Person der Woche

Person der Woche Warum Putin Selenskyj töten will

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Noch vor Kurzem war Wolodymyr Selenskyj Komiker und Schauspieler. Als tapferer Präsident der Ukraine zeigt er in der Kriegskatastrophe historisches Staatsmannformat. Er wird für ganz Europa zum mutigen Freiheitshelden. Nicht nur darum will Putin ihn jetzt unbedingt umbringen.

Wladimir Putin beschimpft ihn nicht nur als Neonazi und Drogenabhängigen. Der russische Präsident will Wolodymyr Selenskyj gezielt töten lassen, denn Selenskyj ist nicht nur sein unmittelbarer Kriegsgegner. Er verkörpert alles, was Putin fehlt: Würde, Freiheitsliebe, Witz, Maß, Tapferkeit und ein menschliches Antlitz. Die niederträchtige Mordlust Putins gegen seinen historischen Widersacher hat daher einen tieferen, dreifachen Grund.

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"Ich bin hier", ruft Selenskyj in seine Handy-Kamera wie ein tägliches, trotziges "Hurra, wir leben noch".

(Foto: dpa)

Zum einen steht Selenskyj für den Widerstandswillen der Ukraine. Putin hatte offenbar gehofft, die Ukraine mit einem dreitägigen Blitzkrieg zu überwältigen und die Regierung in Kiew aus dem Amt zu schießen. Doch die Ukrainer - und allen voran ihr Präsident - leisten unerwartet tapfer Widerstand. Tausende von russischen Soldaten sind bereits gefallen, hunderte von militärischen Fahrzeugen zerstört, Kiew ist aber immer noch nicht eingenommen. "Ich bin hier", ruft Selenskyj in seine Handy-Kamera wie ein tägliches, trotziges "Hurra, wir leben noch".

Jede Stunde, mit der Selenskyj überlebt, offenbart er den moralischen Bankrott und die militärische Arroganz Putins. Selenskyj gibt seinen eigenen Landsleuten durch sein tapferes Ausharren im Bombenhagel der Hauptstadt den Mut, weiter zu kämpfen. Er hätte mit amerikanischer Hilfe fliehen können aus der belagerten Hauptstadt. Doch er ließ vermelden: "Ich brauche keine Mitfahrgelegenheit, sondern Waffen." Selenskyj spricht trotz Lebensgefahr eine besonnene Sprache und zeigt ein offenes Herz. Er demonstriert die Winzigkeit seiner Macht und zugleich die Größe seiner Werte. Mit dieser zivilisierten Tapferkeit stellt er Putin als niederträchtigen Kriegsverbrecher bloß und motiviert ganz Europa zur Unterstützung, auch zur militärischen. Kurzum: Selenskyj ist die stärkste Waffe, die die Ukraine derzeit hat.

Ein europäischer Freiheitsheld

Zweitens verkörpert Selenskyj inzwischen die Freiheits- und Demokratie-Idee Europas. Viele Europäer fühlen sich bei ihm erinnert an die mutigen Frauen und Männer der polnischen Solidarnosc, aber auch an den Tschechen Václav Havel, der einst ebenfalls als Kulturschaffender gegen die sowjetischen Unterdrückungsregime aufgestanden war. Vor allem aber erinnert Selenskyj das ganze demokratische, zuweilen überzeugungsmüde Europa daran, auf welchem Wertefundament es eigentlich steht. Indem er bereit ist, für die Freiheit zu sterben, heiligt er sie für Millionen Europäer wieder zum großen Ideal. Genau das will Putin verhindern - schon allein, damit die Idee der Freiheit bei seinen eigenen Landsleuten nicht verfängt. Selenskyj ist für Putin gefährlich, weil er die Freiheit feiert und sich dabei als Meister der Kommunikation erweist. Es hilft ihm, dass er Schauspieler und Komiker war, Drehbücher schrieb und Filme wie Serien produzierte. Über Twitter, Facebook und Instagram trommelt er selbst in bedrohtester Lage unermüdlich und geschickt Europas Öffentlichkeit zusammen. Auf Ukrainisch und Englisch bedankt er sich für die Sanktionen gegen Russland und für Hilfs- und Waffenlieferungen, auch für jene aus Deutschland ("Weiter so, Kanzler Scholz"). Auf Russisch wendet sich sogar direkt an alle Untertanen Putins und ruft: "Hören Sie auf die Stimme der Vernunft. Das ukrainische Volk will Frieden."

Dass sich Staaten aus freien Stücken dem Westen, der Demokratie und dem freien Wort zuwenden, will Putin nicht zulassen. Im Ukraine-Konflikt geht es eben auch um die Freiheitsordnung des Kontinents. Werden Despotien oder freie Demokratien obsiegen? Und da steht nun offensichtlich Putin für Despotismus und Selenskyj für die Freiheit. Und so ruft Letzterer: "Unsere Waffe ist unsere Wahrheit, unsere Wahrheit sind unser Land, unsere Kinder. Und all das werden wir verteidigen. Das ist alles, was ich euch sagen wollte. Ruhm der Ukraine!" Fazit: Der ukrainische Präsident ist auf dem Weg zum europäischen Freiheitshelden historischer Dimension.

Drittens sieht die Welt Selenskyj inzwischen auch im Charakterbild als einen Anti-Putin. Selenskyj wirkt als Mensch wie der krasse Gegenentwurf zu Putin. Der eine ist gelernter Komiker, der andere Geheimdienstagent, der eine liebt Humor, der andere Gewalt. Der eine hat Jura studiert, der andere bricht das Recht. Der eine lebt ein bürgerliches Familienidyll, der andere ist zum Einzelgänger geworden. Der eine verkörpert kulturelle Bildung und liebt das Theater, der andere steht für Kampfsport und liebt die Macht. Der eine steht im grünen Unterhemd vor wackelnden Kameras in Kiew, der andere herrscht wie ein kalter Sowjetgeneral an überlangen Tischen und schickt Tausende in den Tod. Selenskyj spricht eine Sprache des Stolzes, Putin beherrscht die Sprache der Erniedrigung.

Der menschliche Kontrast beider Männer wirkt wie von einem Hollywood-Film inszeniert. Das Gute und das Böse haben hier zwei so klar konturierte Gesichter, dass das Publikum durch diese schiere Konstellation beeindruckt ist. Wo Putin schon mal die Fasson verliert und rhetorisch wütet, hat Selenskyj ein unglaubliches Gespür für richtigen Ton. Die Welt beeindruckt nicht nur das, was Selenskyj sagt, sondern auch, mit welcher Würde er es sagt. Seine verwackelten Videos haben darum global viel größere Wirkung als die bombenharten Präsidialerlasse aus dem Kreml.

Während Selenskyj also in dunkler Stunde über sich hinauswächst, schrumpft Putin mit jedem Auftritt. Putin wirkt aufgedunsen, in seiner Körpersprache merkwürdig unsicher und die groteske Sitzordnung an seinem Riesentisch signalisiert der ganzen Welt, dass er buchstäblich entrückt ist. Selenskyj hingegen zeigt sich im engen Kreis seiner Gefolgsleute kumpelhaft mit Militärpullover. Den Wettbewerb der Persönlichkeiten gewinnt Selenskyj haushoch. Das integre Gesicht Selenskyj lässt die Fratze Putin umso hässlicher erscheinen - und auch darum will Putin ihn töten.

Quelle: ntv.de

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