Reise

Ein Kreuzfahrtneuling auf See Unsere kleine Stadt

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Die "MSC Musica" im Hafen von Venedig - noch dürfen die Schiffe nahe der Altstadt anlegen.

Markus Lippold

Man liebt es oder man hasst es: Kreuzfahrten polarisieren. Dabei sind sie angesagt wie nie, die Rundumversorgung ist verführerisch. Doch nicht alles läuft glatt und das schlechte Gewissen fährt oft mit. Eine Reiseerfahrung mit nebulösem Ausgang.

Steht man erstmals in natura davor, kann man es nicht fassen. Dieser Koloss ist groß wie ein Hochhaus, lang wie ein Olympiastadion und ausgestattet wie eine Kleinstadt. Schließlich leben hier auch so viele Menschen, wie manch ein verschlafenes Städtchen Einwohner hat.

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Einfach mal Meer und Wellen genießen? Dazu muss man sich einen ruhigen Platz suchen.

(Foto: Markus Lippold)

Die "MSC Musica" gehört zur Kreuzfahrtflotte von MSC, einer der größten Schifffahrtsgesellschaften der Welt. Und für sieben Tage ist sie mein Zuhause. Wenn die ganze Familie in See sticht, kann man sich dem schließlich schlecht entziehen. Also geht es auf die erste Kreuzfahrt.

Die Vorbehalte sind groß. Kreuzfahrten - Geißel der Meere, schädlich für die Umwelt, unbeliebt bei den Einwohnern der Hafenstädte, eine Ausgeburt des Massentourismus'. Das lässt sich kaum leugnen. Das schlechte Gewissen fährt also schon mal mit. Andererseits: In sieben Tagen Venedig sehen, Athen, Olympia und ein paar andere Orte in drei Ländern. Rundumversorgung inklusive. Das schafft man kaum auf herkömmlichem Weg. Eine Seefahrt gibt es noch obendrauf - das weckt romantische Bilder im Kopf, Sonnenuntergang auf dem Meer.

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Eine Minigolfanlage mit fünf Löchern befindet sich an Bord, genau wie ein Platz für Tennis und Basketball (rechts oben).

(Foto: Markus Lippold)

Kein Wunder, dass Kreuzfahrten populär sind. Die Veranstalter bauen ihr Angebot in den kommenden Jahren sogar noch massiv aus. Vom Luxus, der einst mondäne Schiffspassagen umwehte, ist freilich nicht viel übrig. Man denkt eher an ein schwimmendes Ferien-Resort. Kuscheliger Massentourismus auf dem Meer.

Tausende Menschen strömen in die Städte

Das Amüsement ist umfassend - inklusive nerviger Animateure, die für gute Stimmung sorgen wollen. An Bord gibt es Restaurants, Bars und Lounges, Fitnessstudio und Spa, Spielplätze und Discos, ein Kasino und ein Theater. Auf den Oberdecks warten mehrere Pools, ein Tennis-Basketball-Platz und eine kleine Minigolfanlage. Man kann sich austoben - wenn man das mit Hunderten anderen Menschen drumherum tun will. Ruhige Flecken sind rar, man muss sie suchen. Die letzte Zuflucht ist die Kabine, im Idealfall mit Balkon. Von hier aus kann man Meer und Land beobachten, lesen oder einfach mal ausspannen, bevor man sich wieder ins Getümmel stürzt.

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Im italienischen Brindisi macht das Schiff direkt an der Altstadt fest - gut für die Passagiere, aber auch für die Anwohner?

(Foto: Markus Lippold)

Teile des Tages verbringt man ohnehin auf Landgängen. Dann strömen mehr als 2000 Passagiere aus dem Bauch des Schiffes. Oft wartet schon eine Busarmada am Hafen, um die Leute weiterzufahren. Es sei denn, die Schiffe machen gleich in Altstadtnähe fest. Manche Städte verkraften diesen Massenansturm besser als andere. Vielleicht muss man es selbst erlebt haben, um zu begreifen, was für ein Kraftakt das ist, vor allem für die Anwohner. So kann man auch besser nachvollziehen und verstehen, dass Venedig die Schiffe aus dem Zentrum verbannen will.

Für die Passagiere, die an Land gehen, gibt es sodann zwei Möglichkeiten: Man kann an geführten Touren teilnehmen, die extra kosten, aber sich durchaus lohnen können, oder man geht auf eigene Faust los, was sich bei kleineren Städten lohnt. Auf dieser Tour lassen sich das süditalienische Brindisi oder die wunderschöne Altstadt Kotors in Montenegro locker zu Fuß entdecken. Auch Fira auf der griechischen Insel Santorini kann man per Fuß erreichen - wer andere Teile der berühmten Insel erkunden will, braucht ein Auto. Nach Olympia, zur Akropolis und durch Korfu ging es per Bus und mit Reiseleiterin. Diese Touren waren gut organisiert und lehrreich. Die deutschsprachigen Reiseleiterinnen waren in allen Fällen sehr kompetent. Ohnehin bieten die Landgänge eine Vielzahl an Eindrücken und schöner Momente innerhalb kürzester Zeit - das bleibt lange im Gedächtnis.

