Wieduwilts WocheWarum Jens Spahn die Sache mit dem "Mietmutterbauch" doch überstehen könnte
Eine Kolumne von Hendrik Wieduwilt
Das Sommerloch ist eine gefährliche Phase. Kleine Dinge, etwa Frischgeborene, bekommen große Auftritte - doch was sich der frischgebackene Papa Spahn geleistet hat, ist mehr als klein. Er hat das Vertrauen seiner Zielgruppe missbraucht.
Mal im Ernst: Was haben Sie denn geglaubt? Dass Jens Spahn ein Politiker aus Überzeugung ist? Wenn man es zum Fraktionschef der Union bringt, muss man hier und da Kompromisse eingehen – gerade mit sich selbst.
Womöglich war Spahn längst glühender Anhänger der Leihmutterschaft, als er sich noch öffentlich gegen sie aussprach. Und wie er das tat: Im Jahr 2015 schrieb er für die "GQ" noch dies: "Als schwuler Mann und Christ kann ich mich persönlich nur sehr schwer mit der Idee eines gemieteten Mutterbauchs anfreunden."
Auch 2020 hatte es mit diesem "Anfreunden" offenbar noch nicht so recht geklappt, da wies Spahns Ministerium noch kühl auf die Begründung "des Gesetzgebers", als wolle er sich selbst da möglichst heraushalten. Nun also ist Spahn Papa geworden, dank Leihmutter aus den USA. Wir gratulieren.
Wasser predigen, Wein trinken
Allerdings ist Spahn damit das Paradebeispiel einer Politikerkaste, die Wasser predigt und Wein säuft. Anders als seine bisherigen Fehlgriffe um Villenkauf, Richterwahl oder Maskenbeschaffung liegt dieser hier im christlich-konservativen Glutpunkt der Partei. Am Freitag hagelte es folgerichtig etliche Rücktrittsforderungen.
Spahn ist nicht irgendwer, sondern die Galionsfigur der Erzkonservativen in der Union. Ihm wird AfD-Freundlichkeit unterstellt, nicht immer aus bösem Willen, sondern bisweilen mit froher Hoffnung. Einer wie Spahn ist ein Gewinn, wenn man im Osten eine Alternative zur Alternative sein will.
Aber Spahn hat nicht nur die Wahlkämpfer in Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt und Berlin enttäuscht. Er sorgt auch bei allen für Verbitterung, die sich endlich etwas mehr Aufrichtigkeit und Gradlinigkeit in der Politik wünschen. Was wäre das schön: Politiker, die denken, was sie sagen und sagen, was sie denken!
Der Typus Klartexter
Diesen Typus Klartexter gibt es – aber es sind in der Regel medientaugliche Quertreiber. Jede Partei hat Klartexter, sie sind draußen beliebt und drinnen umstritten. Sie sagen Dinge, die die Bürger längst denken, und dafür wärmen Lanz und Co. ihnen die Talkshowsitze an.
Wolfgang Bosbach in der CDU ist so einer, Wolfgang Kubicki in der FDP ebenfalls, die SPD hatte Thilo Sarrazin, die Linke hatte Sahra Wagenknecht und die Grünen hatten Boris Palmer. Das Problem an den Klartextern und Überzeugungstätern ist ihre Unkontrollierbarkeit. Sie mögen keine Kompromisse und singen ungern aus der hinteren Reihe die Lieder, die ihnen jemand anderes aufgeschrieben hat.
Es sieht eng aus
Deshalb wird aus diesen Klartextern meist nichts innerhalb der Partei. Wolfgang Kubicki ist in dieser Aufzählung eine Anomalie – in einer zerbröselnden FDP war er als einziger noch bundesweit sichtbar, mithin alternativlos.
Klartexter werden nichts: Hätte Spahn also getan, was man sich wünscht, nämlich gesagt, was er denkt und gedacht, was er sagt, er wäre sicher oft in Talkshows gewesen. Nur eben nicht auf dem zweitmächtigsten Posten in der CDU, auf dem er nun sitzt, an der Spitze der Unionsfraktion.
Wird Spahn sich auf diesem Posten halten? Am Freitag sah es eng aus, aber überraschen sollte das niemanden. Spahn und Merz sollten gewusst haben, was ihnen blüht, als der Geburtstermin näher rückte. Man entschied sich strategisch offenbar für die "kontrollierte Sprengung", also aktive Medienarbeit.
Die Strategie hätte funktionieren können – aber es ist Sommerloch
Spahn sprach mit der "Bild"-Zeitung und produzierte dabei eine schöne Zeile: "Gott freut sich über jedes Kind". Sollte wohl heißen: Soll ausgerechnet eine christliche Partei etwa zu schimpfen wagen, wenn ein neues Baby die Welt erblickt? Viel mehr sagte er nicht, schon gar nicht dazu, ob er in der Partei nun für die Leihmutterschaft trommeln wolle.
Diese Strategie hätte im medialen Lärm dieser Koalition unter normalen Umständen funktionieren können. Achselzucken in der Öffentlichkeit, die Grünen versuchen dann zum hundertsten Mal vergeblich Spahn zu kippen – und 48 Stunden später wird dann die nächste Sau durchs Mediendorf gejagt, die Spahn-Baby-Sache wäre bald vergessen gewesen.
Aber es gibt keine neue Sau. Es ist Sommerloch. Im Sommerloch freuen sich Redaktionen über jedes Thema so sehr wie Eltern über ihr Erstgeborenes. Jede Reaktion auf Spahns Baby wird debattiert, jede Nuance der Leihmutterschaft ausgeleuchtet, Experte um Experte befragt. Es ist eine gefährliche Zeit für Fehltritte.
Spahns letzte Hoffnungen
Womöglich hat sich Spahn also in jeder Hinsicht verzockt. Doch zwei Aspekte der Debatte könnten ihm Hoffnung machen. Erstens: Was innerhalb des Sommerlochs emotional und intensiv debattiert wird, verliert dann, wenn der Betrieb in Berlin wieder beginnt, schnell an Relevanz.
Zweitens: Spahns größter Gegner sitzt in den eigenen Reihen. Aber es stünde einer christlichen Partei nicht gut zu Gesicht, einen frischgebackenen Vater für die Familiengründung vor die Tür zu setzen. Spahns politischen Gegner in anderen Parteien wiederum sind weitestgehend gelähmt: Die Grünen haben keine Position zur Leihmutterschaft. Die AfD ist extrem still – vielleicht, weil Parteichefin Alice Weidel als Mutter in lesbischer Partnerschaft selbst nicht als konservatives Rollenmodell taugt.
Es könnte also sein, dass Spahn am Ende einfach alles hat und alles behält – das Baby und den Fraktionsvorsitz. Wozu braucht er da noch Vertrauen?