Inzwischen Nachwuchs-TrainerDer dicke "Fredl" Nerlinger
Manfred Nerlinger war das bayerische Urviech unter den Gewichthebern. Er stemmte sich mit Riesengewichten von Titel zu Titel. Was macht "Fredl" eigentlich heute?
Zwei Bockwürste, zwei Brötchen und zwei Cola in einer Minute. "Ich weiß, das ist ungesund, und abnehmen will ich auch", entschuldigt sich Manfred Nerlinger. "Aber ab und zu muss es einfach mal sein." Immerhin hat der ehemals superschwere Welt- und Europameister im Gewichtheben sein "Kampfgewicht" schon von 165 auf 145 kg reduziert und ist damit seinem Ziel, das "so zwischen 110 und 125 Kilo liegt", schon ein gutes Stück näher gekommen.
Sportsoldat Manfred Nerlinger ist sich seiner Vorbildrolle bewusst. Schließlich betreut der 43-Jährige, der in seiner 1973 begonnenen Gewichtheber-Karriere 30 internationale Medaillen gewann, seit zwei Jahren als Jugend-Bundestrainer die besten deutschen Nachwuchs-Athleten. "Die Jungs sollen einmal die Lücken schließen, die sich ergeben, wenn die aktuellen Stars wie Ronny Weller und Oliver Caruso mal nicht mehr aktiv sind." In diesen Tagen drückt Nerlinger vor allem Weller und Caruso die Daumen, wenn sie bei der WM in Vancouver an die Hantel gehen: "Wir brauchen die Erfolge, damit unser Sport auch nach Olympia 2004 in Athen gut gefördert wird."
Erste Olympia-Medaille 1984
Nerlinger selbst hievte einst mit seiner markanten Figur, seiner stets offen und ehrlich geäußerten Meinung und einer sportlichen Ausdauerleistung mehr als ein Jahrzehnt lang den Nischen-Sport Gewichtheben in den Fokus des bundesdeutschen Interesses. 1984 wurde "Fredl" als 24-Jähriger bei seinem ersten Olympia-Auftritt gleich Dritter.
Damals in Los Angeles waren aber die Stars des Superschwergewichts wegen des Boykotts der Ostblock-Staaten nicht am Start, die Leistung des schwergewichtigen Bayern wurde noch unter der Rubrik "Zufall" abgehakt. „Das hat mich nicht gestört ", erinnert sich der Hüne aus dem Münchner Stadtteil Forstenried." Es war mein erster großer Wettkampf. Ich habe das olympische Flair genossen. Und dann am Ende noch eine Medaille. Es war gigantisch."
1988 holte sich Nerlinger in Seoul Olympia-Silber, und in Barcelona dann nochmals Bronze. Ronny Weller, der damals Gold gewann, konnte der Bayer ein Jahr später besiegen. Bei der WM in Melbourne 1993 gelang Nerlinger mit 247,5 kg ein Weltrekord im Stoßen. "War das ein wackliger Versuch. Aber Weller war leichter als ich, und wir beide standen bei 245 kg. Ich brauchte den Rekord unbedingt für den Sieg. Das war eine der größten Leistungen meiner Karriere." 1993 war überhaupt Nerlingers bestes Jahr. Nach überstandener Knieoperation wurde er Zweikampf-Europameister, mit dem ASV Ladenburg deutscher Mannschaftsmeister und holte drei WM-Medaillen. 1997 beendete Nerlinger offiziell die Karriere.
Trainer und Geschäftsmann
"Seit drei Jahren geht nix mehr", sagt Nerlinger, den gesundheitliche Probleme mit der rechten Hüfte und dem rechten Knie behindern. Sein tägliches Fitness-Programm besteht aus Kniebeugen, dem Fahrrad-Ergometer und dem Willen zum Abnehmen.
Beruflich führt der Vater von zwei Kindern gemeinsam mit Ehefrau Marina eine kleine Firma für Gewichtheber. Zudem ist er als Hauptfeldwebel der Bundeswehr abgesichert. In der Sportfördergruppe Neubiberg verantwortet er die Aus- und Weiterbildung der Soldaten.
Einen großen Teil seiner Dienstzeit aber arbeitet der ehemals stärkste Mann der Welt für den Bundesverband Deutscher Gewichtheber. Nerlinger koordiniert die Stützpunkte in fünf Bundesländern. Zudem leitet der ausgebildete Diplomtrainer im Bundesleistungszentrum Leimen die Lehrgänge für die besten Nachwuchs-Athleten und ist engster Vertrauter von Cheftrainer Frank Mantek.
Von Peter Stracke (Sport-Informationsdienst)