Fußball-WM 2019

Was von der WM 2019 übrig bleibt VAR und Infantino nerven, DFB-Team hadert

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Deutsche Enttäuschung, deutsche Hoffnung: Giulia Gwinn dürfte eines der Gesichter des neuen DFB-Teams sein.

(Foto: imago images / HMB-Media)

Vier Wochen dreht sich in Frankreich alles um den Ball, nun geht die Fußball-Weltmeisterschaft zu Ende. Was bleibt in Erinnerung? Die deutschen Spiele eher nicht – das DFB-Team hat den Anschluss an die Weltspitze derzeit verloren, schon im Viertelfinale war Schluss für die Elf von Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg. Gut möglich allerdings, dass das schon in zwei Jahren bei der Europameisterschaft in England wieder ganz anders aussieht. Überzeugt haben dafür die zukünftigen Gastgeber – das Team von Phil Neville ist innerhalb weniger Jahre in die Weltspitze aufgestiegen. Berauschenden Fußball spielten sie unter anderem im Halbfinale gegen die USA. Es war eines der prägenden Spiele dieses Turniers. Ebenfalls prägend war das häufige Eingreifen der Videoschiedsrichter. Dank der modernen Technik sind Nachspielzeiten von mehr als fünf Minuten keine Seltenheit mehr. Eine Bilanz im Detail:

DFB sucht Anschluss – MVT kann helfen

Kein Titel – und auch keine Olympischen Spiele im kommenden Jahr. Das DFB-Team hat seine Ziele klar verfehlt. Weil es nicht ins Halbfinale einziehen konnte, wird es in Tokio den Olympia-Titel nicht verteidigen können. Das ist bitter für Voss-Tecklenburg und ihre Spielerinnen, die mit hängenden Köpfen und Tränen in den Augen aber nicht unverdient nach der 1:2-Pleite gegen den späteren WM-Dritten Schweden aus Rennes abreisten. Das nächste Turnier steht jetzt erst 2021 an. Viel Zeit also, sich zusammenzuraufen und zu berappeln, betonte auch die Trainerin: "Wir müssen auch die Chance sehen, dass es uns nun Zeit und einen Rahmen gibt, Entwicklungen anzuschieben und bei der EM 2021 eine gute Rolle zu spielen." Denn viel Zeit gab es vor der WM tatsächlich nicht – nur vier Spiele mit der 51-Jährigen an der Seitenlinie absolvierte das DFB-Team, bevor es nach Frankreich aufbrach.

Dabei wird es Zeit, dass wieder Konstanz beim DFB einkehrt. Nach einer chaotischen Phase unter Steffi Jones mit der völlig verkorksten EM 2015 und dem Rettungseinsatz von Horst Hrubesch soll Voss-Tecklenburg nun wieder für einen Aufschwung sorgen. Und sie bekommt die Zeit dafür, betonten die Verantwortlichen des Verbandes. Sie habe "in der kurzen Zeit schon sehr viel bewegt", sagte DFB-Direktor Oliver Bierhoff. "Wir haben viele tolle Ansätze gesehen, die Erneuerung schreitet voran. Dafür können wir uns bei Martina und ihrem Trainerteam nur bedanken und sie ermuntern, diesen Weg konsequent fortzusetzen."

Das wird Voss-Tecklenburg motivieren, diesen Rückschlag zu verarbeiten, von dem sie selbst sagte: "Das haben wir jetzt zum ersten Mal im Turnier erlebt, wir müssen das sauber analysieren." Zur Analyse gehört dazu, dass die Abwehr teilweise zu fahrig agierte, die Passkombinationen häufig nicht funktionierten und die Spielerinnen sich vom ersten Rückstand im Turnier völlig aus dem Konzept bringen ließen. Doch Voss-Tecklenburg sollte es mit ihrer Souveränität und Gelassenheit, aber auch ihrer Leidenschaft schaffen, den teilweise sehr jungen Spielerinnen Selbstvertrauen zu schenken und auch spielerisch weiterzuentwickeln. Überhaupt wird sie mit dem Großteil des Teams auch für die EM planen können, bislang ist einzig die Älteste des Kaders, die 33-jährige Lena Goeßling, zurückgetreten. Voss-Tecklenburg hatte ihr Team schon vor dem Turnier verjüngt, etwa mit der 17-jährigen Lena Oberdorf oder der 19-jährigen Giulia Gwinn. Personalien, die die Trainerin veranlassten zu sagen, diese könnten noch zwölf bis 15 Jahre spielen. "Da weiß ich gar nicht, ob ich dann noch dabei bin." Um den Anschluss an die Weltspitze wieder herzustellen, ist das eine gute Voraussetzung. Zusammenspiel, Zusammenhalt und Vertrauen in die eigene Stärke wachsen, je öfter das Team gemeinsam trainiert.

Infantinos Aufstockungswahn greift Niveau an

Was sagt ein Funktionär nach einem Turnier? "Es war das beste aller Zeiten!" Dass man sich hinterher ordentlich selbst beweihräuchert, ist ein ungeschriebenes Gesetz – und Fifa-Präsident Gianni Infantino hält sich natürlich gerne daran. Die Fußball-Weltmeisterschaft in Frankreich war noch nicht beendet, als er sie adelte: "Die WM war phänomenal, unglaublich, emotional, großartig, fantastisch", sagte er bei der Abschlusspressekonferenz des Verbands. Damit die nächste im Jahr 2023 noch großartiger wird, forderte er eine Aufstockung von 24 auf 32 Teams. Kritik, dass das sportliche Niveau darunter leide, konterte er mit den Worten, das sei "geringer als bei den Männern". Und bekanntlich wird deren WM ab 2026 mit 48 statt 32 Teams ausgetragen. Ein gutes Argument ist das freilich nicht.

