Person der Woche

Person der Woche Olaf Scholz - Der bessere Gabriel

IMG_ALT

Nach dem triumphalen Wahlsieg in Hamburg ist Olaf Scholz SPD-Kanzlerkandidaten-Kandidat. Sigmar Gabriel versucht bereits verzweifelt, den Konkurrenten kleinzureden.

3nqm4354.jpg6529029420237076377.jpg

Olaf Scholz macht Sigmar Gabriel Sorgen.

(Foto: dpa)

Die Medien überschlagen sich im Lob: "Angela Scholz", "Genosse der Mitte", "König Olaf". Der Wahlsieg in Hamburg hat aus dem spröden Bürgermeister einen Superstar der SPD werden lassen. Die geplagte 25-Prozent-Partei wittert gar Morgenluft bei der Vorstellung, Olaf Scholz könne 2017 gegen Angela Merkel im Bund antreten. Unter Sozialdemokraten raunen sie etwas vom "neuen Helmut Schmidt", der einst auch aus Hamburg heraus mit einem bürgerlichen Programm zum Staatsmann wurde. Scholz dementiert zwar knarzend, doch grinsend und wissend, dass ihm die K-Tür nun einen guten Spalt weit offen steht. Er ist ab sofort ein Kanzlerkandidaten-Kandidat.

Das wiederum ärgert keinen in Deutschland mehr als Sigmar Gabriel. Der hatte alle Konkurrenten ertragen, ausgesessen und ausgestochen; Gabriel schien bereits alleine auf der Zielgeraden zum SPD-Kanzlerkandidaten. Frank-Walter Steinmeier und Peer Steinbrück hatten ihre Chance, Hannelore Kraft will es nicht, Andrea Nahles kann es nicht, weitere gibt es nicht. Nur eben Scholz.

Gabriel hat darum noch am Wahlabend eine wichtige Botschaft in die Fernsehkameras gesprochen. Gabriel wies - völlig ohne Not - darauf hin, dass die SPD Wahlen im "Süden und Südosten" gewinnen müsse, nicht nur im Norden. Im Süden würden ja so viele Menschen leben. Dieser groteske Hinweis am Abend eines Hamburg-Wahlsiegs ist wie ein Fehdehandschuh, den der SPD-Vorsitzende seinem neuen Konkurrenten offen hinwirft, denn er sagt: Du bist vielleicht in Deiner Hansestadt ein Held, aber im emotionalen Süden würden man Dich kühles Nordlicht nie wählen.

Küchen-Einpeitscher vs. Hoteldirektor

Diese ungewöhnliche Einlassung Gabriels zeigt, wie strategisch der SPD-Vorsitzende die K-Frage bereits vorbereitet. Und wie sehr er Scholz am liebsten am Hamburger Hafen sitzen lassen will. Seine Generalsekretärin hat seit Sonntag vor allem die undankbare Aufgabe im Dauermodus zu erklären, dass das heißeste Thema der SPD gar kein Thema sei. Gabriel will die K-Frage vom Moment des Scholz-Triumphs unbedingt entkoppeln. Er wird in den kommenden Tagen rasch um einen Themenwechsel bemüht sein. Denn alleine die öffentliche Debatte um den Kandidaten Scholz entlarvt die eklatanten Schwächen, die der Kandidat Gabriel in Wahrheit hat.

Scholz ist auch wegen seines ruhigen, ausgleichenden Naturells ein beliebter Politiker. Gabriel hingegen ist als Viertelstunden-Choleriker bekannt. Wo Scholz die Verbindlichkeit verkörpert, ist Gabriel ein Poltergeist. Scholz ist so unterkühlt hanseatisch und kontrolliert, dass er einst zwar als blutleerer "Scholzomat" tituliert wurde. Gabriel hingegen scheint allmorgendlich seinem Müsli eine Megadosis Adrenalin untergemischt zu haben. Aber ist das schon süddeutsch-emotional? Eher wird ihm darum von vielen die Kanzlerfähigkeit abgesprochen, weil ihm just jene souveräne Beherrschtheit abgeht, die man braucht, wenn man die ganze Nation auf der Weltbühne vertreten muss. Merkel und Scholz hingegen haben genau die im Übermaß.

Der Kanzlerkandidaten-Kandidat Scholz entlarvt zudem das politische Defizit Gabriels. Denn der ist zwar Parteivorsitzender, Vizekanzler und Wirtschaftsminister, aber die SPD kommt im Bund nicht aus dem 25-Prozent-Verlies heraus, obwohl die SPD vieles programmatisch in der Großen Koalition durchgesetzt hat. Warum? Weil Gabriel die Mitte der Republik, und also die Republik, nicht verkörpern kann. Er spielt zwar den Wirtschaftslenker, den Ordnungspolitiker, den Arbeitsplatzpatron, und doch fühlt sich alles nur nach rotem Vize an. Um Kanzlermehrheiten zu gewinnen, müsste er die bürgerliche Mitte für sich gewinnen, doch Gabriels Stärke liegt eher darin, Linke für sich zu gewinnen. Ihm fehlt die fundierte Wirtschaftskompetenz, die bürgerliche Selbstverständlichkeit, das Mittelständler-Gen, als dass man ihm sein Geld oder gar die Macht ganz anvertrauen möchte. Kurzum: Gabriel wirkt neben Scholz wie der Küchen-Einpeitscher neben dem Hoteldirektor.

Was, wenn Merkel nicht mehr antritt?

Und so zeigt die Scholz-Personalie das ganze Dilemma der SPD. Würde die Sozialdemokratie dem wirtschaftsfreundlich-bürgerlichen Kurs des Hanseaten folgen, dann käme es zu einer Revolte des linken Flügels. Scholz ist ein Verfechter der (für Deutschland erfolgreichen, für die SPD aber desaströsen) Agenda-Politik von Gerhard Schröder - mit ihm als Kanzlerkandidaten brächen in der SPD die alten Wunden der  Selbstzerfleischung aus den Agenda-Jahren wieder auf. Bleibt die SPD aber auf Gabriel-Nahles-Kurs des halblinken Agenda-Revisionismus, so wird sie die wahrhaft Linken weiter an die SED-Nachfolger verlieren, und die Bürgerlichen nicht von der CDU zurück holen können. Weder im Süden noch sonstwo.

Da Gabriel das alles genau weiß, er aber trotzdem um die Kandidatur zu kämpfen begonnen hat, treibt ihn offenbar ein anderes Kalkül. Sollte er nämlich abermals einem anderen die Kanzlerkandidatur überlassen, dann wird auch sein Parteivorsitz zusehends absurd - vor allem, da sich die Umfragewerte unter seiner Führung nicht verbessern und er in seiner Partei nicht wirklich geliebt wird. Gabriel weiß, dass er nicht mehr warten kann und seine letzte Chance 2017 gekommen ist. Und er hat eine heimliche Hoffnung, die möglicherweise wirklichkeitsnäher ist als viele ahnen: Dass Angela Merkel einfach nicht mehr antritt. Dann könnte seine Chance doch plötzlich da sein - nur Olaf Scholz muss er vorher verhindert haben.

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema