Nordrhein-WestfalenVon unterirdisch bis nass: Denkmäler mit Überraschungsfaktor

Was haben eine einstige Autobahn-Tankstelle, ein Freibad und ein Betonbunker miteinander zu tun? Sie stehen unter Denkmalschutz - und sind ungewöhnliche Ziele am Tag des offenen Denkmals.
Düsseldorf (dpa/lnw) - Schlösser, Kirchen, historische Gemäuer - das kommt wohl den meisten sofort beim Stichwort "Denkmäler" in den Sinn. Doch auch abseits von Fachwerk, gut besuchten Industriekulturstätten oder stadtbekannten Wahrzeichen hält Nordrhein-Westfalen in Sachen schutzwürdiger Architektur einige Überraschungen bereit. Am Tag des offenen Denkmals am 13. September laden nämlich nicht nur Museen und große Einrichtungen zu besonderen Aktionen in und um Denkmäler ein, sondern auch viele kleinere Eigentümer und Fördervereine. Hier eine kleine Auswahl besonders ungewöhnlicher Ziele aus dem Programm:
Denkmal mit hohem Freizeitwert und Erfrischungsbonus
Für die einen ist es schlicht der Treffpunkt im Sommer, um sich zu erfrischen, zu schwimmen oder zu planschen; für die anderen ist es noch dazu ein architektonisches Gesamtkunstwerk: Bei seiner Eröffnung im Jahr 1964 galt das Grugabad in Essen als eines der modernsten Freizeitbäder Deutschlands - mit vier großen Becken, großzügiger Liegewiese, Wellenanlage und futuristischer Doppelrutsche. Letztere wird wegen ihrer Rüsseloptik auch Elefantenrutsche genannt.
Seit 2020 steht das städtische Bad unter Denkmalschutz. Die Anlage soll als Treffpunkt einer vielfältigen Stadtgesellschaft erhalten bleiben, schreiben die Grugabad-Freunde auf ihrer Homepage. Die Stadt plant eine Generalsanierung.
Am Tag des offenen Denkmals gibt es mehrere geführte Rundgänge mit vielen Infos zu Architektur, Geschichte und Technik. Am letzten Öffnungstag des Bades können Besucher aber auch noch einmal den Wasserspaß auskosten - die "letzte Welle" des Freibadsommers rollt ab 19.00 Uhr.
Ein alter Baum, der eine Geschichte erzählt
In rund 1.000 Jahren ist ihr Stamm auf einen Umfang von 12 Metern angewachsen: Damit ist die Femeeiche von Raesfeld-Erle im Westmünsterland einer der ältesten Bäume Deutschlands. Der weitgehend hohle Stamm könnte die ausladende Krone ohne Hilfe nicht tragen. Bereits seit mehr als 100 Jahren sichern deshalb Stützen das imposante Blätterdach.
Am 13. September erwacht an der knorrigen Eiche ein wichtiger Teil der Geschichte des Kolosses zum Leben: Wie einst im Mittelalter tagt dort das Femegericht. Ein Mitglied des örtlichen Heimatvereins schlüpft in die Rolle und Gewandung des Freigrafen. Gemeinsam mit seinen Schöffen bringt er eine urkundlich überlieferte Gerichtsverhandlung zu einem Verbrechen aus dem Jahr 1441 zur Aufführung. Los geht's um 15.00 Uhr - der Treffpunkt an der mächtigen Eiche im Ortskern von Erle dürfte nicht zu übersehen sein.
Ein alter Schornstein in der Landeshauptstadt
Inmitten moderner Wohnbebauung ganz im Düsseldorfer Osten ragt ein Backsteinschlot empor, der von einem oft vergessenen Kapitel der Stadtgeschichte erzählt: Er gehört zum letzten erhaltenen Ringofen einer Ziegelei im Düsseldorfer Stadtgebiet - und ist damit Zeugnis der Ziegelindustrie, die zwischen 1880 und 1950 ein prägender Wirtschaftszweig der Stadt war. Mehr als 400 Feldbrand- und über 40 Ringofenziegeleien versorgten die wachsende Stadt einst mit dem notwendigen Baustoff.
Nach der Stilllegung verfiel das bereits denkmalgeschützte Industriezeugnis zusehends, das Gelände drohte zum Spielball von Investoren zu werden. Mit Unterstützung der Bevölkerung sei schließlich ein Abriss verhindert worden, schreibt der Förderkreis Industriekultur im Programm zum Tag des offenen Denkmals. Der Verein nutzt das Gebäude heute für Ausstellungen zur Stadtgeschichte - und lädt am Sonntag zu mehreren Führungen, Grillwurst, Fassbier und Kuchen ein.
Radrennbahn Bielefeld
333,33 Meter fugenlos gegossener Spannbeton stehen in Bielefeld seit 2012 unter Denkmalschutz: Die Radrennbahn mit ihren hohen Steilkurven gilt als besonders schnelle Betonpiste. Sie wird bis heute regelmäßig von Radsportvereinen genutzt; auch Steherrennen finden dort weiterhin statt.
