"Das entspricht Putins Art"Russland startet neuen Großangriff auf Kiew

Erfolge an der Front erzielt Russland nicht, dafür verstärkt Moskau den Terror gegen die ukrainische Zivilbevölkerung. Ein nächtlicher Angriff auf Kiew fordert Tote und Verletzte. Präsident Selenskyj hatte das Bombardement vor dem Nato-Gipfel kommen sehen.
Am Vortag des Nato-Gipfels in der Türkei hat Russland wieder massiv ukrainische Städte angegriffen. Mindestens 10 Menschen wurden getötet. Inzwischen seien "9 Tote und 46 Verletzte" bestätigt, teilte der Chef der Militärverwaltung in Kiew, Tymur Tkatschenko, bei Telegram mit. Unter den Verletzten sind seinen Angaben zufolge 5 Kinder. Ein weiteres Todesopfer wurde in Butscha nordwestlich von Kiew gemeldet. Der Chef der Militärverwaltung in Kiew warnte vor möglichen weiteren Opfern. "Die Rettungseinsätze dauern weiter an", erklärte er. "Traurigerweise ist dies nicht die endgültige Bilanz."
Staatschef Wolodymyr Selenskyj hatte am Abend in einer Videobotschaft davor gewarnt, dass Russlands Präsident Wladimir Putin noch vor Beginn des Nato-Gipfels in der Türkei am Dienstag eine weitere Welle schwerer Luftangriffe befehlen dürfte. Dabei berief er sich auf Informationen des ukrainischen Geheimdienstes. "Das entspricht ganz Putins Art - unmittelbar nach dem amerikanischen Unabhängigkeitstag am 4. Juli und vor dem Nato-Gipfel in Ankara" wolle er "noch mehr Unheil anrichten und Menschen töten", sagte Selenskyj.
Riesiges Loch in Wohngebäude geschossen
Angeblich setzten die Angreifer dann in der Nacht neben zahlreichen Drohnen auch Dutzende Marschflugkörper und Raketen ein. Marschflugkörper können von den Angreifern besser manövriert und wegen ihrer geringen Flughöhe nicht so leicht vom Radar der Luftabwehr erfasst werden, ballistische Raketen sind dafür aufgrund ihrer hohen Geschwindigkeit schwieriger abzuwehren.
In Kiew wurden den Berichten zufolge Wohngebäude in mehreren Stadtteilen getroffen. Ein Plattenbau stürzte teilweise ein, in der Mitte des Wohnblocks klaffte ein riesiges Loch - so dass die Rettungskräfte durch das Haus hindurchschauen konnten. Unter den Trümmern wurden verschüttete Menschen befürchtet.
Selenskyj vermisst Hilfe für Flugabwehr
Die Ukraine verteidigt sich seit mehr als vier Jahren mit westlicher Hilfe gegen den russischen Angriffskrieg. Die neuerliche Angriffswelle setzt den Ton für das Treffen der Nato-Vertreter, die am Dienstag und Mittwoch in der türkischen Hauptstadt Ankara zusammenkommen.
In seiner Videobotschaft appellierte Selenskyj an die Partner der Ukraine, den Abwehrkampf seines Landes entschlossener zu unterstützen. "Jede Verzögerung bei der Lieferung von Raketen für unsere Flugabwehr und für die Patriot-Systeme kostet Menschenleben und ermutigt Russland, den Krieg fortzusetzen", sagte er. Die Welt verfüge durchaus über die notwendige Menge und Qualität an Flugabwehrsystemen. Nötig sei aber, diese der Ukraine auch bereitzustellen. "Und das sind natürlich in erster Linie die Entscheidungen der USA, die Entscheidungen der Mächtigen in Europa und in der Welt."
Der Ukraine sei klar, dass der politische Wille der USA durchaus ausreichen würde, um den Mangel an Patriot-Systemen zu beheben, führte Selenskyj weiter aus. "Doch bislang fehlt es an einer solchen Unterstützung."
Gegen ballistische Raketen machtlos
Während die ukrainische Flugabwehr eine relativ hohe Trefferquote gegen russische Drohnen und Marschflugkörper hat, ist sie gegen ballistische Raketen weitgehend machtlos. Die Patriot-Systeme sind für die Ukraine das einzige wirksame Mittel gegen Russlands Raketen. Im Frühjahr beklagte Selenskyj, dass sein Land kaum noch Munition dafür habe. Der US-Krieg gegen den Iran verknappte die weltweiten Bestände der Abwehrraketen weiter. Zuletzt brachte Selenskyj die Möglichkeit einer eigenen Patriot-Produktion ins Spiel - und verwies darauf, dass auch eine europäische Produktion in der Ukraine denkbar sei.
Beim Gipfel in Ankara wird Selenskyj die Gelegenheit erhalten, seine Bitte um weitere Patriots direkt an US-Präsident Donald Trump zu richten. Die beiden Staatschefs treffen am Mittwoch in Ankara zusammen, um auch über Wege zur Beendigung des Kriegs zu sprechen.
Keine der beiden Kriegsparteien mache nennenswerte militärische Fortschritte, sagte ein hochrangiger US-Beamter vor Journalisten. Gleichzeitig entstünden enorme Kosten und die Angriffe beider Seiten reichten jeweils weit ins andere Land. "Der Präsident verspürt daher ein echtes Gefühl der Dringlichkeit, zu versuchen, das zu einem Ende zu bringen", sagte der Beamte.
Neue Milliarden-Zusagen für Kiew geplant
Man sei zuversichtlich, Fortschritte erzielen zu können, wenn Trump und Selenskyj zusammenkommen - und er sei sich sicher, dass sich der US-Präsident auch mit Putin in Verbindung setzen werde. Sowohl der Kremlchef als auch Selenskyj hatten am Wochenende mit Trump telefoniert und ihm ihre Sichtweise auf den Kriegsverlauf geschildert.
Die USA vermitteln schon länger im Krieg zwischen Russland und der Ukraine. Angesichts ihres eigenen militärischen und politischen Dauerkonflikts mit dem Iran rückten die Bemühungen aber zuletzt in den Hintergrund.
Bei dem Nato-Gipfel soll die Ukraine auch ein neues Versprechen für milliardenschwere Militärhilfen bekommen. Darauf verständigten sich in Brüssel Vertreter der 32 Bündnisstaaten wenige Tage vor dem Spitzentreffen in abschließenden Beratungen über die geplante Gipfelerklärung, wie die Deutsche Presse-Agentur erfuhr.