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Touristen an einem Badestrand in Kemer im Juli 2016 - das war das schwierigste Jahr für die türkische Tourismusindustrie.
Touristen an einem Badestrand in Kemer im Juli 2016 - das war das schwierigste Jahr für die türkische Tourismusindustrie.(Foto: dpa)
Freitag, 12. Januar 2018

"Buchungszahlen explodieren": Deutsche reisen wieder in die Türkei

Der politische Streit mit der Türkei ist zwar noch nicht beigelegt, viele deutsche Touristen, die das Land gemieden haben, kehren jetzt trotzdem zurück: Die Zahl der Buchungen schnellt in die Höhe. Das liegt nicht nur an den äußerst niedrigen Preisen.

Mehr als 300 Sonnentage im Jahr, schier endlose Strände, guter Service und noch dazu Kampfpreise: Die türkische Riviera gehörte zu den Lieblingszielen deutscher Urlauber. Zumindest galt das bis 2015. Damals erreichte die Zahl der deutschen Besucher in Antalya mit drei Millionen ihren Höhepunkt. Dass sie dann fast um die Hälfte einbrach, dafür sorgten Terroranschläge in der Türkei, die Festnahme von Deutschen und der politische Streit mit Berlin.

Auch wenn der Konflikt noch nicht beigelegt ist, schicken sich die Deutschen nun zur Rückkehr an. Die Buchungen haben deutlich zugelegt. "Mit einem Buchungsplus von 70 Prozent zählt die Türkei zum Saisonauftakt nach zwei rückläufigen Jahren wieder zu den Favoriten deutscher Urlauber", teilte Tui vor Beginn der ersten großen Reisemesse des Jahres, der CMT in Stuttgart, an diesem Samstag mit. Der weltgrößte Tourismuskonzern stockt die Flugkapazität nach Antalya für den Sommer um 100.000 Plätze auf.

"Die Krise ist vorbei - mit Sicherheit"

Alaattin Özyürek von der halbstaatlichen Entwicklungsagentur WDMA in Antalya hofft, dass die Zahl der Deutschen dort 2018 wieder die Drei-Millionen-Marke erreicht - nach rund 1,7 Millionen Bundesbürgern im abgelaufenen Jahr. "Die Krise ist vorbei. Mit Sicherheit", sagt Özyürek vor deutschen Reportern in Antalya. Organisiert hat die Journalistenreise die Investitionsagentur der Regierung, die die deutschen Urlauber in die Türkei zurücklocken möchte.

Der türkische Tourismusminister Numan Kurtulmus.
Der türkische Tourismusminister Numan Kurtulmus.(Foto: dpa)

Außenminister Mevlüt Cavusoglu, dessen Wahlkreis in Antalya liegt, hatte die "deutschen Freunde" schon zum Jahreswechsel zum Urlaub in der Türkei aufgerufen. Politische Spannungen - um deren Entschärfung sich Ankara seit Kurzem bemüht - dürften dem nicht im Wege stehen, sagte er.

Tourismusminister Numan Kurtulmus sagte am Donnerstag, er rechne damit, dass in absehbarer Zeit nicht nur die Zahl der ausländischen Besucher insgesamt, sondern auch die der deutschen wieder Rekordwerte erreiche. Bis 2023 - zum hundertjährigen Bestehen der Republik - wolle die Türkei die Zahl der Besucher um fast 50 Prozent auf 50 Millionen erhöhen, darunter sechs bis sieben Millionen Deutsche. Zum Vergleich: 2016 reisten nur noch 3,9 Millionen Bundesbürger in die Türkei, die meisten davon nach Antalya. 2017 waren es bis November 3,5 Millionen. Im Rekordjahr 2015 lag die Zahl bei 5,6 Millionen.

Kein reiner Zweckoptimismus

Dass amtliche Aussagen zum Ende der Tourismuskrise über reinen Zweckoptimismus hinausgehen, darauf deuten nicht nur die Tui-Zahlen hin. "Ich würde das wirklich unterschreiben", sagt Deniz Ugur, Geschäftsführer des mittelständischen Reiseanbieters Bentour. Wie bei Tui liegen die Buchungszahlen in den vergangenen 90 Tagen bei Bentour rund 70 Prozent über denen des Vorjahreszeitraums. Regelrecht explodiert seien die Türkei-Buchungen seit Weihnachten, sagt Ugur. Seitdem habe seine Firma ein Plus von 200 Prozent verzeichnet. Er erwartet, "dass wir wieder auf das Niveau von 2015 zurückkommen".