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Über Treppen wie diese werden die Passagiere an Land gelassen - vor allem bei der Rückkehr bilden sich lange Schlangen.

(Foto: Markus Lippold)

Man muss bei all den Sehenswürdigkeiten eben nur aufpassen, dass man rechtzeitig wieder am Schiff ist. Vor den Eingängen bilden sich dann lange Schlangen. Denn bei der Rückkehr wird nicht nur die Identität überprüft, sondern auch die Taschen werden durchleuchtet. Waffen sind an Bord streng verboten, auch Alkohol darf man eigentlich nicht mitbringen - die Realität sieht da aber etwa anders aus. Auch wenn ein Kreuzfahrtschiff einem Hotel ähnelt, gibt es hier doch mehr Regeln. Kein Wunder, leben hier doch mehrere tausend Menschen auf engstem Raum zusammen, das erfordert sehr viel Organisation.

Das Trinkgeld-Ärgernis

Als wichtigstes Utensil erweist sich auf dem Schiff die Bordkarte. Mit dieser meldet man sich an und ab, man bezahlt aber auch mit ihr - die Beträge landen dann auf der Bordrechnung. Und Geld ausgeben kann man zur Genüge: Duty-Free-Shop und Boutiquen locken mit Schokolade und Schnaps, Uhren und Parfüm. Man kann sein Geld im Kasino verpulvern oder seine Reise von einem Fotografen begleiten lassen, den man extra löhnen muss. MSC ist kreativ, wenn es darum geht, hier und dort noch ein kostenpflichtiges Extra unterzubringen.

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Bayerischer Thementag auf dem Oberdeck - die Animateure sollen für Stimmung sorgen.

(Foto: Markus Lippold)

Das gilt selbst bei der Verpflegung. Generell ist das Essen inklusive. Auf dem 13. Deck etwa findet sich ein mehrere hundert Meter langes Buffet, das täglich 20 Stunden geöffnet hat und ein nahezu dekadentes Überangebot aller erdenklichen Speisen anbietet: von Pizza und Pasta über Hamburger und Reispfanne bis Obstsalat und Süßkram - viel Fast Food ist dabei. Man kann seinen Körper hier ohne Probleme malträtieren, sieben Tage lang, bis zum Platzen. Abends geht's dann ins Restaurant mit gehobener Küche. Das ansprechende Menü bietet auch mal ausgefallene Gerichte. Jeder Gast hat hier einen festen Platz und Kellner.

Getränke muss man an Bord aber bezahlen, einzeln oder per Marke, die man im Paket erwerben kann. Kostenloses Wasser, Kaffee und Tee - zum Frühstück auch grässlichen Instant-Orangensaft - bekommt man nur an besagtem Buffet. Vorausdenkende Passagiere füllen hier gleich ganze Flaschen auf, um sich den ständigen Weg an Deck 13 zu sparen. Natürlich wird man auch an den unzähligen Bars im gesamten Schiff bewirtet. Im Kleingedruckten liest man dort, dass pauschal 15 Prozent Trinkgeld fällig werden. Eine ziemlich freche verdeckte Preiserhöhung. Trinkgelder seien an Bord "üblich", informiert MSC schon beim Boarding. Auf der Bordrechnung findet sich denn auch eine "Trinkgeldempfehlung" von zehn Euro pro Person und Tag, für die "Anerkennung der guten Service-Leistung". Dieser kann man allerdings widersprechen - und bei Bedarf persönlich Trinkgeld übergeben. Es ist eine Unsitte, Gästen Trinkgeld abzuknöpfen und es von vornherein als Bezahlung der Mitarbeiter einzurechnen - egal, wie gut der Service ist.

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Mehrere Pools - mit Salzwasser - laden zum Baden ein.

(Foto: Markus Lippold)

Womit wir auch schon bei einem weiteren Problem sind: der Sprache. Ein kleines Babel hat sich hier zusammengefunden: Vermutlich ist halb Europa auf dem Schiff vertreten, aber auch Amerikaner, Chinesen und Japaner reisen mit - man hört es an den Durchsagen in mehreren Sprachen. Wer nur Deutsch spricht, kommt beim Personal nicht weit. Englisch oder Italienisch ist hilfreicher. Kein Problem, wenn man ein Getränk bestellt, wohl aber, wenn es an der Rezeption um wichtigere Sachen geht. Nur wenn man Glück hat und geduldig ist, trifft man dort auf einen Mitarbeiter, der gut Deutsch spricht.

