Fakten und GefühleDer Satz, der die Wahrheit über Trump verrät
Ein Kommentar von Thomas Schmoll
Die Welt rätselt wieder einmal über die Motive des US-Präsidenten: Welche Ziele verfolgt er mit dem Krieg gegen den Iran? Seine Sprecherin verrät, wie Donald Trump Entscheidungen fällt. Er bezieht zwar "Fakten" ein, entscheidet aber am Ende nach "Gefühl".
Es ist bekannt, dass hinter Donald Trumps Methode, die Öffentlichkeit in den USA und im Rest der Welt durch Überfrachtung kirre zu machen, Strategie steckt. Maßgeblich erfunden hat sie sein früherer Berater Steve Bannon. Von ihm stammt das Zitat "Flood the zone with shit", also: "Flute den (öffentlichen) Raum mit Scheiße". Bannon hatte vor allem die Medien im Auge, die er mit immer neuen Aufregern überfordern wollte. "Wenn sie sich an einer Sache festbeißen, erledigen wir schon die nächste", sagte er.
Nur haben es Trump und seine Mitstreiter offenkundig übertrieben. Entstanden ist eine Parallelwelt aus Halbwahrheiten, alternativen Fakten, Schummeleien und glatten Lügen, die ein Eigenleben führt. Der Präsident und seine Vertrauten glauben fest an das, was sie sagen und erfinden. Unterdessen versucht die Welt, einen Weg aus dem Irrgarten zu finden. Die Folge ist ein stetes Rätselraten über die Motive Trumps. Warum zum Beispiel ließ er den Iran angreifen? Was soll das Ziel des Krieges sein?
Mal strebt Trump einen Machtwechsel im Iran an ("Ich will nur Freiheit für das Volk"), dann wieder nicht. Er erklärt, dem Land die Fähigkeiten nehmen zu wollen, "Raketen einzusetzen und zu bauen". Auch die Vernichtung der iranischen Marine nannte der US-Präsident als Anliegen - ebenso die Sicherstellung, "dass der weltgrößte Förderer von Terror niemals eine Atomwaffe haben wird". Trump erklärte, der Iran habe die USA angreifen wollen. "Und das wollte ich nicht. Sie hätten angegriffen, wenn wir es nicht getan hätten."
Prävention - oder Rache?
Verteidigungsminister Pete Hegseth stellte das Bombardement als eine Art Antwort auf einen Anschlagsplan dar, der 2024 aufgedeckt wurde - also als Prävention, vielleicht auch als simple Rache: "Der Iran hat versucht, Präsident Trump zu töten, aber Präsident Trump hat zuletzt gelacht." Trump selbst sagte zur Tötung von Ajatollah Ali Chamenei: "Ich habe ihn erwischt, bevor er mich erwischt hat." Was heißt, dass der Krieg (auch) aus einem rein persönlichen Anliegen heraus angezettelt worden zu sein scheint.
All die verschiedenen Statements und damit verbundenen Widersprüche und Ungereimtheiten bringen einen ins Grübeln, ob Trump überhaupt weiß, was er tut, ob er eventuell ein Dummkopf ist, der von nichts eine Ahnung hat und Berater nicht ernst genug nimmt. Man kann ihn aber auch für einen schlauen Fuchs halten, der alles vernebelt, damit unberechenbar bleibt und einen Plan hat.
Bisher spricht allerdings mehr für Variante eins, und dafür, dass es Trump schlicht und einfach um das geht, was ihm hoch und heilig ist: ihn selbst. Dann wäre das Hauptmotiv für den Krieg der Wille, einen fetten Platz in den Geschichtsbüchern einzunehmen. Das würde zu Trumps Narzissmus passen. Denn er hält sich bekanntlich für die bestmögliche Version eines politischen Genies.
