Sport
Samstag, 26. Mai 2007

Doping-Geständnisse: "Inszeniert, kalkuliert, abgesprochen"

Die Geständnisse der vergangenen Tage sind nach Ansicht des Doping-Experten Ralf Meutgens "vermutlich in weiten Teilen inszeniert und im Vorfeld gut kalkuliert und von allen betroffenen Personen besprochen worden". Man müsse davon ausgehen, "dass niemand der sich outenden Radprofis einschneidende Konsequenzen zu befürchten hat", sagte der Autor des Buches "Doping im Radsport" im Interview mit n-tv.de.

Im Radsport herrsche eine regelrechte "Dopingkultur", so Meutgens weiter. "Radprofis werden mehr gehandelt, als dass sie frei handeln können." Die Sozialisation im Radsport beginne bereits sehr früh mit Schmerzmitteln oder Asthmasprays. Später kämen dann verbotene Substanzen dazu.

n-tv.de: Wir haben in den vergangenen Tagen die verschiedensten Geständnisse gehört, karge Presseerklärungen, lange Fernsehauftritte, sehr emotionale Erklärungen unter Tränen. Wie glaubwürdig sind diese Geständnisse?

Ralf Meutgens: Meiner Meinung nach sind diese Geständnisse vermutlich in weiten Teilen inszeniert und im Vorfeld gut kalkuliert und von allen betroffenen Personen besprochen worden. Sie bilden nur einen Teil der Realität der Dopingpraktiken im professionellen Radsport ab. Bislang muss man davon ausgehen, dass niemand der sich outenden Radprofis einschneidende Konsequenzen zu befürchten hat. Udo Bölts hat die nötige Charakterstärke bewiesen, diesen Zirkus nicht weiter mitzumachen. Die emotionalen Regungen der Radprofis waren sicher echt und passen auch zu dem jeweiligen Menschen, den man losgelöst von der Rolle des Radprofis sehen muss, der mehr gehandelt wird, als dass er frei handeln kann.

Zabel und Aldag haben jahrelang abgestritten, je etwas mit Doping zu tun gehabt zu haben. Jetzt haben sie angedeutet, dass praktisch alle ihre Radsport-Kollegen gedopt haben. Wie offen wurde und wird dieses "Geheimnis" unter den Sportlern diskutiert?

Es klang bei den verschiedenen Äußerungen an, dass sich kein Außenstehender das geschlossene, intime System des Radsports, zu dem Doping dazugehört wie Essen, Trinken und Schlafen, auch nur annähernd vorstellen kann. Es gibt zudem keinerlei Unrechtsbewusstsein, und die Tendenz, mit anderen Radprofis über Doping zu sprechen, ist in den letzten Jahren sicher rückläufig. Der erste große Einschnitt erfolgte 1998 durch den Festina-Skandal.

Muss ein dopender Sportler, dem ständig Anti-Doping-Bekenntnisse abverlangt werden, nicht schizophren werden?

Es ist vorstellbar, dass jemand schizophren wird, wenn er das System Radsport verlassen muss, noch die alten Handlungsmuster und Argumentationen verinnerlicht hat, aber niemand aus seinem momentanen direkten Umfeld diese nachvollziehen kann. Daher wird jeder versuchen, mit ausgewählten Personen diese Art der Parallelwelt so lange wie möglich aufrecht zu erhalten. Einsamkeit kann in einer solchen Phase dann tragische Folgen nach sich ziehen, wie der Fall Marco Pantani gezeigt hat.

In den aktuellen Bekenntnissen wird Doping vor allem mit fehlender Kontrolle begründet - nach dem Motto: Wir haben gedopt, weil es möglich war. Ist diese Haltung typisch für dopende Sportler?

Im Radsport herrscht eine regelrechte "Dopingkultur", sofern man hier von Kultur sprechen kann. Die ist historisch gewachsen und tief verwurzelt. Allgemeintypisch ist, dass man auch dopt, wenn man sicher ist, dass dies nicht nachgewiesen kann. Nur ist das heute auch noch der Fall, denn Eigenblutdoping ist derzeit nicht nachweisbar. Ein Nachweisverfahren ist nicht in Sicht. Zudem kommt erleichternd oder erschwerend hinzu, je nachdem auf welcher Seite man steht, dass Blutdoping allgemein bis heute in Deutschland nicht gegen das Arzneimittelgesetz (AMG) verstößt. Der aktuelle Fall in Spanien um den Mediziner Eufemiano Fuentes ist noch lange nicht aufgeklärt.