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Im hochkarätigen Halbfinale zwischen den USA und England ging es eng zu.

(Foto: imago images / MB Media Solutions)

Ergebnisse wie das 13:0 der USA gegen Thailand, das sehr einseitige 4:0 der Französinnen im WM-Eröffnungsspiel gegen Südkorea oder das 5:0 der Italienerinnen gegen Jamaika zeigten, dass die Unterschiede teilweise noch groß sind. Je mehr Teams, deren Qualität diesmal nicht für eine Qualifikation gereicht hatte, teilnehmen werden, desto öfter dürfte es derart hoffnungslos unterlegene Gegner geben. Denn nur, weil sich Teams qualifizieren, werden sie noch lange nicht besser gefördert. Das etwa war zu sehen bei den Nigerianerinnen, die sogar das Achtelfinale gegen Deutschland erreichten, nach der 0:3-Niederlage aber nicht aus dem Hotel abreisten, weil sie so ausstehende Prämien erstreiken wollten.

Klar ist aber auch: Derartig deutliche Partien waren Ausnahmen, das Niveau ist in den vergangenen Jahren exorbitant gestiegen, sagte auch der Fan der Fußballfrauen und Ex-Profi Ansgar Brinkmann im Interview mit n-tv.de: "Es ist noch nicht lange her, da gab es zwei oder drei Top-Teams. Selbst an einem schlechten Tag haben die dann 2:0 gewonnen. Das war ein bisschen langweilig. Heute müssen die Favoriten ihre Leistung voll abrufen in jedem Spiel. Sie müssen an ihr Limit gehen, damit sie weiterkommen - auch gegen sogenannte Underdogs. Es werden keine Geschenke mehr verteilt." In der Tat gab es viele spannende Spiele – und einige absolute Highlights während des Turniers: Das Viertelfinale zwischen dem Gastgeber Frankreich und den USA, deren Halbfinale gegen England, aber auch das Achtelfinale zwischen Japan und den Niederlanden. Weil es Spiele auf Augenhöhe waren, weil sie nichts an Können und Kampf vermissen ließen, weil sie bis zum Abpfiff spannend waren. Das war beste Werbung. Aber nicht immer wird alles besser, wenn man es größer macht und damit mehr Underdogs zulässt.

VAR unterbricht ungewöhnlich häufig das Spiel

Während es früher immer irgendwie die obligatorische Nachspielzeit von einer Minute nach der ersten Halbzeit und drei Minuten nach der zweiten gab, sieht das bei der Fußball-Weltmeisterschaft ganz anders aus. Hier beträgt eine Nachspielzeit immer wieder sechs Minuten, es dürfen gern auch mal zwölf sein. Weil der Videoschiedsrichter immer wieder eingreift, muss länger nachgespielt werden. "Man kann nicht gleichzeitig akkurat und schnell sein", verteidigte Pierluigi Collina, der Chef der Fifa-Schiedsrichterkommission den Zeitverzug. "Ich glaube, damit liegt er grundsätzlich richtig. Genauigkeit geht vor Schnelligkeit", urteilte n-tv.de Schiedsrichterexperte Alex Feuerherdt von "Collinas Erben".

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Der VAR-Einsatz erhöhte die Entscheidungsqualität, zog aber auch viele Spiele arg in die Länge.

(Foto: imago images / Hartenfelser)

Problem war, dass nicht immer für die Zuschauer im Stadion nachzuvollziehen war, warum die Überprüfung einer Szene so unglaublich lange dauerte. Zwar gab es auf den Leinwänden den Hinweis: "Tor wird überprüft", doch der war nicht immer eindeutig genug. Auch die Spielerinnen fühlten sich in ihrem Spielfluss teilweise extrem gestört, wie etwa die DFB-Frauen sagten. Das erzeugte Unmut und schlug auf die Stimmung. Feuerherdt erklärte: "Der Fußball hat sich rasant entwickelt, er ist schneller, athletischer und professioneller geworden - auch und gerade bei den Frauen. Das fordert auch die Schiedsrichterinnen stärker. Vieles ist auf dem Feld in Echtzeit schwerer zu entscheiden als in früheren Jahren. Damit steigt die Gefahr von Fehlern." Womöglich ein Grund, warum die VAR "ungewöhnlich häufig eingegriffen haben - im Vergleich zur Weltmeisterschaft der Männer etwa doppelt so oft", wie der Schiedsrichterexperte sagte. Ein anderer dürften die verschiedenen Regeländerungen sein, die noch nicht geläufig sind, etwa bei der Ausführung von Elfmetern oder beim Handspiel.

Das häufige Insistieren der VAR mag zwar auf anderes hindeuten, aber insgesamt haben die Schiedsrichterinnen gute Leistungen gebracht, so Feuerherdt: "Die Unparteiischen fanden in der Regel eine zum jeweiligen Spielcharakter passende Linie, waren konsequent in deren Umsetzung und sicher im Auftreten." Dass die VAR zusätzlich "zur Steigerung der Entscheidungsqualität" beigetragen haben, wie Feuerherdt urteilte, sollte künftig allerdings auch den Zuschauern deutlicher erkenntlich gemacht werden.

Quelle: n-tv.de

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