Wieduwilts WocheHöckes Sülze und der Raps am Westerwald
Eine Kolumne von Hendrik Wieduwilt
Sollte man mit Rechtsextremen sprechen oder lieber eine Brandmauer im Debattenraum hochziehen? Linke Fraktionen im Bundestag haben ihre Entscheidung getroffen.
Ich sitze im Auto, draußen fliegt das rapsgelb-grüne Deutschland vorbei, als ich dem meistgefürchteten Rechtsextremen des Landes lausche: Björn Höcke, im Podcast von Ben Berndt. Und schon in den ersten zwei der vier Stunden wird mir ein bisschen mulmig: Ich warte auf irgendetwas Skandalöses. Aber Höcke spricht über sein Leben, Deutschland und wie lieb er es hat.
Über seinen Lehrerberuf, wie er Vater wurde, die Gründung der AfD. Björn Höcke spricht dabei so artikuliert, sanft und selbstbeseelt, dass man rein rhetorisch keinen Grund zum Abschalten findet. Anders als bei öffentlichen Auftritten kommt auch nichts mit "tausendjähriger Zukunft", dem drohenden "Volkstod" durch "Umvolkung" oder eine SA-Parole hier und da.
Stattdessen sagt Höcke, die Bildung sei eine Katastrophe, in den Schulen spreche kaum jemand noch gutes Deutsch, die Migration überfordere das Land, die Geburtenquote sei zu niedrig. Hm, ist das alles denn so falsch?
Heimlich rechtsextrem?
Auch Höckes Gejammer über die Erosion kultureller Identität lässt sich schlecht als verfassungswidrig belegen. Zarte Ermahnungen in Richtung konservativer Traditionsparteien, dass hier womöglich ein wenig Nachholbedarf besteht, haben schon andere geschrieben, und ich auch.
Mir wurde immer blümeranter. Vielleicht war ich ja selbst inzwischen rechtsextrem? Den Verdacht hatte ich längst, denn ich sorge mich seit Jahren um die Meinungsfreiheit. Wer das macht, ist schon einmal Rechtspopulist, das hat kürzlich der "Spiegel" mit Blick auf Wolfgang Kubicki blitzsauber hergeleitet.
Dann fiel mir auf, dass meine ganze Situation geradezu rechtsextrem war: Ich fuhr ja grad ein deutsches Auto, einen Verbrenner zumal. Die rapsgelb-grünen Felder liegen vor dem Westerwald - oh nein! Westerwald! Über den gibt es doch dieses Marschlied!
Heute wollen wir marschier'n
Einen neuen Marsch probier'n
In dem schönen Westerwald
Ja da pfeift der Wind so kalt
Die Linken hatten doch Recht!
Und das alles auf der - uff! - Autobahn! Mir wurde heiß und kalt. Höcke hat mich heimlich auf die dunkle Seite gezogen, vermutlich, weil ich noch auf dem früheren Twitter herumhänge, "X". Warum habe ich diesen Podcast nur angemacht? Die Linken hatten doch recht!
Das halbe Land debattiert schließlich seit vielen Jahren darüber, ob man Leute wie Höcke hören darf, ob man mit ihnen reden sollte, ob er eine "Plattform" verdient. Auch Berndt wusste das. "Ich habe mich getraut, Björn Höcke einzuladen", warb er deshalb keck.
Den Erfolg bisheriger Ausgrenzungsstrategien muss man wohl als durchwachsen bezeichnen. Die AfD wurde auf 28 Prozent gedrückt und liegt damit nur noch einen Platz vor der Nummer 2, der CDU. In Sachsen-Anhalt könnte die Partei bald aus der Opposition verdrängt werden.
Die neue Rechte freut sich über Dialogverweigerung
Und wegen dieses großen Erfolges geht es genau so weiter: Die Fraktionen von SPD, Grüne und Linke im Bundestag haben sich grad konzertiert von X verabschiedet, als wären sie schon ein Regierungsbündnis. Damit auch alle wirklich alles gleich machen, hat man den Abschiedspost per Rundmail diktiert:
"X ist in den letzten Jahren im Chaos versunken. Politische Debatten leben vom Austausch, der Menschen erreicht & informiert. X hingegen fördert zunehmend Desinformation. Deswegen bespielen wir diesen Account nicht mehr.
