ThüringenNepp und Datenklau: Der Beratungsbedarf der Thüringer steigt

Bin ich Datenmissbrauch aufgesessen? Ist meine Geldanlage sicher? Viele Thüringer wenden sich mit solchen Fragen an die Verbraucherzentrale. Sie hat ihre Beratungsangebote ausgebaut - auch regional.
Erfurt (dpa/th) - Nepp bei einer vermeintlichen Dienstleistung oder die Angst, im Internet betrogen worden zu sein: Tausende Thüringer wenden sich mit ihren Problemen jährlich an die Verbraucherzentrale. "Der Beratungsbedarf ist gestiegen, viele Verbraucher stehen unter Druck", sagte der Geschäftsführer der Verbraucherzentrale Thüringen, Ralph Walther, der Deutschen Presse-Agentur in Erfurt. "Wir haben mit mehr Beratungsangeboten reagiert."
"Die Leute verlieren gerade sehr viel Geld durch Anlagebetrug", sagte Rebecca Bergmann, die die Erfurter Beratungsstelle der Verbraucherzentrale leitet. Das sei einer der aktuellen Schwerpunkte der Beratungen. Menschen erhielten vermeintlich sichere Empfehlungen zur Geldanlage über die verschiedenen sozialen Netzwerke. "Legen Sie 250 Euro an, wir machen viel Geld daraus", sei nur eine der Versprechungen. Und dann würde immer mehr Geld angeblich gut angelegt.
Verbraucher verlieren viel Geld
Wenn es um die Rückzahlung plus des versprochenen Gewinns gehe, breche der Kontakt zu dem Pseudo-Berater unvermittelt ab. Oft würden die unlauteren Angebote mit gut gemachten Fake-Videos beworben. "Das Geld ist größtenteils weg, mitunter können wir die Aktionen aber wenigstens stoppen", so Bergmann. "Wir schicken die Verbraucher auch zur Polizei." Am besten sei jedoch eine Beratung, bevor Geld überwiesen werde.
Die durchschnittliche Zahl der Beratungen - dabei gehe es auch um die verschiedensten Aspekte des Verbraucherrechts - ist in diesem Jahr nach Angaben der Verbraucherzentrale um etwa ein Viertel höher als 2025. Dabei seien Energie-Beratungen noch nicht einmal berücksichtigt. Nach nur neun Monaten habe die Verbraucherzentrale bereits 94 Prozent des Vorjahreswerts an Rechts- sowie Finanzberatungen erreicht, im Schnitt seien es mehr als 600 Termine monatlich.
Fünf neue Anlaufstellen für Verbraucher
"Neue Beratungsstellen haben daran einen großen Anteil", sagte Walther. Die Verbraucherzentrale habe aber nicht nur ihr Netz an Anlaufstellen, sondern auch ihre Online-Angebote ausgedehnt. Seit dem Herbst 2025 kamen Beratungsstellen in Schleiz, Sonneberg, Hildburghausen und Meiningen dazu, seit diesem September Zeulenroda.
"Das Konzept mit mehr regionalen Angeboten ist aufgegangen", so Walther. Die neuen Beratungsstellen hätten an zwei bis vier Tagen pro Monat geöffnet, um ratsuchenden Verbrauchern eine persönliche Anlaufstelle zu bieten. In der Regel würden sie von Beratern aus anderen Niederlassungen der Verbraucherzentrale mit betreut - beispielsweise Schleiz durch Gera. Für die Rechtsberatung in Hildburghausen und Sonneberg sei ein Jurist gefunden worden.
"Wir hatten Lücken im Süden und Südosten. Diese wurden nun geschlossen, das neue Angebot ist etabliert", sagte der Geschäftsführer der Verbraucherzentrale. "Wenn wir mit unserem Infomobil unterwegs waren, waren wir in der Vergangenheit immer wieder auf den Bedarf nach festen Anlaufstellen angesprochen worden."
Völlig überteuerte Dienstleistungen
Ein aktuelles Problem seien auch bestimmte Dienstleistungen, die im Internet angeboten würden, berichtete Bergmann. Es würden Behördenseiten oder die der Deutschen Post gefälscht und überteuerte Dienstleistungen offeriert. Sie nannte einen Anbieter, bei dem ein Nachsendeauftrag für Post 129,90 Euro koste - ein Mehrfaches von dem, was die Deutsche Post verlange.
Vermehrte Beschwerden von Verbrauchern gebe es auch zu vermeintlichen Rentenauskünften oder Inkassodiensten. Für viel Ärger sorgten Zahlungsaufforderungen für angebliche Abos oder Verträge für Fitnesspläne, Horoskope oder Ernährungsberatung einer Firma mit Sitz in Hongkong. "Oft liegt die Falle für Verbraucher in der Online-Teilnahme an fragwürdigen Gewinnspielen oder Umfragen", so Beraterin Bergmann. "Wir gehen von Datenmissbrauch aus." Die Verbraucherzentralen hätten auf ihren Internetseiten einen Musterbrief, mit dem sich Verbraucher wehren könnten. Zudem gebe es einen Fake-Shop-Finder.
Beratung auch per Video-Chat möglich
Möglich geworden sei das verbesserte regionale Angebot der Verbraucherzentrale auch, weil das Land seinen Zuschuss für die Verbraucherberatung um etwa 200.000 Euro pro Jahr angehoben habe, sagte Walther. "Das Geld verpufft nicht durch gestiegene Kosten, es kommt den Verbrauchern direkt zugute." Auch für die Zeit ab 2028 gebe es gute Signale vom Verbraucherschutzministerium. Thüringen hat derzeit einen Doppelhaushalt bis 2027.
Seit dem vergangenen Jahr können Menschen mit Beratungsbedarf Termine bei der Verbraucherzentrale online buchen und zur Vorbereitung vorab ihr Anliegen schildern. Als Service für Berufstätige oder Ratsuchende, die örtlich gebunden sind, gebe es die Möglichkeit von Video-Chats mit Beratern. Im Mai 2025 sei das Angebot mit Beratungen zu Finanzen und Versicherungen gestartet und inzwischen um Rechtsberatung erweitert worden. Diese koste in der Regel zehn Euro.