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Wut und Politik Was wir von "Star Wars" lernen können

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In Episode III der "Star Wars"-Filme wechselt Anakin Skywalker auf die dunkle Seite der Macht.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Wut treibt Anakin Skywalker in den "Star Wars"-Filmen auf die dunkle Seite der Macht. Genau so geht es derzeit vielen Wählern in den westlichen Demokratien. Für sie hat Senatorin Amidala eine Botschaft.

Den Journalisten Bill Bishop hat es in die texanische Hauptstadt Austin verschlagen. In seinem Viertel leben vor allem linksliberale Amerikaner. Eine der wenigen Ausnahmen: Stephen Mason. Auf einem Mailverteiler der Nachbarschaft ist er der einzige Republikaner.

Über diesen Mailverteiler schlägt Mason eines Tages vor, bei einer örtlichen Wahl einen konservativen Kandidaten zu unterstützen. Die Reaktionen seiner Nachbarn sind eindeutig: Sie wollen die Debatte abwürgen. Eine Frau schreibt: "Okay, ich wünsche, dass diese politische Diskussion aufhört. Als Lesbe werde ich niemanden wählen, der glaubt, dass ich keine Kinder adoptieren sollte." Ein anderer meint, er wolle nicht von rechtsgerichteten E-Mails überrascht werden. "Das sorgt dafür, dass ich mich schlecht fühle, und das mag ich nicht."

Bishop schrieb ein Buch über das Thema. Es erklärt, wovon heute alle reden: die Spaltung der amerikanischen Gesellschaft. Während die USA wie alle westlichen Demokratien immer vielfältiger werden, wird das unmittelbare Umfeld jedes einzelnen Amerikaners immer gleichförmiger. Die US-Bürger hätten "Stämme" gebildet, so Bishop, nicht nur in ihren Nachbarschaften, auch in Kirchen und Vereinen. Mason lernte seine Lektion schnell. Er versprach, nie wieder mit seinen Nachbarn über Politik zu sprechen.

Konservative, Evangelikale, Liberale, sie alle bleiben am liebsten unter sich. Das ist normal und problematisch zugleich. Wenn Menschen in ihren Ansichten immer nur bestätigt werden, dann wird ihr Denken radikaler. Sie verlieren den Respekt – vor Andersdenkenden und vor dem Wert von Kompromissen.

Die dunkle Seite der Macht

Kompromisse erzielt man in der Auseinandersetzung, auch im Streit. Das bringt uns zu "Star Wars". In Episode II der Filmreihe gibt es eine Szene, in der Padmé Amidala und Anakin Skywalker auf einer Wiese sitzen und plaudern. Padmé, die Senatorin ist, wirft Anakin halb scherzhaft vor, dass er Politiker nicht ausstehen könne.

So geht das Gespräch weiter:

*Datenschutz

Anakin: "Ich glaube nicht, dass das System funktioniert."
Padmé: "Wie würdest du es dir denn vorstellen?"
Anakin: "Wir brauchen ein System, in dem die Politiker sich zusammensetzen und ein Problem besprechen, sich darauf einigen, was das Beste für das gesamte Volk ist und es dann tun."
Padmé: "Das ist genau das, was wir machen. Das Problem ist nur, dass oft keine Einigkeit erzielt wird."
Anakin: "Nun, dann sollte man es eben erzwingen."
Padmé: "Wer denn? Wer sollte sie dazu zwingen?"
Anakin: "Weiß ich nicht. Irgendjemand."
Padmé: "Du?"
Anakin: "Ich meine nicht mich."
Padmé: "Aber irgendjemand."
Anakin: "Jemand, der weise ist."
Padmé: "Das hört sich sehr nach einer Diktatur für mich an."
Anakin: "Naja. Wenn es funktioniert."

Danach wird es ein bisschen romantisch. Hier können Sie sich die Unterhaltung anschauen.

Haben Sie die Szene gesehen? Wie die Nachbarn in Austin hat auch Anakin keine Lust auf politische Diskussionen. Bei ihm sorgen sie nicht nur dafür, dass er sich schlecht fühlt, sie machen ihn wütend.

Von dem Phänomen, politische Differenzen nicht aushalten zu können, sind nicht nur die USA oder Padmé Amidalas Galaktische Republik betroffen. In Deutschland benutzen Soziologen den Begriff der "sozialräumlichen Segregation". Meist geht es darum, die Folgen dieses Phänomens für die Bewohner von Problemvierteln zu beschreiben. Zum Beispiel kann Jugendlichen in solchen Gegenden die Erfahrung von sozialen Rollen fehlen, die ein "normales" Leben ausmachen.

Aber die Entmischung der Gesellschaft betrifft nicht nur die unteren Schichten, sondern alle. Das hat Folgen für die Politik.

In der AfD gilt der Kompromiss als Verrat

Viele Wähler sind so wütend geworden wie Anakin Skywalker (sie haben häufig durchaus einen Grund, wütend zu sein, aber darum geht es hier nicht). Auch sie können die meisten Politiker nicht ausstehen, auch sie sehnen sich nach einem Anführer, "der weise ist". Man merkte es im Brexit-Wahlkampf in Großbritannien und merkt es im Präsidentschaftswahlkampf in den USA, man kann es bei Demonstrationen in Dresden sehen und in den Kommentarspalten auf Facebook.