Aldag und Zabel haben ihren Doping-Gebrauch als persönliche Entscheidungen dargestellt, die sie nun auch persönlich verantworten. Wie muss man sich das vorstellen, wie agieren die Rennställe, um Fahrer zu solchen "persönlichen Entscheidungen" zu bringen?

Wie eben schon angesprochen, Radprofis werden mehr gehandelt, als dass sie frei handeln können. Natürlich können sie als erwachsene Menschen frei handeln, aber sie haben eine typische Sozialisation von jungen Jahren an im System Radsport durchlaufen. Möglicherweise lernen sie von ihren Vätern den frühen Gebrauch von Schmerzmitteln oder Asthmasprays, ohne krank zu sein. Dann lernen sie von ihren Trainern den Gebrauch von verbotenen Substanzen. Und letztendlich von Ärzten auch Dopingpraktiken. Immer sind es Vertrauenspersonen, deren Handeln man nicht hinterfragt. Oft ist man mit diesem Handeln nur einer von vielen und wird dadurch zusätzlich positiv verstärkt. Und allzu oft verbindet man mit diesem Handeln den Erfolg - auch dann, wenn der damit überhaupt nicht in Zusammenhang steht. Über allem steht der unmittelbare Existenzdruck, der sich nur in Form von Erfolg vermindern lässt. Oft muss bis zu einem bestimmten Punkt ein bestimmter Erfolg erbracht werden, damit ein Radprofi auch im nächsten Jahr seinen Vertrag erhält. Persönliche Entscheidungen werden dann von vielen Gedanken eingeengt und selten stellen sich Handlungsalternativen. Nur sehr wenige steigen dann aus dem Radsport aus und verweigern sich diesem systemischen Zwang. Das sind die, die an dieser Stelle dann auch Doping verweigern.

Zabel hat auf seinen Sohn verwiesen und damit die nächste Generation Fahrer ins Gespräch gebracht. Wo beginnt denn das Doping, erst in den Profi-Rennställen?

Doping fällt bestimmt nicht in Form von EPO in einem bestimmten Jahr vom Himmel und verschwindet dann von selbst wieder nach einer bestimmten Zeit. Die Dopingmentalität beginnt, wie gesagt, bereits in der Jugend und endet selten im Profibereich. Eine Lebensweisheit eines Zeitzeugen lautet: "Wer früher etwas genommen hat, muss es weiter nehmen oder wird zum Alkoholiker". Dieses sekundäre Suchtverhalten, bis hin zur exzessiven Drogensucht, ist vielfach beschrieben.

Bei der Pressekonferenz von Aldag und Zabel war die persönliche Verwicklung der Journalisten sehr offenbar, da wurde geduzt und verziehen, als handele es sich um ein Liebespaar, das seine privaten Probleme öffentlich verhandelt. Ist unter solchen Bedingungen überhaupt noch objektive Berichterstattung möglich?

Das ist wunderbar beobachtet und beschrieben. Hätten wir eine objektive Berichterstattung, hätte allerspätestens das Doping-Geständnis des ehemaligen Kölner Radprofis Jörg Paffrath im Jahre 1997 zu einer einschneidenden Änderung führen müssen.

Zabel hat Nebenwirkungen beschrieben, auch Aldag stoppte das Doping schließlich wegen gesundheitlicher Bedenken. Wie hoch sind die gesundheitlichen Risiken für die Fahrer?

Jede Substanz hat bei missbräuchlichem Einsatz mittel- und unmittelbare Wirkungen. Die sind bedeutend erheblicher als die beschriebenen Nebenwirkungen bei einem medizinisch sinnvollen Einsatz. Dazu kommt die so genannte Polypragmasie, das Einnehmen zahlreicher Medikamente aus unterschiedlichen Wirkgruppen zur selben Zeit, was therapeutisch überhaupt keinen Sinn macht. Kommt zu alledem noch die extreme körperliche Belastung hinzu, sind die Auswirkungen nicht mehr annähernd abzuschätzen. Dramatisch ist im Radsport, dass es eine Analogie von Todesarten der Akteure zu den jeweils in dieser Zeit oder vorher offenbar missbrauchten Medikamenten gibt.