2015 war die letzte Saison vor der Tourismuskrise. Im Herbst begannen dann Anschläge, die die Terrormiliz Islamischer Staat und später auch eine Splittergruppe der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK in Istanbul und Ankara (allerdings nicht in Antalya) verübten. Ende 2015 führte der Abschuss eines russischen Kampfjets durch die Türkei zu einem dramatischen Einbruch der Touristenzahlen aus Russland.

Auswärtige Amt verschärfte die Reisehinweise

Einige leere Liegestühle: Touristen am Strand von Antalya im August 2017.
Einige leere Liegestühle: Touristen am Strand von Antalya im August 2017.(Foto: imago/ITAR-TASS)

2016 und 2017 eskalierten zudem Spannungen mit Berlin. Immer mehr Bundesbürger wurden in der Türkei inhaftiert, nach Überzeugung der Bundesregierung aus politischen Gründen. Das Auswärtige Amt verschärfte die Reisehinweise und warnt Bundesbürger seitdem vor willkürlichen Festnahmen, zu denen es auch in "touristisch frequentierten Regionen" kommen könne. Tourismusminister Kurtulmus fordert die Bundesregierung nun dazu auf, den Hinweis wieder zu entschärfen. Man erwarte von Berlin die Botschaft, "dass es für deutsche Bürger nicht gefährlich ist, die Türkei zu besuchen".

2016 war das schwierigste Jahr für die türkische Tourismusindustrie. Die Zahl der ausländischen Besucher insgesamt brach von 36,2 Millionen im Vorjahr auf 25,4 Millionen ein. 2017 konnte die Türkei den Verlust zwar nicht gänzlich wettmachen, aber immerhin steigerte sich die Zahl der Besucher nach vorläufigen Angaben des Tourismusministers wieder auf gut 32 Millionen. Dazu beigetragen haben staatliche Subventionen. Seit der Krise werden Charterflieger in die Türkei bezuschusst. Zugleich stiegen die Preise für andere Mittelmeer-Ziele wie Spanien oder Griechenland.

Bentour-Geschäftsführer Ugur, der alle diese Länder im Angebot hat, sagt, in der Hochsaison 2017 habe eine vierköpfige Familie beispielsweise für eine neuntägige Pauschalreise in ein Fünf-Sterne-Hotel in Spanien durchschnittlich 5100 Euro hinblättern müssen. In der Türkei seien es 3000 Euro gewesen. Auch das Sicherheitsgefühl habe sich gebessert, sagt Ugur. Schwere Anschläge in der Türkei seien 2017 ausgeblieben. Pauschaltouristen hätten außerdem erkannt, dass sie nicht Gefahr liefen, in der Türkei festgenommen zu werden. "Ich sage allen Kunden: Da könnt Ihr ohne Bedenken hinfahren."

Die politischen Spannungen machen den Reiseanbieter trotzdem nervös. "Die Formulierungen in der Diplomatie sollten vielleicht ein bisschen besser durchdacht werden", sagt Ugur vorsichtig. Gemeint sind vor allem die Nazi-Vergleiche von türkischen Regierungsvertretern an die Adresse Deutschlands aus dem Frühjahr.

Wer bislang nämlich kaum zurückkommt: Premium-Kunden, die nicht auf den Preis schielen und bereit sind, etwa für einen Golfurlaub viel Geld in die Hand zu nehmen. "Die haben wir verloren in der Krise", sagt Ugur. Bei ihnen handele es sich um eine gut informierte Klientel, die aus politischen Gründen nicht mehr in die Türkei reise. "Ein Beispiel: Wir machen an Silvester immer ein Golfturnier", sagt Ugur. In guten Zeiten seien dafür 100 Kunden nach Antalya gekommen. "2016/2017 haben wir nur 20 gewinnen können." Immerhin: Zum Jahreswechsel kürzlich seien es schon wieder 60 gewesen.

Quelle: n-tv.de