Nordrhein-WestfalenDramen hinter Zahlen: Viel mehr Menschen ertrunken

Wieder ist die Zahl der Badetoten gestiegen. Erschreckend viele Kinder und junge Leute haben ihr Leben verloren. Was steckt hinter den tragischen Zahlen? Wie kann man sich schützen und andere retten?
Düsseldorf (dpa/lnw) - In keinem anderen Bundesland ist die Zahl der Badetoten in den ersten sieben Monaten dieses Jahres stärker gestiegen als in Nordrhein-Westfalen. Nach einer Zwischenbilanz der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) sind im bevölkerungsreichsten Bundesland bis Ende Juli bereits 50 Menschen ertrunken. Das sind rund 43 Prozent oder 15 Menschen mehr als im selben Vorjahreszeitraum.
Besonders erschütternd: Badetote im Alter von 11 bis 20 Jahren stellten mit zwölf Opfern die größte Gruppe – dreimal mehr als im Vorjahreszeitraum. Drei Opfer waren noch jünger.
Einsam am Ufer: Das Leid der Hinterbliebenen
Die Tragödien, die sich hinter den nackten Zahlen verbergen, kennen die Einsatzkräfte der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG). "Das ist so der Klassiker: Ein Kind geht in den Rhein, wird von der Strömung, von der Sogwirkung vorbeifahrender Schiffe zum Beispiel mitgerissen", schildert der Präsident der DLRG Nordrhein, Stefan Albrecht. "Papa, im besten Sinne, will das Kind retten, springt hinterher, schafft es aber auch nicht." Am Ende blieben die Mutter und ein weiteres Kind einsam am Ufer zurück.
Exakt dieses Szenario habe die DLRG in ihrer 2025 aufgelegten Aufklärungskampagne "Rhein.Rein.Tot" abgebildet. Ein KI-generiertes Bild zeigt eine Mutter und ihre Tochter abends Hand in Hand am Wasser vor zwei Rettungsbooten. "Wir haben alles versucht", lautet der Untertitel.
"So drastisch es wirken mag - es ist leider die bittere Realität, die uns hier immer wieder einholt", berichtete Albrecht. Die Kampagne sei gerade ausgespielt worden, da habe sich ein solches Szenario in Dormagen in Echt zugetragen.
Nur in Bayern sind in den ersten sieben Monaten dieses Jahres mit 54 Opfern noch mehr Menschen in Gewässern zu Tode gekommen als in NRW. Die Zahlen entsprechen dem Bundestrend: In ganz Deutschland stieg die Zahl der Badetoten im Vergleich zum Vorjahreszeitraum bereits um 15 auf 261.
Warum ziehen die Menschen keine Lehren aus so vielen Badetoten?
"Die meisten Ertrinkungstoten gibt es tatsächlich deshalb, weil die Menschen ihre eigenen Fähigkeiten überschätzen und die Gefahren des Wassers unterschätzen", weiß die Präsidentin des DLRG-Bundesverbands, Ute Vogt. Auch sie kennt drastische Fälle.
"Wir haben traurige Phänomene, dass zum Beispiel eine Gruppe von häufig jungen Männern am See feiert", erzählte sie. "Die gehen dann zusammen ins Wasser. Einer kann gar nicht schwimmen, geht trotzdem mit, denkt, das klappt schon irgendwie. Und dann geht er unter und erleidet den Ertrinkungstod." Das sei ein realer Fall, der häufiger vorkomme.
Fatale Selbstüberschätzung junger Männer
"Ich glaube, insbesondere bei jungen Männern ist das Thema Selbstüberschätzung ein ganz großes - dass hier die Gefahren unterschätzt werden", stellte Vogt fest. Über alle Altersgruppen hinweg habe der Anteil männlicher Opfer bei 85 Prozent gelegen.
Ein trauriges Ende gebe es allzu häufig in den Altersgruppen ab 14 Jahren, "die das erste Mal vielleicht auch alleine von zu Hause ohne Aufsicht der Eltern losziehen und am Wasser Freizeit suchen und sich dort selbst überschätzen und in Gefahr bringen", berichtete Albrecht.
Schlimme Entwicklung im Juni
Vor allem im Juni sei die Zahl der Badeunfälle dramatisch angestiegen, bilanzierte Vogt. Zuletzt habe es im Jahr 2023 bundesweit über 100 Opfer in diesem Sommermonat gegeben. Auch in NRW hat sich die Zahl gegenüber dem Vorjahreszeitraum (12) auf 22 fast verdoppelt.
