Nordrhein-WestfalenKiosk statt Kirche: Eine Nonne verkauft Kippen und Kratzeis

In dieser Bude gibt's alles: Bier, Cola und andere Spaßgetränke, gemischte Tüte und Zigaretten. Hinter der Theke steht allerdings eine ganz besondere Verkäuferin: eine Nonne.
Gelsenkirchen (dpa/lnw) - In diesem Gelsenkirchener Büdchen sieht auf den ersten Blick alles ganz gewöhnlich aus. Draußen blinkt eine LED-Anzeige: Hier gibt's "Zigaretten", "Coffee to go" und "belegte Brötchen". Über dem Kiosk steht fettgedruckt "Verkaufshalle". Im Innenraum reihen sich bunte Kühlschränke mit Bier und Softdrinks an Regale mit Zigaretten, Instant-Nudeln und Proteinriegeln. An wackeligen Stehtischen liegen Becher für Kaffee oder Tee. Ein klassischer Kiosk.
Hinter dem Tresen steht jedoch keine typische Kiosk-Verkäuferin, sondern Birgit Baier. Sie ist Nonne bei den Don Bosco Schwestern. Sie trägt ein braunes Ordenskleid und einen Schleier. An ihrem Hals hängt eine Kette mit einem Kreuz. Einen klassischen Gottesdienst feiert Schwester Birgit in diesem Kiosk allerdings nicht.
Eine Bude mit himmlischem Beistand
Seit Januar arbeitet die Ordensschwester schon im Büdchen in Gelsenkirchen-Hassel. Den kleinen Kiosk betreibt die Pfarrei St. Urbanus. Wer bei ihr vorbeischaut, hat es nicht weit zur Kirche. Denn gleich auf der anderen Straßenseite steht ein Gotteshaus, das zur Gemeinde gehört.
Dass eine Pfarrei eine Bude betreibt, ist eher ungewöhnlich. Auf die Idee kam Pastoralreferent Markus Zingel schon vor einigen Jahren, als das Büdchen zum Verkauf stand. "Die Idee fanden wir total reizvoll, gleichzeitig auch ein bisschen verrückt", sagt er.
Damals hatte es mit dem Kauf nicht geklappt. Doch im vergangenen Jahr entdeckte Zingel die Bude zufällig bei Kleinanzeigen wieder – und diesmal griff die Pfarrei zu. Sie wolle so Menschen erreichen, die nicht über die Kirchenschwelle treten würden, erläutert er. "Uns reizte die Idee - also zusätzlich zu dem, was wir hier eben an dem Kirchenzentrum machen - noch so einen total niedrigschwelligen Ort zu haben."
Und dass Schwester Birgit nun hinter dem Tresen steht, ist ebenfalls kein Zufall. Die Idee hatte der Propst der Pfarrei: "Er hatte so die Fantasie, wenn da so eine kernige Ordensschwester steht, die auch so den richtigen Schlag hat, das würde einfach super passen", erzählt Zingel. Die Irritation ist also durchaus Teil des Konzepts. Ein überraschtes "Oh, eine Nonne" darf da schon mal vorkommen.
Es soll ein Verständigungsort sein, so heißt es auf einem Schildchen, das direkt an der Kasse steht. "Wir beraten und begegnen Menschen völlig unabhängig von ihrer religiösen Herkunft, ihrer Traditionen oder Weltanschauungen", erläutert Markus Zingel weiter. Das gelte auch für das Büdchen. Neben Schwester Birgit arbeiten fünf Minijobber in der Trinkhalle.
Gottesdienst mit gemischter Tüte?
In der "WerkBude" verkauft sie einmal pro Woche für vier Stunden Zigaretten, Bier und gemischte Tüten. Manchmal greift sie selbst zu den Süßigkeiten. "Weil ich halt auch eine Süße bin, gehe ich durchaus mal an die Bömskes, wo ich auch mal was teste", erzählt sie. Im Pott werden vor allem Bonbons, aber auch Saures, "Bömskes" genannt.
Für sie sei das Arbeiten in der Trinkhalle eine Art Gottesdienst, sagt sie. "Gottesdienst ist für mich Dienst am Menschen auch. Und Dienst heißt auch Service. Und ich meine, hier ist es ein Service besonderer Art."
Schnell beim "Du" im Vorbeigehen
Die Kundschaft sei anders als in der Kirche, sagt die Ordensschwester. Ein Kiosk ist praktisch. Ein Ort, an dem man gefühlt alles bekommt. Die Menschen kommen meistens nur kurz vorbei, wollen schnell was kaufen. Es sind Leute aus der Nachbarschaft oder aus dem "Quartier", wie Schwester Birgit es nennt.
Sie kommen "einfach so im Vorübergehen", sagt sie. Der Nachbar holt Bier, die Kinder, die von der Schule kommen, kaufen Getränke oder Eis. Blaues Wassereis sei ein besonderer Renner diesen Sommer gewesen, erzählt sie. Ein Ort für alle also.
Trinkhallen haben im Ruhrgebiet eine lange Tradition. Ihre Geschichte reicht bis in die Anfänge der Industrialisierung zurück. Sie sollten Arbeiter aus Zechen mit Trinkwasser versorgen. Bis heute gehören die Trinkhallen zum Bild des Potts. Man kommt herein, holt, was man braucht, und bleibt vielleicht etwas länger als gedacht.
Gespräche über Gott und die Welt
Manche bemerken Schwester Birgit gar nicht. Andere halten inne und nehmen sich die Zeit für ein kurzes Schwätzchen mit der Ordensschwester. Ein Kunde erzählt, dass er überrascht gewesen sei, als er Schwester Birgit hinter der Theke gesehen habe. "Wird der Tabak hier jetzt gesegnet?", habe er sich gefragt. Mit Kirche habe er selbst eigentlich nicht so viel am Hut. Trotzdem findet er es gut, dass man hier ins Gespräch kommen kann.
Bei einem gelegentlichen Schwätzchen, sagt Schwester Birgit, gehe es oft um das, was Menschen gerade beschäftigt: um eine herausfordernde Lebenssituation, um Sorgen im Alltag, aber auch um Schönes. Manchmal seien es ganz einfache Dinge. Manchmal werde es grundsätzlicher. Gespräche über Gott und die Welt eben. Das passt ganz gut, wenn man einer Nonne an der Kiosk-Kasse gegenübersteht.
Schwester Birgit hat in ihrem Leben schon viele Erfahrungen gesammelt. Auch aus der Arbeit in der Trinkhalle nimmt sie etwas mit: "Ich nehme mit, einfach diese Unkompliziertheit. Das ist schön", sagt die Schwester. Ihr gefalle "das Kumpelhafte. Man ist schnell beim Du hier".
In diesem Jahr wollen sie eine AG mit einer örtlichen Schule organisieren, sagt die Schwester. Die soll auch im Büdchen stattfinden. Sie soll jungen Menschen aus der Nachbarschaft eine Möglichkeit für Mitbestimmung und Mitgestaltung bieten. "Es muss etwas Praktisches sein, low level, und wo man eben merkt, so, ich kann ganz praktisch selbst auch irgendwas bewirken", erklärt Markus Zingel.
Eines wird Schwester Birgit auf jeden Fall weiterhin tun: hinter der Theke stehen und Getränke verkaufen. Sie selbst trinkt gerne Kräutertee - aus einer Kaffeetasse mit einem Engelchen darauf, versteht sich. Auch im Büdchen bleibt sie ja schließlich trotzdem eine Nonne.