wegen angeblicher Lügen vor Gericht verantworten musste. Einen Premierminister, von dem man sagt, er würde seine Großmutter verkaufen, wenn er dadurch mehr Macht bekäme. Aber auch: einen Premierminister, der Großbritannien endlich aus der EU führen will.

Nach einer satten Mehrheit für die Konservativen und für Premierminister Boris Johnsons Wahlslogan "Get Brexit Done" ist spätestens jetzt klar: Der Brexit wird kommen. Und das so schnell wie möglich. Mit einer Mehrheit wie dieser kann Boris Johnson sich endlich freimachen von den Hardlinern in seiner Partei. Er hat jetzt die Chance, sich mittig zu positionieren und so die schlimmsten Folgen des Brexits zu vermeiden - so zumindest die Hoffnung.

Doch selbst wenn er das schafft, steht er doch vor einem viel größeren Problem. Denn auch die Schottische Nationalpartei SNP geht aus dieser Wahl als Sieger hervor. Mit 48 von ingesamt 59 Sitzen hat sie nun genügend Druckmittel, um ein zweites Unabhängigkeitsreferendum durchzusetzen. Wie das am Ende ausgeht, dürfte stark von Johnsons Brexitkurs abhängen, denn immerhin stimmten 62 Prozent der Schotten beim Referendum 2016 gegen einen Ausstieg aus der EU.

Großbritannien war bisher, ebenso wie die einzelnen Parteien, schon durch den Brexit gespalten - doch nun stellt sich die Frage: Wird das Vereinigte Königreich dadurch zerrissen? Denn auch in Nordirland hat sich etwas getan: Die irisch-republikanischen Parteien Sinn Féin und SDLP sind dort nun in der Überzahl. Die Stimmung in zwei von vier Teilen Großbritanniens ist also gegen die Union.

Klare Botschaft für Labour

Das Positive am Triumph der Konservativen: Er sendet eine klare Message an Labour-Chef Jeremy Corbyn und bestätigt damit, was viele Briten und sogar einige seiner eigenen Parteimitglieder schon lange sagen: Jetzt ist Schluss. Die Labour-Partei braucht dringend eine neue Führung und wird weiter gen Mitte rücken müssen, wenn sie sich bis zur nächsten Wahl berappeln will.

Und Boris Johnson? Der geht als großer Sieger in die Geschichte ein, als derjenige, der es vom abgeschriebenen Hinterbänkler zum Premierminister mit der größten Mehrheit im Parlament seit Margaret Thatcher geschafft hat. Der 12. Dezember 2019 wird also noch lange in Erinnerung bleiben: als historischer Wendepunkt in der britischen Politik - und vielleicht als der Tag, von dem an Großbritannien ein bisschen kleiner wurde.

Quelle: ntv.de