Die meisten Menschen ertranken hier in Flüssen: 10 von 19 Todesopfern starben im Rhein. Viele meinten, bei Niedrigwasser sei der Rhein nicht so gefährlich, warnte Albrecht. Tatsächlich sei man in den jetzt noch verlockender erscheinenden Buchten sehr schnell ganz dicht an der Fahrrinne und begebe sich in große Gefahr. "Hier fahren jeden Tag bis zu 400 Berufsschiffe durch, die ja groß und schwer beladen sind und große Sogwirkungen auslösen, die die Menschen einfach unterschätzen."
Badeverbote und Bußgelder
Seit einem Jahr versucht Düsseldorf, die Todesfälle mit einem strikten Badeverbot einzudämmen. Viele Nachbarstädte sind dem Beispiel gefolgt. Wer sich weiter als knöcheltief in den Rhein begibt, muss seitdem mit bis zu 1.000 Euro Bußgeld rechnen.
Düsseldorf hat in diesem Jahr bereits 110 Bußgeldverfahren eingeleitet und nach Angaben der Landeshauptstadt mehr als 3.400 Präventionsgespräche geführt. Köln hat 28 Bußgeldbescheide erlassen, bei anderen Rhein-Anrainern sind die Zahlen geringer.
Gefahr lauert in Binnengewässern
Gefahren lauern aber auch in anderen Gewässern: 16 Menschen starben in NRW in Seen - beinahe doppelt so viele wie im Vorjahreszeitraum. Neun ertranken in Kanälen, darunter im Dortmund-Ems- und im Rhein-Herne-Kanal. Zwei Opfer kamen in Schwimmbädern zu Tode, jeweils eine Person in einem Teich und einem Bach. "Auf jeden Fall merken wir hier, dass Binnengewässer, die häufig nicht bewacht sind, eben ein höheres Gefahrenpotenzial haben als zum Beispiel die Strände an Ost- und Nordsee", bilanzierte Vogt.
Die DLRG-Präsidentin hat konkrete Empfehlungen für Menschen, um gar nicht erst in Lebensgefahr zu geraten oder sich im schlimmsten Fall so lange wie möglich über Wasser zu halten - und für potenzielle Retter.
Was tue ich bei Lebensgefahr im Wasser?
Wer Alkohol oder Drogen konsumiert hat, sollte auf keinen Fall schwimmen gehen.
Nur dort schwimmen, wo es auch eine Badeaufsicht gibt.
Wer in Not gerät: "Nicht panisch paddeln, sondern am allerbesten - und das kann man auch üben - auf den Rücken legen, sich möglichst steif machen, also eine gerade Körperhaltung einnehmen, und versuchen, sich ruhig aufs Wasser zu legen."
Wer viel draußen schwimme, sollte eine Schwimmboje mitnehmen. "Da werden Sie gut gesehen und haben eine Möglichkeit, sich wenigstens kurzfristig zu halten. Dann können Sie noch winken und sagen: Ich brauche Hilfe."
Wie kann ich einen Ertrinkenden retten?
Bei Gefahr zuerst den Notruf wählen, damit möglichst schnell professionelle Hilfe kommt.
Schauen, ob man etwas findet, das man dem Ertrinkenden zuwerfen kann.
Andere Menschen finden, mit denen man eventuell gemeinsam eine Rettungskette bilden kann.
Selbst ins Wasser springen nur, wenn man ein ganz sicherer Schwimmer ist und weiß, wie man einen Rettungsgriff macht, um Menschen aus dem Wasser zu ziehen. "Wenn ich auf einen Ertrinkenden direkt zu schwimme, kann es passieren, dass er mich in seiner Panik umklammert und mit runterzieht. Das heißt, man muss schon wissen, wie man die Menschen von hinten anschwimmt."
Albrecht richtete einen dringenden Wunsch an alle: "Niemand badet oder schwimmt im Rhein! Nicht, weil es an der einen oder anderen Stelle verboten ist, sondern weil es einfach vernünftig ist, es nicht zu tun. Nehmen Sie es nicht auf die leichte Schulter und halten Sie sich von dieser Gefahr in Ihrem eigenen Interesse fern." Das gelte für alle Strömungsgewässer.