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SachsenHolzwurm und Babybadewanne – Erhalt von Orgeln wird schwerer

09.09.2026, 06:02 Uhr
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Warum eine Babybadewanne zur Rettung historischer Orgeln beiträgt – und welche Sorgen Kirchenmusiker und Orgelbauer noch drücken.

Parthenstein (dpa/sn) - Michael Wetzel späht auf eine Verzierung der historischen Orgel der Wehrkirche in Pomßen und zeigt auf ein kleines orangebraunes Häufchen Holzmehl. "Das kommt aus dem Instrument", sagt der Orgelbauer. Die Krümel verheißen nichts Gutes, denn sie bedeuten: Der Holzwurm setzt der 1671 errichteten Orgel zu. Mit der Bekämpfung tun sich die Fachleute schwer - und das Insekt ist nicht das einzige Problem, das den Erhalt von Sachsens Kirchenorgeln zunehmend schwieriger werden lässt.

Der Freistaat verfüge über eine sehr wertvolle Orgellandschaft in Deutschland, sagt der Fachbeauftragte für das Orgelwesen bei der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche in Sachsen, Tobias Haase. Von den 1.450 Orgeln in den Kirchen seien 1.000 älter als 100 Jahre. 80 Instrumente stammten sogar aus der Zeit vor 1800 und seien als Einzeldenkmale gelistet.

Doch die große Geschichte und die großen Namen des Orgelbaus wie Silbermann und Hähnel schützen die Instrumente nicht vor den Problemen der Gegenwart. Und die sind vielfältig, wie der Fachbeauftragte Haase sagt.

Mit dem Holzwurm in der Sackgasse

Beim Holzwurm sei etwa die Zwickmühle, dass sämtliche wirksame Bekämpfungsmittel nicht mehr zugelassen seien."Da steht der Schutz der Gesundheit und der Natur gegen den Erhalt der Kulturdenkmale." Haase schätzt, dass zwischen 10 und 20 Prozent der Kirchenorgeln in Sachsen vom Holzwurm befallen sind.

An Sachsens ältester erhaltener spielbarer Orgel in Pomßen im Landkreis Leipzig pinselt Orgelbauer Wetzel Holzmehl, Spuren des Befalls, aus den Ritzen. "So eine Sauerei", schimpft er. Lediglich sogenannte Häutungshemmer könne er gegen die Insekten einsetzen. "Wenn ich da zu wenig einbringe, erreiche ich nicht den Tod der Würmer, sondern eine Resistenz." Eine Begasung sei noch möglich, aber extrem aufwendig und teuer. "Beim Holzwurm stecken wir gerade in einer Sackgasse", sagt der Fachbeauftragte Haase.

Auch die Folgen des Klimawandels sind in den Kirchen zu spüren. "Vor zehn Jahren noch war unser großes Thema Schimmel. Das glaubt man heute kaum, dass man sich mehr Trockenheit gewünscht hat", sagt Haase. "Heute trauern wir um jedes Prozent Luftfeuchtigkeit, das weg ist."

Trockenheit setzt Instrumenten zu

Es gebe einen Korridor von 50 bis 70 Prozent relativer Luftfeuchtigkeit, der für die Orgeln ideal sei. Gehe es wegen der zunehmenden Hitze und Trockenheit unter diese Spanne, verändere sich das Holz. "Die Maße ändern sich, es gibt Spannungen, es klemmt. Außerdem äußert es sich durch Heuler: Man drückt eine Taste und sie kommt nicht wieder hoch", erzählt Haase, der selbst gelernter Orgelbauer ist.

Um dieses Problem zu mildern, seien die Kirchgemeinden auf der Suche nach einfachen, preiswerten Maßnahmen. Bewährt habe sich eine Babybadewanne voll Wasser, über die Tücher gehängt werden. "Damit hat man dann ein bis zwei Wochen vorgesorgt", sagt Haase.

In der schmucken Kirche in Pomßen ist Kantorin Cornelia Schneider bestens mit Hygrometern vertraut, also Geräten zur Feuchtigkeitsmessung. Auch sie sagt: "Die Kirchen werden zu trocken." Es sei Teil ihres Jobs, rumzugehen und dafür zu sorgen, dass eine gewisse Feuchtigkeit in den Altarräumen erhalten bleibe. Die zunehmende Trockenheit trifft nicht nur die Orgeln, sondern sämtliche Kunst- und Einrichtungsgegenstände in den Kirchen.

Schrumpfende Kirchgemeinden, weniger Nutzung

Kirchenmusikerin Schneider berichtet darüber hinaus noch von einer ganz grundsätzlichen Entwicklung, die sich auf den Erhalt der Orgeln auswirkt: die sinkende Zahl der Kirchenmitglieder. Dadurch werden die Instrumente schlicht weniger genutzt - und das tut ihnen nicht gut. Eine Orgel müsse bewegt werden - es müssten buchstäblich regelmäßig alle Register gezogen werden.

Sie selbst habe mit einer 70-Prozent-Stelle zehn Kirchen im Leipziger Umland zu betreuen. "Das ist viel Fahrerei, viel Organisation", sagt Schneider. Statt am Schreibtisch zu sitzen, würde sie lieber Musik machen. Durch den Strukturwandel in der Kirche würden Stellen aber eher gekürzt und Gebiete vergrößert.

Der Orgel in Pomßen geht es wegen ihrer herausgehobenen Stellung dabei vergleichsweise gut. Ein Förderverein, mitgegründet von dem früheren Musikhochschulprofessor Roland Börger, hat sich erst um die Sanierung verdient gemacht und unterstützt jetzt auch die regelmäßigen Wartungen. "Es ist ein Instrument, das klanglich absolut aus der Reihe tanzt", schwärmt er.

Lobby für Orgeln schaffen

Auf die Frage, was die größte Sorge beim Erhalt von Sachsens Kirchenorgel-Schatz ist, reibt Professor Börger Daumen und Zeigefinger aneinander und sagt damit ohne Worte: das Geld. Orgelbauer Wetzel sieht es grundsätzlicher. "Es ist für mich schmerzlich, dass wir unsere Kultur stiefmütterlich behandeln", sagt er.

Im Landeskirchenamt will der Fachbeauftragte für das Orgelwesen aber auch nicht zu schwarz malen. "Was erstaunlich gut funktioniert, sind Orgelkonzerte. Da ist die Nachfrage da", sagt Tobias Haase. Aus seiner Sicht geht es darum, über den Kreis der Kirchenmitglieder hinaus Menschen für das Instrument zu begeistern. "Wir müssen eine Lobby für Orgeln schaffen", sagt er.

Quelle: dpa

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