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Angst vor einem kalten Winter Nein, die Deutschen können nicht "kriegsmüde" werden

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NATO böse, Russland gut - Demo am 4. September in Köln. Bislang hält sich Protest dieser Art in engen Grenzen.

(Foto: picture alliance/dpa)

Mitunter ist davon die Rede, dass die Deutschen "kriegsmüde" werden könnten. Das ist absurd. Doch auch ohne diesen falschen Begriff: Deutschland kann nicht wollen, dass die Bundesregierung sich Putin unterwirft.

So emotional schwierig die Situation für mich als Ukrainer gerade auch ist, ich kann die Sorgen der deutschen Bevölkerung durchaus nachvollziehen - die Angst vor einem harten Herbst und Winter, vor kalten Wohnungen, steigenden Preisen und einer Rezession. Für jeden Menschen und für jede Gesellschaft stehen die eigenen Probleme an erster Stelle, so ist die Menschheit und das ist weder gut noch schlecht. Zumal die anstehenden Herausforderungen wirklich ernst zu nehmen sind.

Wofür ich jedoch aus meiner ukrainischen Perspektive kein Verständnis habe, sind die Stimmen aus Deutschland, die von "Kriegsmüdigkeit" sprechen und die Deutschen meinen. Meines Wissens ist Deutschland nicht angegriffen worden und muss sich nicht verteidigen. Auch kein Verständnis habe ich für Empörung, dass in der Ukraine wieder Fußball gespielt wird, dass Ukrainer auch wieder Restaurants besuchen, während die Deutschen angeblich für die Ukraine frieren müssten. Und selbstverständlich müssen alle Männer im wehrpflichtigen Alter sofort an die Front, auch wenn das in der Realität natürlich nicht umsetzbar ist, sie alle gleichzeitig zu bewaffnen.

Ja, dieser Winter wird vermutlich nicht einfach. Aber - und ich will hier ausdrücklich kein Mitleid für meine Landsleute erbitten - in der Ukraine wird er vermutlich noch viel schwerer. Die Bürgermeister der großen ukrainischen Städte bereiten die Bevölkerung bereits auf gravierende Heizprobleme vor. Die Regierung schließt sogenannte rollende Stromausfälle nicht aus, mit denen ein völliger Blackout verhindert werden soll. Auch das von Russland besetzte Atomkraftwerk Saporischschja, das die Russen an das eigene Stromsystem anschließen wollen, bleibt ein Problem. Vor dem Krieg kamen aus dem größten Atomkraftwerk Europas bis zu 30 Prozent der ukrainischen Stromversorgung.

Kriegsmüdigkeit ist für uns keine Option

All diese Themen beschäftigen die Ukrainer in Alltagsgesprächen, über einen bevorstehend harten Winter wird viel, sogar sehr viel diskutiert. Noch schwerer wiegt die Tatsache, dass mittlerweile wirklich jeder - auch ich - jemanden kennt, der in diesem Krieg verletzt oder von den Russen getötet wurde. Und je länger der Krieg dauert, desto höher wird auch die Wahrscheinlichkeit, dass man selbst einberufen wird. Die ukrainische Armee versucht grundsätzlich, auf Menschen zu setzen, die zumindest ein wenig Militärerfahrung haben. Doch die Verluste der Ukrainer dürften höher als die vom Generalstab angedeuteten 9000 Toten sein, auch wenn sie wohl etwas kleiner sind als die der Russen. Diese Soldaten müssen irgendwie ersetzt werden.

Trotzdem haben die Ukrainer keine Option, kriegsmüde zu sein, auch wenn man natürlich nach fast 200 Tagen des Wahnsinns doch müde ist. Sie können es sich nicht leisten, wenn sie weiterhin als Ukrainer auf dem eigenen Territorium leben wollen. Das zeigen die Repressionen im größtenteils besetzten südlichen Bezirk Cherson, deren wahres Ausmaß wir nicht kennen, das aber wohl durchaus mit der Tragödie von Butscha zu vergleichen ist. Klar ist auch, dass Putin, der der Ukraine ganz offen das Existenzrecht abspricht, nicht dort stoppen wird, wo er jetzt steht. Er mag einen Scheinwaffenstillstand brauchen, damit seine Armee sich erholt, und er mag sogar Kiew aufgegeben haben. Doch es ist offensichtlich: Ohne Mykolajiw, Odessa, Saporischschja und Charkiw wird er sich nicht zufriedengeben.

Ein solcher Aggressor darf nicht siegen

Für die Ukraine und für die Ukrainer ist dies ein ungewollter Unabhängigkeitskrieg. Dass wir uns verteidigen, ist für uns zutiefst existenziell. Glücklicherweise ist der Krieg nicht so aussichtslos, wie die russische Propaganda es darzustellen versucht. Es ist noch zu früh, um über die strategischen Aussichten der ukrainischen Gegenoffensive zu sprechen, aber die ersten kleinen Erfolge im Bezirk Cherson sowie im Bezirk Charkiw scheint es zu geben - und die hektische, zum Teil hysterische Reaktion der russischen Kriegspropagandisten zeigt, dass es für die Ukraine wohl nicht so schlecht aussieht.

Einschnitte im eigenen Leben sind immer schwer. Doch es kann auch nicht im Interesse der Deutschen sein, dass die Ukraine diesen Krieg verliert oder zu einem ewigen Konflikt wird, der immer wieder dann aufflackert, wenn es dem Kreml gefällt. Deutschland kann es auch nicht wollen, dass die Bundesregierung sich Putin unterwirft, damit russisches Gas wieder nach Deutschland fließt. Denn nichts anderes wäre dazu nötig - ein Stopp der Sanktionen und der Waffenlieferungen. Die Abhängigkeit der Bundesrepublik von Russland, die Deutschland doch gerade überwinden will, wäre zementiert.

Vor allem kann aber die gesamte zivilisiert Welt nicht wollen, dass im 21. Jahrhundert ein Aggressor, der allein aus imperialistischen Motiven einen barbarischen Angriffskrieg führt, dafür auch noch belohnt wird. Die Ukrainer leiden auf allen Ebenen enorm unter der russischen Invasion. Wenn sie dann einmal in einem Restaurant kurz abschalten wollen, kann das doch wohl kein Grund sein, die Solidarität mit ihnen infrage zu stellen.

(Dieser Artikel wurde am Sonntag, 11. September 2022 erstmals veröffentlicht.)

Quelle: ntv.de

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