In Deutschland ist die AfD Ausdruck und Opfer dieser Entwicklung. Stärker als andere Parteien vermittelt sie den Eindruck, andere Meinungen nicht ertragen zu können. Zweifellos ist das ein Grund für ihren Erfolg, denn man kann diese Haltung natürlich auch prinzipientreu nennen. Geht es nach Politikern wie Björn Höcke und Alexander Gauland, wird die AfD erst dann in eine Regierung eintreten, wenn sie der größere Koalitionspartner ist. Die AfD will nur mitgestalten, wenn sie die völlige Kontrolle hat. Für Höcke und Gauland sind Kompromisse nicht Ausdruck von Politikfähigkeit, sondern Verrat an der Sache.

Aber, wie gesagt, die AfD ist auch Opfer der grassierenden Kompromissunfähigkeit. Ihre Treffen werden von Gegendemonstranten belagert, ihre Versammlungsräume beschmiert und attackiert, Autos mit AfD-Aufklebern werden zerkratzt. Diese Angriffe gehören zu einer Verrohung der politischen Kommunikation, die der "Spiegel" vor kurzem eindringlich beschrieben hat. Politiker werden in Mails vulgär beschimpft, Bürgermeister werden bedroht, weil es in ihren Gemeinden Flüchtlingsunterkünfte gibt, türkischstämmige Bundestagsabgeordnete müssen unter Polizeischutz gestellt werden, weil sie für die Armenien-Resolution des Bundestags gestimmt haben.

Menschen wie Frank S., der die spätere Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker ermorden wollte, oder Thomas Mair, der Mörder der britischen Unterhausabgeordneten Jo Cox, mögen Ausnahmen sein. Die rhetorische Maßlosigkeit, die derzeit vor allem vom rechten Ende des politischen Spektrums kommt, ist jedoch alltäglich geworden. Gauland und Höcke nennen Angela Merkel eine "Kanzlerdiktatorin". Dabei geht es um Merkels Flüchtlingspolitik, aber es ist mehr als nur ein inhaltlicher Dissens. Über Jahren war Merkel der personifizierte Kompromiss. Es dürfte kein Zufall sein, dass ausgerechnet die Konsens-Kanzlerin zum wichtigsten Feindbild der Gegner des Ausgleichs geworden ist. Und es ist sicher kein Zufall, dass die AfD nicht in der Lage ist, ihre parteiinternen Streitigkeiten beizulegen.

Natürlich gibt es analoge Einstellungen auch auf der anderen Seite des politischen Spektrums. Dass die reine Lehre wichtiger ist als praktische Politik, ist seit Jahrzehnten typisch für Linke, die sich lieber in Kleinstparteien oder parteiinternen Arbeitsgruppen verschanzen, als Kompromisse einzugehen.

Bekannte werden weniger wichtig

Längst hat die soziale Segregation von den politischen Rändern auf die gesamte Gesellschaft übergegriffen. Der US-Politologe Mark Dunkelman hat eine Theorie, die Bishops These ergänzt. Dunkelman sagt, zwei Gruppen seien in den letzten zwei Jahrzehnten immer wichtiger für uns geworden, mit ihnen verbringen wir immer mehr Zeit: unsere Familien und engen Freunde sowie Menschen, die wir noch nie getroffen haben, mit denen wir aber über soziale Netzwerke verbunden sind. Die Mitte zwischen diesen Gruppen hat an Bedeutung verloren: Bekannte, Kollegen, Nachbarn – Menschen, die wir kennen, die uns aber nicht sehr nahe stehen und die vielleicht ganz andere Ansichten haben als wir selbst. Die Folgen sind dieselben wie bei der räumlichen Segregation: Intoleranz, Radikalisierung. Amerikanische Wähler würden die Politiker heute mit einer klaren Botschaft nach Washington schicken, sagt Dunkelman: Schließt keine Kompromisse. Verteidigt eure Prinzipien.

Genau das tun die Politiker dann auch. Im Kongress in Washington verweigern sich die Republikaner seit Jahren dem Konsens. Auch die Demokraten sind radikaler geworden. Donald Trump und Bernie Sanders sind Ausdruck dieser Stimmung. Wie bei der AfD mögen auch ihre Anhänger die Kompromisslosigkeit, mit der die beiden auftreten.

Diese Entwicklung ist gefährlich. Andere Meinungen nicht ertragen zu können wie die linksliberale Nachbarschaft in Austin, Streit mit Blockade zu verwechseln wie Anakin Skywalker und Kompromisse mit Verrat wie viele Anhänger von Trump, Sanders und der AfD: Das ist der Anfang vom Ende der Demokratie. Wer "Star Wars" kennt, weiß, wie die Sache mit Anakin weitergeht. Er wechselt auf die dunkle Seite der Macht, nennt sich Darth Vader und macht sich zum Vollstrecker eines absoluten Herrschers. Es endet in der Diktatur, Padmé Amidala hat das richtig erkannt. Aber es fängt damit an, dass Menschen verlernen, mit anderen Meinungen zu leben.

Quelle: n-tv.de