Pressestimmen

Europas Presse zur Corona-Krise "Ohne die EU stecken wir in der Klemme"

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Ein Fischer mit Mundschutz steht neben einem Fischmarkt in Cadiz. Spanien ist eines der am stärksten von der Pandemie betroffenen Länder.

(Foto: dpa)

Ein Virus macht an keiner Grenze Halt. Viele EU-Länder haben deshalb in ähnlicher Weise auf die Corona-Pandemie reagiert - sehr oft mit drastischen Schutzmaßnahmen. Doch die Presse kommentiert das nicht überall mit Nachsicht. Sogar alte Rivalitäten treten in der Krise plötzlich offen zutage.

In der Krise stellt sich die Bevölkerung erfahrungsgemäß hinter ihre Regierung - so ist das nicht nur in Deutschland, sondern auch im europäischen Ausland. Doch nicht überall werden die staatlich verordneten Schutzmaßnahmen als Fürsorge angesehen. Der Kommentator der "Neuen Zürcher Zeitung" empfindet sie eher als unerwünschte Vormundschaft. Viele Bürger, heißt es, ließen "sich nur allzu gerne von dem sich in Berlin, Brüssel und Bern ausbreitenden Staatspaternalismus auffangen". Doch Kritik daran, dass die Bürger mit der Aufgabe ihrer Freiheitsrechte den Preis für das "Versagen der Experten und Regierenden" zahlen sollen, nehme stetig zu. "Man stelle sich (…) vor: Auf eine Pandemie vorbereitete Behörden hätten rasch gehandelt. Die Bevölkerung wäre umfassend mit Masken ausgestattet worden. Damit hätten die Bürger ein zusätzliches Instrument zur Hand gehabt, um eigenverantwortlich zu handeln und die Ansteckung von Mitbürgern zu verhindern."

Nachdem Frankreichs Präsident Emmanuel Macron in seiner TV-Ansprache Fehler und logistische Schwächen bei der Bewältigung der Krise eingeräumt hat, zeigt sich die französische Tageszeitung "Le Parisien" versöhnlicher mit dessen Regierungsarbeit. Der Präsident habe es geschafft, den Franzosen Antworten auf ihre Fragen zu geben. Eine Lockerung der Ausgangssperre sei für den 11. Mai skizziert worden. "Natürlich gibt es Punkte, die offenbleiben, wie das verpflichtende Tragen von Masken und das heikle Thema der Behandlung von Corona-Patienten." Macron habe aber eingeräumt, dass auch er nicht alles wisse. "Das ist letztlich auch eine Art Antwort." Dass die Schutzmaßnahmen bald aufgehoben werden können, hofft auch die niederländische Zeitung "De Telegraaf". "Irgendwann müssen wir die Volkswirtschaft wieder in Gang setzen", heißt es darin. "Aber wir dürfen uns nicht zu früh freuen. Ein zu schneller Übergang zur Tagesordnung ist Medizinern zufolge gefährlich (…). Wir müssen also noch weiter die Zähne zusammenbeißen."

Die belgische Zeitung "De Tijd" glaubt zwar nicht, dass eine schnelle Rückkehr zur Normalität möglich sein wird, dennoch dringt auch sie darauf, den Bürgern eine Perspektive aus der Krise aufzuzeigen. "Bereits jetzt ist klar, dass eine Rückkehr zur 'alten Normalität' in den nächsten Monaten nicht zu erwarten ist. Angesichts des Ernstes der Lage mag das logisch sein. Aber dann muss doch wenigstens ein Ausblick auf eine 'neue Normalität' präsentiert werden."

Die Frage sei nicht, ob Menschenleben oder Geld wichtiger seien, schreibt die linksliberale Tageszeitung "Pravda" aus der Slowakei zu möglichen Lockerungen der geltenden Schutzmaßnahmen. Vielmehr gelte es, einen goldenen Mittelweg zu finden: "Die Wirtschaft nicht mit Quarantäne-Maßnahmen völlig zu begraben, sondern ihr weiteres Funktionieren auf vernünftige Weise zu ermöglichen. Und zugleich die Gesundheit der Menschen zu schützen - für die Zeit der Krise ebenso wie für danach."

In der Krise zeigt sich, dass die Menschen in vielen Ländern Europas ähnlich ticken. Doch es treten auch alte Rivalitäten zutage. Waren sich Tschechien und Ungarn als ehemalige Ostblockstaaten in der Flüchtlingskrise 2015 und ihrer Weigerung, Geflüchtete aufzunehmen, noch weitgehend einig, sieht die oppositionelle Budapester Tageszeitung "Nepszava" Ungarn angesichts der "illiberalen" Zustände im Land nun im Hintertreffen: "Im Umgang mit der Corona-Krise zeigt sich, dass die öffentlich-rechtlichen Medien in Tschechien nicht (wie in Ungarn) Propaganda-Werkzeuge in der Hand der Regierung sind, sondern auf korrekte Weise über die Geschehnisse berichten." Die gegenwärtige Krise zeichne "ein wirklich tragisches Bild davon, wie sehr Ungarn infolge der (von Orbán und seinen Leuten praktizierten) Gehirnwäsche hinter Tschechien zurückgefallen ist, sowohl in Hinsicht auf die Handlungsfähigkeit als auch die Denkweise".

Die sozialdemokratische schwedische Tageszeitung "Aftonbladet" beschwört hingegen die europäische Einigkeit in der Corona-Krise - und führt das 500 Milliarden Euro schwere Hilfspaket der EU an. Dieses sei zwar weniger ein Beweis für Solidarität als für Eigeninteressen. Dennoch biete es der Europäischen Union "eine Chance zum Überleben - in letzter Minute". "Die Wirtschaft kann nicht in jedem Land für sich aufgebaut werden, das gilt nicht zuletzt für Schweden", schreibt der Kommentator. "Wir haben uns an einen Kontinent mit freien Märkten gewöhnt. Europa ist eine Einheit, und wenn diese durch die Krise gebracht werden soll, dann muss das gemeinsam geschehen. Ohne die EU stecken wir alle vollständig in der Klemme."

Zusammengestellt von Judith Görs

Quelle: ntv.de, jug