Die ersten Todesfälle gab es durch den Einsatz von Amphetaminen: Junge und gesunde Radprofis fielen tot vom Rad. Die nächste Serie von Todesfällen betraf höchstwahrscheinlich diejenigen Radprofis, die zu ihrer aktiven Zeit Anabolika missbraucht haben. Hier gibt es zahlreiche überraschende Todesfälle mit einer Zeitverzögerung von zehn oder mehr Jahren und Todesursachen, die sich auffällig mit den beschriebenen Nebenwirkungen von Anabolika decken. Danach, Anfang/Mitte der 1990er Jahre, gab es zahlreiche Todesfälle junger gesunder Radprofis. Hier wird der missbräuchliche Einsatz von EPO vermutet und fehlende Erfahrungen in der Handhabung. Ab dem Jahr 2003 beginnt eine bis heute nicht erklärbare Serie von 13 (mit Pantani 14) Todesfällen durch Herzversagen. Hauptsächlich in Nicht-Belastungsphasen oder sogar im Schlaf. Was noch nicht abzuschätzen ist, sind die Folgeschäden der modernen Peptid-Hormone wie EPO, Wachstumshormon, IGF1 (Insulinähnlicher Wachstumsfaktor) und andere. Dazu kommen unzählbare körperliche, auch irreversible Schäden. Auch Methoden wie Blutdoping bergen ein hohes Gefährdungspotenzial: Blutbeutel können verkeimen, sie können vertauscht werden - wie höchstwahrscheinlich bei Perez und Hamilton aus dem Phonak-Team -, was einen allergischen Schock auslösen kann. Infusionen können zudem das Blut verklumpen.

Wer entwickelt eigentlich diese Doping-Mittel? Und wie kommen die Sportler an das Zeug? Warum gelingt das meist unbemerkt?

Es sind ja keine Dopingmittel, sondern Medikamente, die zweckentfremdet missbraucht werden. Sie gelangen über illegal handelnde Ärzte, über den Schwarzmarkt oder das Internet in den Sport - und die Gesellschaft. Diese Beschaffungswege sind meist nicht ohne Weiteres nachvollziehbar.

EPO kann in jeder Apotheke legal mittels eines Privatrezeptes gegen Bargeld erstanden werden.

Das Rezept wird nicht archiviert, der Geldfluss ist nicht nachvollziehbar und Käufer und Verkäufer verstoßen gegen kein Gesetz. Einzig der Arzt, der einem Sportler EPO zur Leistungssteigerung verschreibt, handelt illegal. Auch hier müsste der Gesetzgeber entsprechend handeln. Fachleute schätzen, dass der Bedarf der Medizin an EPO und Wachstumshormon nur einen kleinen Teil dieser hergestellten Präparate betrifft. Auch hier gibt es keine Transparenz.

Auch wenn sich die Menschen strahlende Sieger als Helden wünschen: Ist denn Leistungssport, ob nun auf dem Rad oder anders, heutzutage ohne Doping überhaupt noch denkbar?

Der jetzige Bundestrainer der Handballer, Heiner Brand, hat als Sprecher der Diplom-Trainer-Absolventen der Trainerakademie Köln einmal einen entscheidenden Satz gesagt - ich zitiere sinngemäß: "Wenn wir uns für einen dopingfreien Sport einsetzen, dann erwarten wir, dass sich die Zuschauer mit den Leistungen identifizieren, die mit dieser Einstellung erbracht werden". Dem ist nichts hinzuzufügen. Außer vielleicht, dass diese Leistungen durch die Medien transportiert werden und entsprechend kommentiert werden. Auch Journalisten können aus dem Zweiten schon den ersten Verlierer machen.

(Die Fragen stellten Solveig Bach und Hubertus Volmer)

Quelle: n-tv.de