#WirVerlassenX"
Die neue Rechte bekommt durch diese Form der Dialogverweigerung richtig Zunder. Höcke sagt es quasi selbst: Er erzählt, die Linken habe viele Jahre lang die kulturelle Deutungshoheit gehabt, in der Zeit wäre die Angst um die Meinungsfreiheit in die Deutschen gefahren. Die ganze AfD-Gründung kreise daher um die Meinungsfreiheit.
Obwohl es die Erzählung der AfD stärkt, mörteln Linke weiter Brandmauern im Debattenraum. SPD-Chefin Saskia Esken etwa stellte sich nach Berndts Höcke-Podcast in die Reichstagskuppel und forderte werbetreibende Unternehmen, den Podcaster trockenzulegen. Immerhin: Esken hat damit Gefühl für Dialektik bewiesen, denn gerade einmal drei Tage vorher hat das Land noch den "Tag der Pressefreiheit" beklatscht.
Für Höcke ein besonderes Fest: Ausreden dürfen
Berndt fragt allerdings wirklich nicht wie ein Journalist. Er lässt Höcke reden, ist sogar hier und da etwas eilfertig, wenn er etwa, um Höcke zu gefallen, eigene Ausrutscher ins Englische korrigiert - was für ihn bisweilen eine, nun, Challenge zu sein scheint.
Der wunde Punkt, den Ben Berndt allerdings aufgedeckt hat, ist dieser: Mit Höcke hat kaum jemand vorher einfach mal geredet - wenn, dann ging es in Höcke-Auftritten meist darum, dass man ihn "entlarven" müsste. Also hat man ihm etwa Videos gezeigt, auf denen Fraktionskollegen raten mussten, ob eine Aussage von Höcke oder Hitler stammte.
Also mied Höcke die Medien und ging jetzt zu Berndt, einem "alternativen" Medium. Da darf er ausreden, so lange er will. Das ist für nahezu jeden Politiker ein Fest, für Höcke allerdings besonderes, denn Höcke kann eines besser als die meisten anderen: druckreif reden.
Keine Waldseele, kein Sinn für Sülze
Mich hat er auf meiner langen Autofahrt allerdings doch nicht rechtsextrem gequatscht. Irgendwann kippt das Gespräch: Höcke zeichnet immer enthemmter ein schwülstiges, enges, muffiges Deutschlandbild, in dem vermutlich niemand glücklich wird, der - anders als Björn Höcke - keine "Waldseele" hat. Er sagt wirklich: "Waldseele".
Je länger das Gespräch dauert, desto schludriger argumentiert Höcke. Er sagt etwa, dass es immer unklug sei, demografische Lücken mit Zuwanderung aus fremden Kulturen aufzufüllen. Kurz vorher hatte derselbe Höcke gemutmaßt, er sei womöglich zu Teilen Hugenotte. Wurden die nicht von den Preußen geholt, weil der Dreißigjährige Krieg so viele Leben gekostet hatte?
Dann beschwert sich Höcke, dass man ja kaum noch gut deutsch essen könne. Es geht um Sülze mit Bratkartoffeln und das richtige Maß Toleranz für Döner. Deutsche Restaurants zu frequentieren, hält Höcke für "Kulturloyalität". Da hatte er mich endgültig verloren: Schlechtes deutsches Essen schmeckt wirklich scheiße, schlechtes Pad Thai aber immerhin nach Pad Thai.
Erleichtert
Erleichtert blicke ich auf das vorbeisausende Deutschland und den vorbeisausenden Raps. Diese Nutzpflanze ist in Deutschland übrigens auch erst seit dem 14. Jahrhundert zu Hause, quasi ein Migrant. Was für ein ganz und gar linksversiffter Multikulti-Gedanke - vielleicht poste ich den gleich auf X.