Rheinland-Pfalz & SaarlandAntrag der Schum-Stätten für Aufnahme ins Welterbe

In der Neuen Synagoge in Mainz unterzeichnet Malu Dreyer am Montag den Unesco-Welterbe-Antrag für die jüdischen Stätten des Mittelalters in Speyer, Worms und Mainz. Die Entscheidung könnte im Juli 2021 fallen.
Mainz (dpa/lrs) - Auf rund 1000 Seiten dokumentiert ein Antrag für die Unesco, warum das jüdische Erbe von Speyer, Worms und Mainz in das Weltkulturerbe aufgenommen werden sollte. Der Antrag für die Schum-Städte - so benannt nach den Anfangsbuchstaben ihrer hebräischen Namen - wird am Montag von Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) in der Neuen Synagoge in Mainz unterzeichnet und am 23. Januar bei der Weltkulturorganisation Unesco in Paris eingereicht - rechtzeitig vor Fristende am 1. Februar.
Das Dossier für die Unesco besteht aus zwei großen Teilen. Zum einen wird auf etwa 600 Seiten wissenschaftlich fundiert der außergewöhnliche universelle Wert der jüdischen Stätten am Rhein dargelegt. Dieser "Outstanding Universal Value" ist Voraussetzung für die Aufnahme ins Welterbe. Die Unesco versteht darunter eine Bedeutung, "die so außergewöhnlich ist, dass sie die nationalen Grenzen durchdringt und sowohl für gegenwärtige als auch künftige Generationen der gesamten Menschheit von Bedeutung ist". Zum anderen wird in einem etwa 400 Seiten umfassenden Management-Plan erklärt, wie die Stätten dauerhaft und damit für alle kommenden Generationen gesichert und für die Öffentlichkeit erschlossen werden sollen.
Der besondere Schutz wird für die jüdischen Friedhöfe in Worms und Mainz und für die Synagogenbezirke in Speyer und Worms angestrebt. Zu diesen gehören auch mittelalterliche Mikwen, also jüdische Ritualbäder.
"Es ist ein großer Schatz, die Schum-Stätten in Rheinland-Pfalz zu haben", sagt Ministerpräsidentin Malu Dreyer. "Gerade in einer Zeit, in der jüdisches Leben wieder angegriffen wird, ist es sehr wichtig, dass das Bewusstsein für die jüdische Tradition in diesem Land gestärkt wird und dass jüdische Kultur in den auch sehr aktiven Gemeinden weiter gelebt wird."
Kulturminister Konrad Wolf (SPD) spricht von einem wichtiger Meilenstein, um das jüdische Erbe der Schum-Stätten in Speyer, Worms und Mainz als Unesco-Welterbe anerkennen zu lassen. "Die jüdische Kultur entfaltete im Mittelalter am Rhein eine kulturelle Blüte von außerordentlicher Güte. Diese prägte das Judentum in Mittel- und Osteuropa nachhaltig."
Der Antrag sei ein großer Schritt auf dem langen Weg zur Aufnahme ins Welterbe, sagt die Geschäftsführerin des Schum-Städte-Projekts, Susanne Urban. "Wir haben alle das Gefühl, dass wir unser Allerbestes gegeben haben." In der Endphase habe es Diskussionen teilweise bis in die Nacht hinein gegeben. Alle Beteiligten seien zuversichtlich, nun einen sehr überzeugenden Antrag vorlegen zu können. "Aber jetzt beginnt noch ein richtig intensives Jahr", sagt Urban.
Zunächst beginnt der Internationale Rat für Denkmalpflege (ICOMOS) mit der fachlichen Prüfung des Antrags. Dabei kann es auch Rückfragen geben. Voraussichtlich im Herbst wird dann ein Gutachter der ICOMOS durch die drei Städte reisen, sich vor Ort alles anschauen und mit den Verantwortlichen sprechen. Anschließend sind alle ICOMOS-Mitglieder - das sind Personen und Institutionen mit Erfahrung in der Denkmalpflege - aufgerufen, den Antrag zu beurteilen. Im Anschluss an ein ICOMOS-Treffen im November in Paris, bei auch der Antragsteller noch einmal gehört wird, gibt der Internationale Rat für Denkmalpflege voraussichtlich Anfang 2021 seine Stellungnahme ab.
Dabei gibt es vier Möglichkeiten der Empfehlung: Neben Annahme ("Inscription") und Ablehnung ("Non-inscription") gibt es noch die Empfehlung, bestehende Mängel im Management-Plan zu beheben ("Referral") oder ein neues Dossier einzureichen, um den außergewöhnlichen universellen Wert nachzuweisen ("Deferral"). Anschließend formuliert das Welterbe-Zentrum der Unesco ab März 2021 eine Beschlussvorlage. Im Juli 2021 trifft dann das Welterbe-Komitee der Unesco eine endgültige Entscheidung.
Das Projekt der Schum-Städte will bewusst machen, dass sich jüdische Geschichte in Deutschland nicht auf den Holocaust reduzieren lässt. Die Geschichte der mittelalterlichen Gemeinden in Speyer, Worms und Mainz zeigt zudem, dass es auch gegenseitige Befruchtung und einen regen Austausch zwischen Judentum und christlicher Mehrheitsgesellschaft gab. Aus der Betrachtung der besonderen Situation der jüdischen Gemeinden am Rhein ergeben sich somit auch Impulse für den Umgang mit Minderheiten heute.