Entspannte Atmosphäre

Bleibt die Frage, ob die Kreuzfahrt die eigenen Vorurteile bestätigt hat. Wie so oft heißt die Antwort: Ja und Nein. Nur eins steht fest: Kreuzfahrten sind umstritten und sie werden es bleiben. Der Massenauflauf an Bord war allerdings nicht so schlimm wie befürchtet - auch wenn man öfter mal anstehen musste. Angesichts der Größe des Schiffes verteilen sich die Passagiere ganz gut, sieht man mal von Hotspots wie dem Gute-Laune-Oberdeck und dem Buffet ab. Man findet sogar ruhige Plätze. Wer abends die Livemusik - von Schlager bis Dance - in den verschiedenen Lounges nicht mag, kann sich in die Weinbar setzen, ins Spielzimmer oder die kleine Bibliothek.

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Auch das ist Kreuzfahrt: traumhafte Sonnenuntergänge über dem Mittelmeer und viele schöne Eindrücke aus den besuchten Städten.

(Foto: Markus Lippold)

An Bord werden viele Interessen bedient: Im Fitnessstudio kann man mit Blick aufs Meer joggen, man kann Tanzstunden nehmen. Das Theater bietet ein täglich wechselndes Programm mit Musikstücken - nicht anspruchsvoll, aber okay. Ist man eine Woche unterwegs, hat man aber ohnehin kaum Zeit, alles auszuprobieren. Oder man zieht sich gleich in die Kabine zurück und genießt den Blick aufs Meer - dann kommt wenigstens das Gefühl einer Seereise auf. Wobei die Ruhe durch die stetig laufende Klimaanlage in der Kabine gestört wird, die man nicht abschalten kann. Zusammen mit den knarzenden Deckenpaneelen kann sie einem schon mal den Schlaf rauben.

Die Atmosphäre an Bord ist trotzdem recht entspannt - was auch am meist freundlichen Personal liegt. Und an Urlaub und Sonne. Dass man täglich noch verschiedene Städte mit ganz eigenem Charakter zu sehen bekommt, macht die Sache sehr abwechslungsreich. Das ist der Vorteil einer Kreuzfahrt. Der Nachteil: Nie taucht man wirklich in eine Stadt ein. Die Landgänge sind stets nur eilige Stippvisiten.

Ein unrühmliches Ende

Individualtouristen wenden sich da mit Grausen ab. Was da an Bord geboten wird, ist denn teilweise auch absurd übertrieben. Braucht man einen drei Decks hohen Wasserfall auf einem Schiff? Nicht wirklich. Warum gibt es hier mehr Fahrstühle als in so manchem Hochhaus? Vielleicht kann es auch mal eine Nummer kleiner sein: weniger verschwenderisch, weniger angeberisch. Dass hier mitunter mondäner Anspruch und Wirklichkeit auseinanderklaffen, merkt man etwa an jenen Abenden, an denen in den Restaurants Gala-Kleidung empfohlen wird: Nur wenige Passagiere haben tatsächlich Smoking oder dunklen Anzug dabei. Am Ende bleibt es oft beim Hemd.

Wer an Bord eines Kreuzfahrtriesen geht, sollte aber auch nicht vergessen, dass diese Art des Urlaubs generell problematisch ist. Im Bordfernsehen verkündet MSC, dass dem Unternehmen die Umwelt am Herzen liege. Ernst nehmen darf man das nicht. Tatsächlich ist die Umweltbilanz der Schiffe schlecht. Wer mitfährt, sollte sich dieser Probleme bewusst sein. Kein Wunder, dass sich die Kritik mehrt - wie in Venedig.

Die Stadt - oder besser: das Wetter in der Stadt - sorgte dann auch noch für ein unrühmliches Ende der Reise. Nebel verhinderte die Einfahrt der "Musica" in den Hafen. Sechs Stunden musste das Schiff warten, bevor es weiterging. Die Passagiere, die auf gepackten Koffern saßen, wurden zunächst aufgefordert, in den Kabinen zu bleiben. Später sollte man diese verlassen, da sie für den nächsten Gäste vorbereitet werden mussten - das Schiff tourt schließlich ununterbrochen. Ein Prozedere, wie in solchen wetterbedingten Situationen vorgegangen wird, gab es offenbar nicht - es herrschte Unklarheit. So sammelten sich Hunderte Menschen mit ihrem Handgepäck in den Lounges und Bars sowie im Theater, wo kleine Filmchen gezeigt wurden. Informationen über die aktuelle Lage waren allerdings rar - zum Ärger der Passagiere.

Quelle: n-tv.de

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