Vielleicht ist Trump wirklich ein genialer Stratege
Vielleicht ist es sogar noch banaler, dass Trump einfach nur jeden Tag neue Schlagzeilen produzieren will. Nicht um von der Epstein-Affäre abzulenken, sondern um der Maßstab aller Dinge zu sein und zu bleiben. "Kein Präsident war bereit, das zu tun, was ich heute bereit bin zu tun." Sarkastisch könnte man fragen: Was genau? Ein Land an der Seite Israels zu bombardieren, ohne einen konkreten Plan zu haben, wie es weitergehen soll und was aus der Region wird? Wie gesagt: Vielleicht ist Trump tatsächlich ein Stratege, wie ihn die Welt noch nie erlebt hat. Niemand weiß es, auch nicht, wie der Krieg ausgeht, was aus dem Iran wird, ob die Schlacht, die gerade ausgefochten wird, dazu führt, dass Israel nicht mehr (oder wenigstens nicht mehr ganz so sehr) um seine Existenz bangen muss wie aktuell - das wäre nur wünschenswert.
Trumps Wahrheitsministerin Karoline Leavitt - offiziell ist sie seine Sprecherin - beschwerte sich über "eine Menge Falschberichterstattung und intellektuelle Unehrlichkeit". So redet jemand, der das Prinzip von Ursache und Wirkung aus seinem Hirn verbannt. Gerade sie ist es, die vor keiner Lüge zurückschreckt, um ihren Boss, der selbst einen ausgeprägten Hang zur Falschinformation hat, zu verteidigen oder in ein Licht zu stellen, das heller als die Sonne scheint. Trump und Leavitt sind Bewohner jener Parallelwelt, in der nur eine Wahrheit zählt: ihre. Das macht es leichter, weil es die Komplexität globaler Zusammenhänge zwar immens verringert - allerdings nur scheinbar, da die Regierung eines Landes mit freier Presse ständig auf Widersprüche und mögliche Lügen angesprochen wird.
"All diese Gründe"
Angesichts all der verschiedenen Statements lag es auf der Hand, dass ein Journalist von Trumps Wahrheitsministerin wissen wollte, warum kein einziger Mensch in der US-Regierung erklären kann, "was die unmittelbare Bedrohung für die Vereinigten Staaten (durch den Iran) war". Wie immer man zu den Bombardierungen und zum Thema eines Völkerrechtsverstoßes steht, handelt es sich um eine absolut berechtigte Frage. Leavitt antwortete: "Der Präsident hatte das auf Fakten beruhende Gefühl ("Feeling"), dass der Iran die Vereinigten Staaten angreifen würde, dass er unsere Vermögenswerte in der Region angreifen würde. Und er entschied sich, die Operation Epic Fury aus all diesen Gründen zu starten."
Sie empfahl den Medien, "tatsächlich über alle" diese Gründe zu berichten, "statt nur Zitate von einer Person der Regierung rauszupicken und zu sagen, sie widerspricht einer anderen Person". Denn: "Die Presse will nur den Präsidenten schlecht aussehen lassen. Das ist ein Fakt." Ein Fakt ist es dann, wenn man Bewohnerin einer selbst geschaffenen Parallelwelt ist und die Realität ausblendet. In jedem Fall war das Statement aufschlussreich. Leavitt bestätigte, was man längst ahnte, wenn nicht wusste: Der Präsident des mächtigsten Landes der Erde entscheidet nach Gefühl. Er bezieht zwar "Fakten" in Beschlüsse von historischer Dimension ein, aber trifft sie am Ende nach Feeling, nach ganz persönlichem Gusto.
Krieg folgt also dann, wenn sein Bauch ihm sagt, dass er und Amerika in Gefahr seien, dass das Attentat auf ihn und ein Raketenbeschuss amerikanischer Stützpunkte im arabischen Raum unmittelbar bevorstünden. Wer so tickt, braucht keine Berater. Denn der pickt sich raus, was zu seinem Gefühl passt, überhört Einwände. Insofern muss die Welt Karoline Leavitt dankbar sein, beiläufig einen Einblick in das Innenleben von Donald Trump und Company gegeben zu haben.