Mit der 1953 eingeweihten Sportstätte hatte die ostwestfälische Fahrradhochburg die Hoffnung verbunden, gegenüber anderen Radsport-Standorten in Deutschland aufzuholen. Doch aufgrund deutlich gestiegener Baukosten und später nachlassendem Publikumsinteresse konnte die Bahn nie schwarze Zahlen schreiben, heißt es auf der Homepage des Fördervereins.
So sei der Glanz des "Juwels in der bundesdeutschen Sportlandschaft" mit den Jahrzehnten verloren gegangen. Seit 2014 kümmert sich der Förderverein um den Erhalt - am Sonntag informiert er bei zwei Führungen über die technischen und architektonischen Besonderheiten der Bahn.
Ein Kronleuchter in der Kanalisation
In Köln hängt ein Kronleuchter dort, wo man ihn am wenigsten erwartet: in der Kanalisation - genauer in einem unterirdischen Gewölbe, durch das Abwässer geleitet werden. Der sogenannte Kronleuchtersaal entstand im späten 19. Jahrhundert, als Köln stark wuchs und seine Kanalisation erweitert wurde.
Wohl aus Stolz auf die fortschrittliche Ingenieurskunst wurden zur Eröffnung zwei Kronleuchter aufgehängt. Sie sollten vermutlich - so erzählen es Mitarbeiter der Stadtentwässerungsbetriebe den Besuchern - den technisch interessierten Kaiser Wilhelm II. bei einem Besuch der Stadt in die Unterwelt locken und ihn beeindrucken. Ob die Leuchter ein Geschenk des Kaisers waren oder von der Stadt zu seinen Ehren angebracht wurden, ist allerdings nicht eindeutig geklärt.
Der Kaiser kam nie, die Originalleuchter gingen verloren, doch das Bauwerk dient bis heute als Abwasserkanal. Mit Kronleuchter-Kopie zieht es - trotz strengen Geruchs - regelmäßig Besuchergruppen an. Auch vor dem Tag des offenen Denkmals waren fast alle Führungen im Voraus ausgebucht.
ABC-Schutz hinter drei Meter dickem Beton
Früher streng geheim, heute ein denkmalgeschütztes Stück Kalter-Kriegs-Geschichte: In einem von außen unscheinbaren Betonklotz in Meinerzhagen im Sauerland war von 1963 bis 1997 das Warnamt IV untergebracht. Von hier aus sollte im kriegerischen Ernstfall die Bevölkerung Nordrhein-Westfalens gewarnt werden.
Notfalls, so hoffte man, sollte der Betrieb auch bei einem atomaren Treffer aufrechterhalten werden können. Die gut erhaltene mehrstöckige Atombunkeranlage mit ihren drei Meter dicken Wänden ist mit Dekontaminationsduschen ausgestattet. Außenluft konnte über eine Schutzluftanlage gefiltert werden, um radioaktive, biologische oder chemische Verunreinigungen fernzuhalten, wie ein Dokumentarfilm des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe zeigt.
Die Anlage war darauf ausgelegt, dass bis zu 180 Mitarbeiter unter Bunkerverschluss 30 Tage lang autark ihren Dienst hätten verrichten können. Ein ehrenamtlicher Verein arbeitet am Erhalt des Bunkers und will ihn langfristig als Museum zugänglich machen.
Am Tag des offenen Denkmals öffnen sich die tonnenschweren Bunkertüren für angemeldete Interessierte. Die Besucher sollten gewarnt sein: In der Anlage ist es mit 10 Grad recht kühl und es kann beklemmend werden. Für Menschen mit Platzangst oder anderen Einschränkungen sei ein Besuch nicht geeignet, heißt es in der Programmankündigung.
Von der Be- zur Entschleunigung
Früher rollten hier Autos an die Zapfsäule, heute kommen Menschen eher zum Auftanken der Seele hierher: Die Autobahnkapelle Hamm-Rhynern wurde 2009 in einer ehemaligen Tankstelle an der Autobahn 2 eingerichtet. Das in der NS-Zeit im sogenannten Heimatstil geplante Gebäude an der wichtigen Transitachse durch NRW hatte auf der gegenüberliegenden Fahrbahnseite einen spiegelbildlichen Zwilling.
Das Ensemble war 1990 unter Denkmalschutz gestellt worden, stand aber seit Umgestaltung der Rastanlage im Zuge des Autobahnausbaus längere Zeit leer. Schließlich beschloss der Evangelische Kirchenkreis Hamm, aus der früheren Tankstelle eine Kapelle zu machen.
Seit Ende 2009 finden Reisende, Trucker und Geschäftsleute im Inneren einen schlicht gestalteten Holzkubus mit Altar, Kerzen und Bänken. Die christliche Symbolik bleibe zurückhaltend, heißt es auf der Webseite der Autobahnkirchen: Die Kapelle soll ein spiritueller Raum für jeden Menschen sein.
Am Tag des Denkmals steht weniger die innere Einkehr im Vordergrund, sondern die Geschichte des Gebäudes und die denkmalgerechte Umnutzung der Tankstelle als "Rastplatz für die Seele". Die Anreise zu den Führungen um 11.00 und 14.00 Uhr ist verkehrsgünstig über die A2 in Fahrtrichtung Dortmund.