Regionalnachrichten

Baden-Württemberg"Stochern im Nebel" - Wie ein Rettungstaucher Leichen sucht

30.08.2026, 04:03 Uhr
image

Wie erlebt ein erfahrener Rettungstaucher Einsätze, bei denen es um Minuten und mentale Stärke geht? Einer von ihnen gibt Einblicke in einen fordernden Ehrenamt-Alltag.

Ludwigsburg (dpa/lsw) - Achim Maier erinnert sich noch. Ein Wintertag vor einigen Jahren, ein Kinderfahrrad liegt am Rand eines Stadtweihers. Daneben klafft ein Loch im Eis. Die Einsatzkräfte sind sich sicher: Da ist ein Kind unter dem Eis gefangen. "Ich war als erster Taucher vor Ort, bin ins Wasser rein", erzählt Maier.

Der Weiher ist flach. So flach, dass er mit seinen Knien den Schlamm unter sich aufwirbelt. "Ich habe nichts mehr gesehen", erinnert sich Maier. "Grabennacht" sei da um ihn herum gewesen. "Da langt man dann doch ein bisschen mehr krampfiger an seine Signalleine hin und hebt sie fest und taucht der nach", erklärt er.

Der Einsatz damals sei gut ausgegangen, erinnert er sich: "Das Kind ist zwar ins Eis eingebrochen, es konnte aber von selbst aus dem Wasser kommen und ist ohne sein Fahrrad heimgelaufen." Aber die psychische Belastung unter Wasser, die sei extrem gewesen für ihn.

Die Leine zur Außenwelt

Denn unter dem Eis haben Rettungstaucher oft nur einen Ausweg: das Loch, durch das sie ins Wasser gelangt sind. Einfach aufzutauchen ist nicht möglich. Umso wichtiger ist die Signalleine, über die der Taucher mit dem "Signalmann" an Land verbunden ist. Durch Zupfen an der Leine verständigen sich beide. Der Taucher kann sich so besser orientieren, der "Signalmann" trägt Verantwortung für seine Sicherheit.

Maier ist der dienstälteste Rettungstaucher der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) im Kreis Ludwigsburg. Der 57-Jährige taucht regelmäßig im Neckar und in anderen unbekannten Gewässern im Südwesten - oft zum Üben, manchmal im Einsatz. Die DLRG ist nicht nur mit Rettungsschwimmern im Einsatz, ehrenamtliche Taucher suchen auch nach Vermissten. Das wird regelmäßig trainiert - so wie heute.

Die DLRG-Ortsgruppe fährt mit ihren Einsatzfahrzeugen zu einer Stelle am Neckar bei Ludwigsburg. Vor Ort schlüpfen die Taucher in ihre Neoprenanzüge, legen die Brustgeschirre für die Signalleinen an und schultern die Tauchflaschen. Maier spricht sich noch kurz mit der Frau ab, die an Land seine Signalleine hält. Dann taucht er ab.

Tasten nach Vermissten

Im Neckar zu tauchen sei eine "mentale Belastung", sagt Maier. Oft sei das Wasser kalt, es sei dunkel und der Taucher wisse nicht, was sich über, unter oder neben ihm befinde. "Wir haben glasklare Sicht bis zur Brille und ab da wird's trüb. Das heißt, wir stochern im Nebel", sagt Maier.

Wie sucht man, wenn man kaum etwas sieht? "Es ist meistens nach Fühlen", erklärt Maier sein Vorgehen unter Wasser. Im Einsatz tastet er nach Vermissten und bringt sie herauf - lebend oder tot.

"Wenn man als Taucher reingeht, denkt man schon eher, es könnte nicht mehr erfolgreich abgeschlossen werden, weil man einfach von der Zeit her zu lange braucht, bis man unter Wasser ist", erklärt er. Wenn zu viel Zeit bei seiner Suche verstreicht, versuchen die Taucher, die Leiche zu bergen. Darauf stelle man sich auch mental ein. "Man kann sich eine Schutzhaut auflegen, dass man das mit sich selber verarbeiten kann. Das ja, aber gewöhnen tut man sich an eine Leiche nicht", erzählt Maier.

Wenn ein Kind gesucht wird

Nach belastenden Einsätzen spricht die Truppe über das Erlebte. "Dann geht man auf die Leute zu und versucht, mit denen im Gespräch das aufzuarbeiten. Es funktioniert eigentlich schon, man arbeitet immer zusammen", erklärt Maier.

Auch nach Kindern müssen die Einsatzkräfte manchmal tauchen. "Wenn ein Kind betroffen ist, dann hat man immer einen Kloß im Hals", sagt Maier. An der Stimmung unter den Kameraden merke man bei Einsätzen sofort, dass ein Kind gesucht werde. "Aber es gehört leider zum Geschäft dazu."

Besonders erinnert er sich an einen Einsatz vor einigen Jahren, bei dem er ein Kind im Neckar suchte. "Da war ich eine halbe Stunde im Wasser, habe das Kind gesucht. Habe es nicht gefunden, bin dann raus, weil bei mir die Luft zu Ende war", erinnert er sich. Ein Kollege habe ihn dann abgelöst und das Kind an derselben Stelle gefunden, wo auch Maier zuvor getaucht sei. "Das lag dann nicht am Grund, wo ich gesucht habe, sondern auf Schwebe", erklärt er.

Der Wunsch, Leben zu retten

Warum macht man solch ein Ehrenamt? Für Maier sind es die Freude am Tauchen und der Wunsch, Menschenleben zu retten, die ihn immer wieder ins Wasser bringen. Dazu kommen der Rückhalt und die Kameradschaft in seiner Ortsgruppe.

Und es gibt auch Einsätze, die Mut machen: Tatsächlich hat Maier als Rettungstaucher schon einmal eine Frau lebend hochgeholt, wie er erzählt. Sie wurde damals unter laufender Reanimation ins Krankenhaus gebracht. Maier wisse aber leider nicht, was danach aus ihr wurde. "Wir gehen immer mal von dem besten Fall aus, dass die Person noch überlebt hat", erklärt Maier die Herangehensweise bei der DLRG. "Wir gehen so lange davon aus, bis wir das Gegenteil bewiesen haben", fügt er hinzu.

Quelle: dpa

Regionales